Türkei

Orhan Pamuk              „Rot ist mein Name“

Ein historischer Roman, der  im Osmanischen Reich im Jahre 1591 spielt und den Bilderstreit zwischen Modernisten und Traditionalisten behandelt. Bei der Arbeit an einem prachtvollen Bildband wird dessen Vergolder ermordet. Zehn Buchblätter sollen für den venezianischen Dogen bemalt werden, die aber nicht der islamischen Tradition des Bilderverbotes entsprechen. Der Mörder kann nur unter seinen Kollegen zu finden sein. Daneben ist der ehemalige Illustrator Kara aus dem Iran in seine Heimat zurück gekehrt, um endlich das Herz der schönen Seküre zu gewinnen.

Daraus ergeben sich drei Erzählstränge. Als Krimi ist der Roman wenig ergiebig, da der Täterkreis von Beginn an auf drei Personen begrenzt ist und der Mörder sich selber Das ist wenig überraschend. Die Liebesgeschichte bleibt ganz in der muslimischen Tradition verhaftet, nicht die Liebe, sondern Ehre, Ansehen und Familie sind wichtig. Die Beziehung wird von Seküre beständig an Bedingungen geknüpft. Ein wirkliches happy end gibt es nict, Kara wird zum biederen Ehemann. Bei weitem am interessantesten ist der kungstgeschichtlich historische Aspekt des Buches mit seinem Gegensatz zwischen den Bildern Allahs, die am besten ein Blinder aus der inneren Sicht malt und der individuellen Malerei, die Personen, Charaktere und Perspektiven darstellt.

Erzählt wird in einem ausuferndem orientalisch märchenhaftem und ausschweifendem Stil, der im Gegensatz zu unserer Literatur steht, die knapp präzise und experimentell sein soll . In orientalischer Manier sprechen ganz selbstverständlich auch Farben, Tiere, Tote, Bilder und der Satan zu uns.Typisches Stilmittel ist die Erzählung in der Erzählung zur Erläuterung von Weisheit und Moral in Form einer Parabel. Die gleichen Ereignisse in der Geschichte werden polyperspektivisch von 21 Erzählern berichtet und ergeben auf diese Weise ein vielfältiges Bild.

Nicht zuletzt hat das Buch, das 1998 erschienen ist, auch einen politischen Bezug zur heutigen Türkei im Widerstreit zwischen Traditionalismus und Moderne und im Konflikt der Kulturen und Religionen. Ein schönes Buch für ausdauernde Leser des „Wortmalers“ Pamuk.

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Orhan Pamuk          „Die rothaarige Frau“

In drei Teilen wird in der Rückschau die Geschichte von Cem erzählt, beginnend 1985 bis zum Ende 2015. Zu Beginn ist Cem 17 Jahre alt. Er geht in die 10. Klasse , als sein Vater, ein Apotheker, die Familie verlässt. Das Geld wird knapp und reicht nicht für ein Studium. Er zieht mit der Mutter zu einem Onkel am Marmarameer, neben dessen Grundstück ein Brunnen ausgehoben wird. Der Brunnenbauer Meister Mahmut erinnert ihn an seinen Vater und bietet ihm Mitarbeit an einem neuen Brunnen an. Meister Mahmud wird zunehmend zum Vorbild und Vaterersatz für ihn. Die Beziehung von Meister und Lehrling gleicht der von Vater und Sohn. Beim Einkauf von Material in der Nachbarstadt sieht er erstmals eine junge Frau mit leuchtenden roten Haaren aus einem Haus tretenund  ist fasziniert von ihr. Seine Gedanken kehren immer wieder zu ihr zurück. Sie spielt in einem Theaterzelt eine Rolle in dem Stück „Rostam und Sohrab“. Der Brunnenbau geht nicht voran, Wasser wird nicht gefunden und der Grundbesityer will die Arbeit einstellen lassen. Cem besucht eine Auffuehrung im Theaterzelt und trifft sich mit der rothaarigen Frau. Sie ist älter als er vermutet hat und verheiratet. Sie nimmt ihn mit nach hause und schläft mit ihm. Am nächsten Tag ist er schwach, ihm entgleitet ein voller Eimer, der in Tiefe auf Meister Mahmud stürzt. Er meint ihn getoetet zu haben und flieht in Panik mit dem Zug nach Istanbul, kehrt nach hause zurück und verdrängt seine Schuld.

