Ungarn

Imre Kertész        „Roman eines Schicksallosen“

Der fast fünfzehnjährige Gyurka (Köves György) beschreibt die Deportation seiner Familie aus Budapest. Aus familiären Gründen bekommt er Schulfrei weil sein Vater dem Zuhause entrissen wird und ins Arbeitslager nach Mauthausen deportiert wird. Das Holzhandelsgeschäft wir an einen arisch sauberen Mitarbeiter, Herrn Sütö und die Bücher der Stiefmutter übertragen. Bald darauf wird auch er selbst ins Arbeitslager „Waldsee“ nach Deutschland verbracht. In jugendlicher Naivität freut er sich am Ankunftsort Auschwitz-Birkenau endlich etwas von der Welt zu sehen. Er freut sich am Ziel zu sein, alles findet sein Gefallen. Nach vier Tagen sitzt er wieder im Güterwaggon nach Buchenwald mit seinen „schmucken grünen Baracken“. Weiter geht es ins Aussenlager Zeitz. Er ist immer positiv gestimmt, denn „auf jedenfall nimmt man etwas Neues mit…“ S. und findet das Leben eigentlich ganz erträglich. Er spät registriert er Hunger und körperlichen Verfall. Die Betten werden doppelt belegt, sein Nachbar stirbt, er schweigt solange es geht und kassiert dessen Essensration zusätzlich. Irgendwann rückt  die Front hörbar näher, der Krankenpfleger Petja richtet die weiße Fahne und der Lagerälteste verkündet per Lautsprecher „wir sind frei“. Nach einem Jahr ist er wieder in Budapest und  er erfährt, dass  sein Vater  im KZ Mauthausen umgekommen ist und seine Stiefmutter  Herrn Sütö geheiratet hat.

Neben Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ sicher das eindrucksvollste Buch über die Schrecken des Dritten Reiches.

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Péter Esterházy      „Das Buch Hrabals“

Ein Schriftsteller quält sich mit einem Buch über den tschechischen Autor Bohumil Hrabal, während seine Frau Anna fiktive Gespräche mit diesem führt. Vor ihrer Tür warten zwei Engel in einem Lada, die immer wieder drastische Rücksprache mit ihren Chef nehmen, der durchaus menschliche Züge trägt und entsprechende Verhaltensweisen an den Tag legt. Weiterhin tritt auf Tante Georgina, die zu viel trinkt und verrückt wird und Annas Mutter.

In drei in Kapiteln geht es in wechselnder Erzählperspektive um Treue und Untreue, ohne dass ein durchgehender Handlungsfaden erkennbar wird. Kritische politische Betrachtungen wechseln mit familiärem Ereignissen. Ein Buch voller postmoderner Ironie und Absurditäten, in das man nur schwer hinein findet und dem man nur schwer folgen kann. Ein Episodenroman und zugleich auch eine Familiengeschichte. Ein postmoderner Text mit vielen intertextuellen Bezügen, das sich nur für fortgeschrittene Leser eignet.

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Sandor Marai       “ Die Nacht vor der Scheidung“

Der junge Richter Christoph Kömüves, 38 Jahre alt, soll am kommenden Tag die Ehe seines ehemaligen Schulkameraden Imre Greiner wegen „böswilligen Verlassens“ scheiden. Anlass für ihn sich zu erinnern, zumal er dessen Frau vor deren Ehe mehrmals getroffen hat. Als er abends nach hause kommt wartet ein später Gast auf ihn, Imre Greiner, sein ehemaliger Schulkamerad, den er am nächsten Tag scheiden soll. Er ist gekommen um ihm mitzuteilen, dass die Verhandlung am kommenden Tag nicht stattfinden kann, da er heute seine Frau Anna ermordet hat und er will von ihm eine Antwort auf eine für ihn entscheidende Frage, die für ihn einem Urteil gleichkommt: „hast du in den vergangenen zehn Jahren von Anna geträumt?“ Anna hat ihn für sechs Monate verlassen und als sie zurück gekehrt ist, bittet sie ihn um ein Gespräch. Sie teilt ihm mit, dass ihr bewusst geworden sei, dass sie seit der ersten Begegnung Christoph Kömüves geliebt hat. Nun will Imre wissen, ob sein Freund auch so empfunden hat. Die Antwort sei hier nicht verraten.

In ersten Teilen des Buches wird die Familie und der Werdegang von Christoph Kömüves erläutert, im zweiten der von Imre Greiner, die sehr unterschiedlicher Herkunft sind. Ein auktorialer Erzähler rollt langatmig in einer altväterlichen Sprache das von Titelsucht und altmodischen Rollenbildern geprägte Geschehen auf. Marai ist ein altmeisterlicher Stilist einer vergangenen Zeit, vergleichbar Stefan Zweig. Dies ist ein psychologischer Roman, in dem sich, wie meist bei Marai, zwei Männer sich zu Aussprache und Abrechnung treffen.In dem aber auch grundlegende Fragen wie : wann sind sich zwei Menschen näher, im Leben oder im Traum? und wie gut kennt man den Partner wirklich? gestellt werden.

