Spanien

Eduardo Mendoza        „Die Stadt der Wunder“

suhrkamp TB, 503 Seiten

Ein Barcelona Roman, der zwischen den beiden Weltausstellungen 1888 und 1929 den Aufstieg und das phantastische Ende von Onofre Bouvila beschreibt. Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, steigt er durch Klugheit, Geschäftstüchtigkeit, Gewalttätigkeit und Korruption zum reichsten und mächtigsten Mann der Stadt und des Staates auf, um am Ende in einem Zustand von Depression und Größenwahn mit der letzten Geliebten im Meer zu versinken.

Dies ist ein häufig ironisch gebrochener Roman über die Geschichte Barcelonas und Spaniens um die Jahrhundertwende, eine Beschreibung der Entstehungsgeschichte der beiden Weltausstellungen, eine Geschichte von Korruption und Kapitalismus, ein Aufbruch in die Moderne mit den ersten Filmen, Autos und Flugobjekten und die Biographie eines ehrgeizigen, hartherzigen und skrupellosen Emporkömmlings, der geschäftlich erfolgreich und familiär ein Versager ist.

Mendoza packt viel in die 500 Seiten seines Buches, ich meine zu viel. Die Handlung entwickelt sich nur zäh und wird immer wieder durch lange historische Exkurse unterbrochen, so dass es schwer fällt den roten Faden zu behalten. Die historischen Ereignisse werden mit fiktiven Personen und deren Erlebnissen verwoben. Auch der eher schlichte, wenig elegante, etwas hölzerne Schreibstil trägt zur Ermüdung des Lesers bei. Obwohl es in dem Buch um Macht und Liebe, um Freundschaft und Verrat geht, fehlt dem Buch ein Spannungsbogen, was das Lesen zu einem mühsamen Unterfangen macht. Es soll ein Panorama der spanischen Geschichte um die Jahrhundertwende entstehen, das man sich aber hart erarbeiten muss, daher nur zwei Herzen für die Stadt der Wunder.

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Carlos Ruiz Zafón       „Der Schatten des Windes“

ISBN-13: 978-3596196159, 576 Seiten,Fischer Taschenbuch

2001 auf Spanisch unter dem Titel La sombra del viento und 2003 im Insel Verlag in der Übersetzung von Peter Schwaar auf Deutsch veröffentlicht.

Zu Beginn des Sommers 1945 wird der zehnjährige Daniel Sempere Martín von seinem Vater, einem auf Liebhaberausgaben und antiquarische Bücher spezialisierten Buchhändler in Barcelona, zum Friedhof der Vergessenen Bücher geführt, einer geheimnisvollen, labyrinthartigen Bibliothek, die von Isaac Monfort bewacht wird. Bei seinem ersten Besuch darf Daniel sich, einem Brauch gemäß, selbst ein Buch aussuchen, für das er dann allerdings auch sein ganzes Leben lang verantwortlich ist. Er wählt einen Roman des unbekannten Autors Julián Carax mit dem Titel „Der Schatten des Windes“, oder vielmehr erwählt das Buch ihn. Daniel ist von diesem Buch fasziniert, bemerkt aber bald, dass ein Anderer aus ganz anderen Gründen ebenfalls an dem Buch interessiert ist. Stück für Stück trägt Daniel dann in den folgenden Jahren alle verfügbaren Informationen über Julián Carax zusammen.

Der Roman erzählte nun die spannende Geschichte der Jagd nach diesem Buch und seinem Autor, bei der ein kluger, von der Straße aufgelesener Bettler hilft. Er erzählt aber auch die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach seinem richtigen Vater, den er nie kennen gelernt hat und von dem er nur Dank der letzten Worte erfuhr, die seine Mutter auf dem Totenbett sprach. Die Geschichte dieser Suche wird zu einer rastlosen Odyssee, und zur Suche nach einer verlorenen Liebe.

Mehrere Handlungsstränge sind über einen Zeitraum von über fünfzig Jahren miteinander verwoben. Zwei Lebensläufe werden in diesem Buch zusammen geführt, der eine nimmt 1914, der andere 1945 seinen Anfang, bis einer der Protagonisten zusammenhängend berichtet, was tatsächlich geschehen ist. Es geht um Paarbeziehungen, alte Schulfreundschaften, enttäuschte Liebe und das Begleichen alter Rechnungen. Bis zum „showdown“ in einem alten Palast, bei dem der Tod des Bösewichts und die Heirat der Liebendenden den versöhnlichen Schluss bilden.