Im zweiten Teil ist er ein erwachsener Mann und ist verheiratet. Die Ehe bleibt kinderlos. Sie werden wohlhabend, gründen eine eigene Immobilienfirma und reisen durch die Welt. Auf der Beerdigung seines Vaters trifft er einen Mann, dem das Grundstück mit dem Brunnen gehört und der ihn von früher kennt. Er berichtet ihm, dass Meister Mahmut überlebt hat, an der Schulter verletzt war und Wasser gefunden hat. Sein Vater geh;rte einer maoistischen Gruppe an und hatte sich in eine Frau daraus verliebt und musste diese deswegen verlassen. Es war die rothaarige Frau. Er hatte also mit der Geliebten seines Vaters geschlafen. Auf einer Veranstaltung im damaligen Ort entdeckt er die rothaarige Frau. Er möchte noch einmal den Brunnen sehen und die Frau gibt ihm einen jungen Begleiter mit, Serhat, angeblich ein Freund. Er führt ihn an den Brunnen, gibt sich als sein Sohn zu erkennen und will ihn umbringen. Sie kämpfen miteinander und wieder tötet Ödipusden Vater.

Im dritten Teil erzählt die rothaarige Frau das Ende der Geschichteaus ihrer Sicht. Die Grundthese des Buches ist, dass private und politische Ereignisse immer archetypischen Verhaltensmustern folgen, dies wird hier als klassischer Vater-Sohn Konflikt erzählt. Meister Mahmud und Cem sind als Opfer ihrer Söhne und Väter. Gülcihan ist Iokaste, Mutter und Frau von Ödius. Sie ist letztlich, die unwillentlich für die Katastrophe verantwortlich ist. Die Geschichten behandeln durchweg Vater-Sohn Konflikte und Morde (Ödipus, Abraham,  Rostam und Sohrab) und das Schuldgefühl der mordenden Väter und Söhne. Ein klassischer Tragödienstoff.Die Bilder, Allegorien und Bezüge sind etwas dick aufgetragen und plakativ und das Buch hat deutliche Längen. Die Handlung ist sehr konstruiert. Das 2016 erschienene Buch ist wohl nicht das stärkste von Orhan Pamuk.

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Orhan Pamuk              „Schnee“

Mein persönliches Lieblingsbuch des Autors, das 2002 erschienen ist. Der Journalist Ka, der lange in Deutschland gelebt hat, reist nach Kars in die entlegene anatolische Provinz im Osten. Er soll dort einer Serie von merkwürdigen Selbstmorden nachgehen und gerät dabei in politische Verwicklungen und zwischen alle Fronten. Als ein Putsch ausbricht, kann niemand mehr die Stadt verlassen, weil es seit Tagen unaufhörlich schneit. Das ist nahe an der türkischen Realität und spannend erzählt. Und es wäre kein Orhan Pamuk, wenn nicht auch eine Liebesgeschichte vorkäme. Eine Empfehlung.

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Mehmed Uzun         „Im Schatten der verlorenen Liebe“

Dieses 1989 erschienene Buch des kurdischen Autors behandelt in sieben Abschnitten das Schicksalzweier Menschen, die sich lieben und nicht zu einander finden können, über das Schicksal der Kurden und darüber, dass die Liebe zu Volk und Heimat letztlich stärker ist als die zu einer Frau. Dabei wechslt der Autor zwischen privaten und politischen Themen und allwissendem Beobachter und Icherzähler mit direkter Rede.