Ein auch heute noch lesenswertes Buch, dessen Spannungsbogen sich zwar nur langsam entwickelt, aber dann zu einem fulminanten Ende führt.

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György Dalos           “ Die Beschneidung“

Fünfziger Jahre. Der zwölfjährige stark übergewichtige Robi Singer lebt im Waisenhaus von Buda und besucht gelegentlich seine noch dickere, gehbehinderte Mutter und Großmutter in Pest. Der Vater ist nach dem Krieg an Tuberkulose gestorben. Mit 13 Jahren steht die Bar Mizwa an, die Aufnahme in die Gemeinde. Er ist aber noch nicht beschnitten. Der Berit, der eigentlich am achten Tag nach der Geburt erfolgen soll, wurde bisher versäumt. Seine Mutter verbringt die Tage am liebsten in der Poliklinik um ihre zahlreichen Erkrankungen untersuchen zu lassen, insbesondere ihre Neurasthenie und besucht die Gottesdienste der christusgläubigen Juden. Nur gut, dass sie nicht auch noch an Sinnlichkeit leidet. Robi entwickelt Schreckensvisionen in Zusammenhang mit seiner bevorstehenden Beschneidung. Er macht sich Gedanken darüber, ob er als Jude auch Ungar sein kann und zusätzlich noch Kommunist wie die Großmutter. Dann stirbt auch noch Moric Hafner der Liebhaber seiner Mutter , der mit seiner Beziehung zur Mutter erheblich zur sexuellen Aufklärung Robis beigetragen hat. Dann wird es ernst mit der Beschneidung. Vor einer Kommission der Schule und dem Rabbiner verweigert Robi diese und wird daraufhin der Schule verwiesen. Zur Belohnung bekommt er aber von der Großmutter einen neuen Wintermantel.

Das alles ist aus dem jüdischen Milieu Budapests locker und amüsant erzählt, ein Entwicklungsroman im Rahmen einer Dreiecksbeziehung. Dinge, wie die Gruppenzugehörigkeit,  werden mit Witz und Ironie hinterfragt. Sicher ein weitgehend autobiographischer Roman, der leider zum Ende hin ausufert  und etwas den  den roten Faden verliert.

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György Dragoman     „Der weisse König“

Dieser Episodenroman wird in achtzehn Kapiteln aus der Sicht des elfjährigen Jungen Dzsata erzählt. Es ist das Jahr der Atomkatastrophe von Tschernobyl und das letzte und grausamste Jahrzehnt des Ceaușescu Regimes in Rumänien. Die ersten fünfzehn Jahre seines Lebens verbrachte Dragomán in Târgu Mureș. Er gehörte zu der in Siebenbürgen lebenden ungarischen Minderheit in Rumänien. Erst 1988 emigrierten seine Eltern dann mit ihm nach Ungarn. Die Konstante des Buches ist der Glaube des Jungen an die Rückkehr des verschwundenen Vaters, der mit ihm ans Meer fahren wollte. Aber der Vater kommt nicht wieder auch nicht zum 15. Hochzeitstag nach einem halben Jahr. Er ist im Arbeitslager am Donaukanal, weil er eine regimekritische Petition unterschrieben hat. Es herrschen raue Sitten im Dorf, Drohungen und Schläge sind an der Tagesordnung, insbesondere auch in der Schule.

Sehr lange Sätze verleihen dem Text etwas atemloses, dichtes und intensives. Sätze die den Leser durch ihre Anschaulichkeit fest im Griff haben. Fesselnd und interessant geschrieben in der drastischen Sprache einer Machtgesellschaft und zugleich mit großer Sensibilität. Großartig die Beschreibung des Messerspiels und des Besuchs der Mutter beim Genossen Botschafter in einem Haus voller Trophäen aus Afrika, bei dem ihr Sohn den weißen König von einem Schachbrett ergattert, während seine Mutter sexuell vom Botschafter drangsaliert wird. Der pockennarbige, „Spitzhacke“ genannte Mann, vor dem sich alle fürchten, erweist sich für Dzsata als Helfer in der Not und als freundlicher Vogelliebhaber, der ihm ein Vogelkonzert hören lässt und ihn bittet, ihm von seinem Vater zu erzählen. Er bietet ihm an ihm diesen zu zeigen, macht einen Zauber und ihm erscheint in einem Spiegel sein Vater im Straflager. Er sagt Dzsata auch voraus, dass sein Vater zurückkehren wird, dafür aber eine Geliebte Person sterben muss. Das vielleicht schönste Kapitel des Buches und zugleich eine Beschreibung seiner Erzähltechnik, die wie der Vogelgesang ist, eine betörende Sprachmusik.