Das Buch vermittelt es ein gutes Bild der Francozeit in Spanien, in der missliebige Personen wahllos ins Gefängnis geworfen und gefoltert wurden, sowie des Lebens im Barcelona der fünfziger Jahre. Ein Buch über die Liebe zu den Menschen und den Büchern. Aber auch ein Buch über den Hass auf Büchern.

Ein richtig spannender, leicht zu lesender Schmöker! Das Buch weist aber auch deutliche Längen auf. Es gibt viele Nebengeschichten, die die Seiten füllen, ohne für den Fortgang und das Verständnis der Handlung nötig zu sein. Trotzdem bleibt der Spannungsbogen immer erhalten. Manches ist sehr klischeehaft: die Schöne ist das Biest, die Arrogante wandelt sich zur Nachdenklichen, es gibt den bösen Inspektor und den guten Bettler.

Eine Empfehlung für Alle, die ein spannendes, leicht zu lesendes Buch mit „happy end“ suchen.

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Jaume Cabré           „Die Stimmen des Flusses“

Orte der Handlung ist das kleine Dorf Torena bei Sort, Bezirk Pallars Sobirà in den östlichen Pyrenäen. Hier arbeitet im Jahr 2002 Tina Bros als Lehrerin. Bei der Vorbereitung der Ausstellung „Ein halbes Jahrhundert schulischen Lebens 1940-2002“ findet sie in der Schule von Torena versteckt hinter einer Tafel Tagebücher von Oriol in Briefform an seine vermutliche Tochter uns sie beginnt die Geschichte Pallars in der Francozeit zu recherchieren.

Damals wohnte in einem herrschaftlichen Haus Senyora Elisenda Vilabrú. Ihr Ehemann,  Santiago Vilabrú, der in Barcelona dunklen Geschäften nachging und mehr bei den Huren war als zu  hause, ist an einem Herzinfarkt verstorben. Ihr Vater und ihr Bruder wurden 1936 von Anarchisten unter erzwungener Beteiligung von drei republikanischen Dorfbewohnern ermordet. Daraufhin beauftragt sie den Bürgermeister und Falangisten Valentin Targa mit der Ermordung der drei Männer aus dem Dorf. Mit 53 Jahren wird sie zu eine knallharten Geschäftsfrau. Sex setzt sie zum Erreichen geschäftlicher Ziele ein, dem Aufbau eines Skiimperiums, aber sie hat nur eine große Liebe, den Lehrer und Falangisten Oriol und sie betreibt mit allen geschäftlichen Tricks dessen Seligsprechung durch die katholische Kirche. Oriol Fontelles Grau, 1915-1944 ist   mit Rosa, Lehrer in Torena, verheiratet . Rosa ist schwanger, verlässt ihn aber, als er sich der Falange anschließt. Ab diesem Moment fühlt sie  sich von ihm abgestoßen. Die weiteren familiären Verwicklungen sind zu komplex als dass sie hier geschildert werden können.

Das umfangreiche Buch über die Verwicklungen während des spanischen Bürgerkriegs in einem kleinen   Dorf mit Liebe, Verrat und Mord ist spannend geschrieben. Die Orientierung fällt  nicht immer leicht, da Zeit und Ort der Handlung häufig mitten im Text wechselt. Ebenso wechselt direkte Rede mit inneren Monologen. Die im Grunde durchgehende Geschichte wird vom Autor in viele kleine Teile zerlegt. Bei den Paaren des Buches fällt auf, dass starke und selbstbewusste Frauen meist auf schwache, feige Männer treffen. Ein empfehlenswerte Lektüre, die den Leser anhand eines dörflichen Mikrokosmos die menschlichen Grausamkeit und Liebe in Kriegszeiten vor Augen führt.

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Javier Marias         „Mein Herz so weiß“