Es beginnt mit einer Rückblende in das Jahr 1922/23 mit dem Zerfall des osmanischen Reiches.„Alle Wege führen ins Exil“ und der Held des Buches der Kurde Memduh Selim flieht über Ägypten nach Syrien.Neujahr 1927 verlobt er sich mit einem tscherkessischen Mädchen, seiner Gazelle Xezal und sagt „unterdrückte Herzen erkennen einander“.Selim geht im Libanon in den Utergrund, gründet eine Unabhängigkeitsbewegung und organisiert den Widerstand der Kurden am Ararat. Seine „Gazelle“ sieht er nur selten. Trotzdem wird die Hochzeit geplant. Vorher soll er aber noch für zwei Monate zur Unterstützung der militärischen Führung zum Ararat gehen. Es  folgen grausame Kämpfe mit den Türken. Die Lage wird zunehmend aussichtslos und Memduhkehrt erst nach drei Jahren im Krieg  nach Antaqiya zurück. Man hält ihn längst für tot. Ferijah, seine Gazelle, hat kurz zuvor einen alten Tscherkessen geheiratet und hat sich damit „lebendig begraben“. Memduh verlässt die Türkei. Er wird alt und  heiratet eine Tscherkessin, eine Witwe, „aus Furcht vor der Einsamkeit und aus Angst allein zu sterben“. Kurz darauf kehrt die Liebe seines Lebens, Feriha, die Gazelle, zurück, da ihr Mann gestorben ist. Von seinem Tod haben wir bereits im ersten Kapitel gelesen.

Uzun schreibt einfache gradlinige Sätze in einer bildreichen Sprache mit häufig aneinander gereiten Fragesätzen. Die Erzählperspektive wechselt zwischen allwissendem Beobachter und Icherzähler mit direkter Rede. Ein lesenswertes Buch zum Schicksal der Kurden, das zugleich Eiblicke in die kulturellen Normen und Regeln des Zusammenlebens von Mann und Frau gibt.

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Yasar Kemal               „Mehmed mein Falke“

Yasar Kemal wurde 1923 in einem Dorf Südanatoliens geboren und wuchs in großer Armut auf. Als einziges Kind in seinem Dorf lernte er Lesen und Schreiben .Als Straßenschreiber ließ er sich in einer kleinen Stadt nieder. Für Bauern, die nicht Lesen und Schreiben gelernt hatten, verfasste er Briefe, Bittschriften und Dokumente. 1997 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Memed mein Falke ist nicht nur ein Klassiker der türkischen Literatur, sondern hat über Generationen hinweg das politische Bewusstsein in der türkischen Gesellschaft verändert. Das Buch, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt und von Peter Ustinov verfilmt wurde, ist in der Türkei längst zur Legende geworden. In den Kaffeehäusern wird es vorgelesen, wandernde Sänger erzählen es nach. Schüler wachsen mit Memeds Abenteuern auf.

Ort der Handlung ist die Cukurova am Golf von Iskenderun mit seiner Hauptstadt Adana. Berichtet wird vom archaischen Leben der südanatolischen Bauern, die in ständiger Furcht vor und in Abhängigkeit vom Großgrundbesitzer Abdi Aga leben. Das Leben ist geprägt von Armut, Hunger und der harten Arbeit als Leibeigene. Zweidrittel der Ernte muss an den Großgrundbesitzer abgegeben werden. Dies führt bei den Menschen zu Hass und dem Wunsch nach Unabhängigkeit. Aber die Angst vor Abdi Aga ist gößer als ihr Mut. Nur Mehmed wagt den Schritt in die Unabhängigkeit und geht, nachdemm er seine große Liebe Hatce entführt hat, als Bandit in die Berge.

Kemal erzählt in einem einfachen, gradlinigen und archaischen Stil, wie die Menschen sind, die er beschreibt. Gut und Böse sind von Beginn an eindeutig verteilt. Der schier unbesiegbare Held wird überhöht, wird zum Retter und Befreier der Unterdrückten und zum Schluss siegt das Gute. Ein türkischer Western, dessen Sog man sich nicht entziehen kann. Und nebenbei erfährt der Leser viel über Gastfreundschaft, die Landschaft und die Lebensbedingungen in der Cucurova. Auch heute noch ein spannendes und absolut lesenswertes Buch.