Bis auf das letzte, nicht ganz gelungene Kapitel, in dem der Großvater stirbt und sein Vater in Ketten zur Beerdigung erscheint, ist dies ein großartiges, von einem Sprachkünstler geschriebenes Zeitdokument, das den Leser von der ersten Seite an fesselt und nicht wieder los lässt.

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Szilárd Rubin     „Kurze Geschichte von der ewigen Liebe“

Dies ist die Geschichte von Attila, genannt Till und seiner Frau Orsolya, die uns sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten stammen. Er, der Icherzähler, ein brotloser Schriftsteller, sie aus einer deutsch stämmigen, aristokratischen Familie aus dem Banat. In der Erinnerung beschreibt er seine erste Begegnung mit Orsolya auf einer Fahrt mit Freunden nach Mohac. Liebe und erste Zerwürfnisse. Nach der vierten Abtreibung heiraten sie. Die Beziehung bleibt Konflikt beladen. Sie studiert in Budapest, er lebt in Mohac. Sie wollen sich wieder scheiden lassen, trennen sich, um sich die Chance zu geben, sich wieder neu zu entdecken. Aber dazu kommt es nicht mehr. Erst nach 20 Jahren sieht er Orsolya nach einmal von Ferne auf dem Flughafen auf dem Weg in die Mongolei.

Die beiden Hauptpersonen markieren geschichtlich zwei Extreme. Er gehört zur Gruppe der Kriegsgewinner, sie zu den Verlierern. Sie sind gleichermaßen von einander angezogen und abgestoßen. Die Beziehung der beiden bleibt dabei  seltsam steril. Stilistisch ist das Buch altmodisch, pathetisch und umständlich geschrieben. Die Sprache von Jugendlichen wird nicht getroffen. Immerhin  vermittelt es aber gut die Stimmung nach dem Krieg in Ungarn, ein Zeitbild. Insgesamt aber ein langatmiges Buch, das den Leser nicht mitnimmt, also eher eine langweilige Geschichte von der kurzen Liebe.

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Zsuzsa Bánk               „Die hellen Tage“

Die Autorin, die ihre Bücher auf Deutsch veröffentlicht, soll auch hier ihren Platz finden, denn sie wurde als Tochter ungarischer Eltern geboren, die nach dem Ungarnaufstand 1956 in den Westen flohen und ihre Tochter zweisprachig erzogen.

Ort der Handlung dieses Entwicklungsromans ist ein Dorf bei Heidelberg. Im Mittelpunkt stehen zwei Dreierbeziehungen, die von drei Kindern und deren Müttern. Die Väter sind irgendwann abhanden gekommen. Zunächst freunden sich die beiden Mädchen Therese (Seri) und Aja, ein Zirkusmädchen, miteinander an, später auch deren Mütter, Evi und  Maria. Dann ergänzt der wohlerzogene Karl und dessen Mutter Ellen noch den jeweiligen Dreierbund. Wir begleiten die drei Freunde durch Kindheit, Jugend und die Pubertät bis zum Studium, bei dem Karl und Aja ein Paar werden. Es folgt noch eine gemeinsame Zeit in Rom, aber dann trennen sich die Wege. Parallel dazu entwickeln die drei Frauen eine gegenseitige Hilfsgemeinschaft. Jedes der drei Kinder hat einen Schicksalsschlag erlitten und sie sind Einzelkinder, das verbindet sie. Der Verlust ihrer Männer verbindet die Mütter. Und am Ende wird noch ein dunkles Geheimnis gelüftet.

Obwohl dies ein Buch über zwei Dreiecksbeziehungen ist, stehen doch zwei Personen ganz im Zentrum, Aja und ihre Mutter Evi, die ein Leben im Zirkuswagen hinter sich hat und deren Mann nur noch einmal im Jahr zu Besuch kommt. Sie ist „die Garantin für ein Leben voller Spontaneität, Kreativität und naiver Genialität, das dem Erwachsenen einer modernen zivilisierten Welt in hohem Maße verloren gegangen“ ist. In einer feinfühligen, sensiblen, poetischen und detailreichen Sprache werden die Ereignisse in epischer Breite schildert. Zsuzsa Bánk malt mit der Sprache farbige Bilder. Sie beschreibt eine idealisierte, romantische Freiheit eines Mikrokosmos weniger Personen, in dem das übrige Dorfleben keinen Platz findet und in dem kleinen Ereignissen  eine große Bedeutung zukommt. Ein Buch, das Ruhe und Harmonie ausstrahlt. Ein ruhiger, zarter, sich langsam entwickelnder Roman, dem es aber gelegentlich an Drive und Spannung fehlt. Das Buch mäandert mit schönen Sätzen vor sich hin und ist letztlich zu lang und zu langatmig.

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