Starker Beginn des Buches : Eine junge Frau, Teresa Aguilera, die gerade von ihrer Hochzeitsreise zurück kommt erschießt sich während einer Familienfeier mit dem Revolver ihres Vaters in der Toilette. Somit wird ihr Mann, Ranz, Kunstsachverständiger am Prado,  zum zweiten Male Witwer. Juan, der lange namenlose Icherzähler, ist der Sohn von Ranz und Juana., der jüngerer Schwester Teresas. Anlass sich Gedanken über die zurück liegenden Ereignisse zu machen ist für den 34 jährigen Erzähler die eigene Hochzeit mit Luisa. Auf der Hochzeitsreise nach Kuba macht er sich Gedanken über seine „Personenstandsänderung“. Vom Zimmer eines Hotels in Havanna belauscht er ein Gespräch zwischen einem verheirateten Ehemann und seiner Liebhaberin, die von ihm verlangt seine Frau in Spanien umzubringen. „Da fraß sich ein schwarzer Brandfleck in das weiße Laken der Beziehung“. Damit ist auch das Thema des Buches vorgegeben, das Bezug auf Macbeth nimmt, die ebenfalls ihren Gatten zum Mord anstiftet. Auch der Buchtitel ist ein Zitat aus Macbeth (2. Akt, 1. Szene). Die Antwort auf die beiden entscheidenden Fragen: „Warum hat Teresa sich umgebracht?“ und „Wer war die erste Frau?“ stellt  die Verbindung zur  Hochzeitsreise und dem belauschten Paar in Havanna her.

Inhaltlich stellt das Buch die Frage welche Veränderung des Lebens die Heirat bedeutet, ob wir die tägliche Routine des Ehelebens wirklich gegen das spontane Leben voller Überraschungen vor der Ehe eintauschen wollen, ob wir einen Menschen wirklich täglich bei allen Verrichtungen beobachten wollen. Es fragt: „Heirat, und was jetzt?“. Es geht um die Macht der Worte und das Bewahren von Geheimnissen, um die Sprache als Waffe und die Macht der Worte, die zum Mord anstiften. Nicht die Tat, sondern der Bericht davon ist tödlich. Teresia stirbt einen Tod durch Worte, nicht durch die Pistole.

Erzählt wird aus der Rückschau. Das eingangs geschilderte Ereignis liegt 40 Jahre zurück,  die Hochzeitsreise ein Jahr. Lange Schachtelsätze und viele ergänzende Klammersätze, detaillierte Beschreibungen von Gedanken und Gefühlen machen die Lektüre nicht einfach. Alles steht miteinander in Verbindung und nimmt Bezug aufeinander.Mit viel Witz und Ironie werden die Gespräche von Diplomaten und Staatsmännern persifliert, wie das Gespräch der englischen Premierministerin mit dem spanischen Staatschef.

Ein komplexes, perfekt konstruiertes Buch. Die Balance zwischen Kontemplation und Spannung ist ausgewogen. Alle Episoden stehen in Beziehung zueinander. Aber ist das Perfekte Buch auch ein gutes Buch? Der Aussage von Marcel Reich-Ranicki „Ich bin überzeugt, und ich scheue mich nicht zu sagen, dass es ein geniales Buch ist. Ich habe seit vielen Jahren, ich kann es nicht präziser sagen, kein Buch gelesen, das mich so getroffen hat. Dies ist ein Meisterwerk, es ist ein ganz großes Meisterwerk.“ kann ich nur begrenzt zustimmen. Das Buch enthält auch viel „philosophisches Geschwafel“ und Plattitüden. Trotzdem, sehr lesenswert.

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Rafael Chirbes           „Der lange Marsch“

Der Inhalt des Romans ist in Kürze kaum zu erzählen. Es handelt sich um ein großes Gesellschaftspanorama. Die Biographien von sechs Familien werden aus Bruchstücken zusammen gesetzt, ein Puzzle. Dabei  ist es nicht einfach, die die Fäden der einzelnen Personen im Auge zu behalten und zu verknüpfen. Den Reiz des Buches machen die Kombination von politischen Ereignissen und privaten Begegnungen und Lebensschicksalen aus. Es werden im Wechsel Personen vorgestellt, die entweder der linken Volksfront angehörten oder den Nationalisten und der Falange. Elende und Verzweifelte gibt es auf beiden Seiten. Der erste Teil des Buches behandelt die Elterngeneration in der Nachkriegsdekade 1938 – 1948  und der zweite die Studentenrevolte deren Kinder in den  sechziger- und siebziger Jahre bis zum Tod Francos 1975, in die die Eltern alle Hoffnungen setzen und die sich im Laufe der Zeit alle zusammen finden und eine „revolutionäre Zelle“ bilden, die „Alternativa Comunista“, die den Umsturz des Franco Regimes plant.

Ein raffiniert konstruierter Roman, ein Buch über das Scheitern, erzählt ist alles in einer wunderbare bildreichen Sprache, spannend, unterhaltsam. Kleine Gestalten der Geschichte werden durch die Sprachgewalt Chirbes zum Leben erweckt und entführen den Leser in die Wirren der jüngeren spanischen Geschichte, eine Zeit, die in Spanien lange tot geschwiegen wurde.

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