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Aziz Nesin                    „Surname“

Bereits der Titel des Buches ist eine Ironie, bezeichnet er doch eigentlich eine Festschrift für einen Herrscher. Im vorliegenden Text ist es eher ein Galgenbuch, das die Insassen eines Gefägnisses beschreibt. Dort findet sich der junge und ahnungslose Babier Hayri zwischen zahlreichen Dauerinsassen wieder. Der Oberbösewicht und Herrscher des Gebäudes ist „König Kamil“. Wir lernen die „Honoratioren“ des Gefängnisses mit ihren Taten kennen. Darunter ein „Gelehrter“, der aus der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ vorliest. Hayri ist inzwischen zum  Günstling von Kamil geworden. Er berichtet ihm sein Vergehen: er hat den Sohn eines Kunden, der ihn regelmäßig missbrauchte, umgebracht.Bald ist Kamil ist Hayris überdrüssig und lässt ihn fallen. Das ist der Abstieg in der Gefägnishirarchie an dessen Ende die Bestätigung seines Todesurteils steht.

Als Todeskandidat wird Hayri in ein anderes Gefängnis verlegt. Dort bekommt er Zutritt zur Zelle der “Politischen“, die in einer Art selbstverwalteten Kommune leben. Der Staatsanwalt trifft die mühsamen und aufwendigen Vorbereitungen zur Hinrichtung.Vom Galgen über den Strick bis zum Henker fehlt alles, muß besorgt und auch noch finanziert werden. Der Henker, endlich gefunden, weigert sich tätig zu werden, da er für die letzten beiden Hinrichtungen noch nicht bezahlt wurde. Die Hinrichtung, die  „eine Lehre fürs Leben“ sein soll ist ein großes Volksfest mit überraschendem Ende.

In einfacher Sprache mit kurzen, prägnanten Sätzen geschrieben, gefällt der Text durch seine Ironie und Doppelbödigkeit und hat politische Brisanz. Großartige Beschreibungen, wie das Volksfest bei der Hinrichtung leiden leider unter der schlechten Übersetzung.

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Feridun Zaimoglu                „Leyla“

Der türkischstämmig, inzwischen in Deutschland lebende, Autor kehrt in diesem 2006 auf Deutsch erschienenen Buch in seine Heimat nach Anatolien zurück. Wir erleben eine Familie in einer ostanatolischen Kleinstadt mit fünf Kinderndern, deren jüngste Tochter Leyla ist. Der Vater Halid, ein gebürtiger Tschetschene, war bei der Eisenbahn und tyrannisiert seine Familie mit Gewalt und Schlägen, liest dann im Koran und predigt die Vorherrschaft des Mannes. Die liebevolle, duldsame Mutter arbeitet als Tagelöhnerin und hat ein grausames Schicksal hinter sich. Die Söhne sind Djengis, der Älteste, ist ganz der Tradition verpflichtet, alle Frauen lieben ihn und er liebt alle Frauen. Sein jüngerer Bruder Tolga ist Anhänger der laizistischen Moderne, ein Schwärmer und unglücklicher Liebhaber. Yasmin, die älteste Tochter ist Tagelöhnerin und näht für die Nachbarrinnen, sie ist aller Dienstmädchen, geheimnisvoll und gehorsam und träumt vom Leben einer großen Dame.  Selda ist die stille introvertierte romantische Tochter und Leyla, die Jünste, die Icherzählerin , die aus der Familienwelt ausbrechen will und uns durch die Ereignisse ihrer Familie führt.

Wir erleben das pralle türkische Gesellschaftsleben und ein Schicksal vieler türkischer Gastarbeiterehefrauen. Das ganze Leben der Familie und der Kontakt nach aussen unterliegt festen Regeln. Der Leserbekommt gute Informationen über den türkischen Alltag, wie über das Hamam, den Ort der Kandidatinneninspektion für eine Heitrat und der Kuppelei die folgenden Werbe- und Heiratsrituale und den alltäglichen Rassismus („ Die Kurden sind die Afrikaner unseres Landes“). Erzählt wird in einer bildreichen, gelegentlich gekünstelt wirkenden Sprache in  kurzen stakkatohaften Sätzen.Insbesondere im zweiten Teil, der in Istanbul spielt, hat das Buch einige Längen.

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Zülfü Livaneli           „Serenade für Nadja“

Maya, 36 Jahre alt, geschieden, mit einem pubertierenden depressiven Sohn geschlagen, befindet sich auf dem Flug nach Boston um eine Geschichte endgültig abzuschließen, die ihr Leben nachhaltig verändert hat und die uns nun in der Rückschau von ihr erzählt wird. Zuständig für ausländische Gäste der Universität Istanbul, erhält sie den Auftrag den siebenundachtzig jährigen amerikanischen Professor Maxilian Wagner vom Flughafen abzuholen, der nicht nur mit einem Koffer, sondern auch mit einer Geige eintrifft. Gebürtiger Deutscher, hat er von 1939 bis 1942 in Istanbul gelebt und ist dann nach Amerika emigriert. Während des Abendessens erzählt er ihr von den Deutschen, die im 2.Weltkrieg in Istanbul waren, darunter viele Juden. Ihr Sohn Kerem findet heraus, dass 1933 Albert Einstein als Vorsitzender einer jüdischen Hilfsorganisationen Atatürk schriftlich gebeten hatte vierzig jüdische Professoren aufzunehmen und in der Türkei arbeiten zu lassen. Nach anfänglicher Anlehnung konnten schließlich einhundertneunzig Wissenschaftler in Türkei ausreisen.

An einem bitterkalten Wintermorgen will der Professor mit ihr ans Schwarze Meer nach Sile fahren. Er hat seine Geige und einen Kranz mit der Aufschrift „Für Nadja“ dabei. Auf einem einsamen Hügel am Meer steigt er aus und beginnt am Wasser im beginnenden Schneefall Geige zu spielen, eine Sernade für Nadja. Halb erfroren schleppen sie ihn in ein verlassenes Haus. Um ihn zu wärmen, legt sich Maya zu ihm ins Bett. Ein unverzeihliches Vergehen für eine Frau, das sie ihre Stelle an der Uni kostet. Bei einem gemeinsamen Abendessen und später im Hotelzimmer beginnt er seine und Nadjas Geschichte zu erzählen, von der Liebe zu einer jüdischen Studentin, Heirat, Flucht und Trennung. Die Verhaftung Nadjas an der Grenze, die Suche nach ihr in Istanbul und ihre tödliche Reise auf dem Schiff Struma bis in den Bosporus. Das Spiel der Mächte vernichtet dort das Leben von über 700 Menschen, darunter auch Nadja.Er selber ging nach Amerika. Nun ist sie auf dem Weg zu ihm nach Boston, um ihm seine Geige zu bringen. Er hat Krebs und liegt im Sterben und bittet sie seine Asche bei Sile ins Meer zu streuen.

Ein großartiges, fesselnd geschriebenes Buch, das auch historisch aufschlußreich ist. Wer kannte vor der Lektüre schon den Spion Cicero in Istanbul oder den zwwielichtigen Herbert Scurla, der 1939 nach einer Reise in die Türkei den sogenannten Scurla-Bericht verfasste, in dem er über die Beschäftigung von aus Deutschland vertriebenen Professoren an türkischen Universitäten berichtete? Wer hatte vor der Lektüre nicht nur von der Vertreibung der Armenier, sondern auch vom Blauen Regiment der Krimtartaren, die nach Italien und Österreich deportiert wurden und sich zum großen Teil, als sie letztlich an die Russen ausgeliefert werden sollten, in der Drau und einem Stausee an der Grenze zu Russland ertränkten? Wer wusste von den meist jüdischen Professoren wie Erich Auerbach, die von Hitler an türkische Universitäten geschickt wurden? Das ist nicht nur große Literatur, sondern auch ein historisches Lehrstück. Unbedingt lesen!

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  • Ein weiteres, ebenfalls sehr empfehlenswertes Buch von Zülfü Liveneli ist der Roman „Glückseligkeit“. In einem kleinen anatolischen Bergdorf wurde die fünfzehnjährige Meryem vergewaltigt. Bestraft wird nicht der Täter, sondern das Mädchen. Ihr Cousin soll sie nach Istanbul bringen und dort ermorden. In der Großstadt erleben beide eine neue Welt, die sie nachhaltig verändert. Ein Buch in dem die Widersprüche in der heutigen Türkei deutlich werden.

Elif Shafak            „Der Bastard von Istanbul“

Auch in diesem Buch wird von der Autorin das Spannungsverhältnis zwischen Armeniern und Türken thematisiert. Erzählt wird die Geschichte der türkischen Familie Karsanzi aus Istanbul und der armenischen Familie Tchakhmakhchian, die in Amerika lebt. Erstere besteht aus der Mutter Gülsum mit ihren vier Töchtern, Banu , Cevriye und Feride und Zeliha. Alle Männer der Familie sind früh gestorben. Es gibt nur noch den jüngsten Sohn Mustafa, der inzwischen in Amerika lebt. Zeliha, die jüngste Tochter ist zu Beginn gerade auf dem Weg zu einer Abtreibung. von der sie dann aber im letzten Moment zurücktritt. Bald darauf bekommt sie eine Tochter Asya. Den Namen des Vaters gibt sie nicht preis.

Die Familie Tchakhmakhchian hat in Amerika andere Probleme. Rose hat sich gerade von ihrem armenischen Ehehemann getrennt und den Türken Mustafa kennen und lieben gelernt. Die weitere Familie ist in Sorge, dass Roses Tochter Armanoush von einem Türken erzogen werden soll. Mit 21 Jahren und einer gescheiterten Beziehung beschließt einen Besuch in Istanbul bei der Familie ihres Stiefvaters zu machen, wo sie und die glechaltrige Asya sich bestens verstehen. Damit brechen  aber auch die ethnischen und familiären Konflikte in den Familien auf, die bis zurück in das Jahr 1915 führen und dem Vater von Asya seine gerechte Strafe zuteil wird.

Der Beginn des Buches gestaltet sich zäh und langatmig und die Personenvielfalt ist verwirrend. Erst nach 200 Seiten beginnt die Geschichte sich zu entwickeln und interessant zu werden. Die beiden jungen Frauen verkörpern die Erinnerung an die Vergangenheit und den Blick in die Zukunft, dem Halt in einer Tradition und dem Aufbruch ins Unbekannte. Es geht im Buch weniger um Schuldzuweisungen als vielmehr darum, die engen familiären Verflechtungen zwischen den Ethnien des osmanischen Reiches zu verdeutlichen. Aber was zäh begonnen hat, endet letztlich dramatisch. Dies ist vielleicht nicht das stärkste Buch der bemerkenswerten türkischen Autorin. Zwei weitere Lesetipps folgen.

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Zwei weiter Lesetipps:

  • Elif Shafak     „Ehre“

Das Schicksal der Zwillingsschwestern Pembe und Jamila aus einem kleinen kurdischen Dorf. Während Jamila einsam im Einklang mit der Natur im Dorf bleibt, zieht Pembe mit Mann und Kind in die neue Welt nach London. in der neuen Umgebung zerbricht die Familie. Jamilia spürt, dass sich über Pembe ein Unheil zusammenbraut und entschliet sich zu einer Reise nach London mit schwerwiegenden Folgen. Ein spannender Familienroman, der einen nicht mehr losläßt.

  • Elif Shafak     „Der Geruch des Paradieses“

Beim Studium in Oxford treffen sich drei Frauen mit sehr unterschiedlichem Wertesystem im Hintergrund und werden Freundinnen. Jahre später lebt Peri, die Protagonistin, wieder mit Familie in Istanbul. Als sie auf offener Straße überfallen wird, fällt ein Foto aus ihrer Handtasche und die Vergangenheit wird wieder lebendig. Es geht um Glauben, Werte, Traditionen und die Liebe zu einem Professor, die zu einem Skandal führte.


 

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