Rumänien

Herta Müller        „Niederungen“

Dies ist der Debütroman der deutsch-rumänischen Autorin, der erstmals 1982 in Bukarest erschienen ist und und in ihrer Heimat Banat für einige Unruhe gesorgt hat. In einzelnen Episoden erinnert sie sich darin an ihre Kindheit bei den Banatschwaben in Nitzkydorf, in den drei Generationen unter einem Dach leben. Erzählt wird aus der Perspektive des Kindes in knappen, atemlos aneinander gereihten Sätzen. Der Alltag des Kindes ist von Angst besetzt und es leidet unter Angstträumen. Beschrieben wird das Dorf und seine Bewohner im Lauf der Jahreszeiten. Idylle und Schrecken liegen eng beieinander und sind für das Kind immer präsent. Angst. Hass und Intoleranz prägen den Umgang untereinander.

Die literarische Qualität und die inhaltliche Aussage des Textes unterscheidet ihn von anderen Dorfbeschreibungen, z.B. Marie Luise  Kaschnitz „Beschreibung eines Dorfes“. Einerseits ist es eine sehr stimmungsvolle und bildreiche Beschreibung des Dorfes, der Tiere und der Landschaft, aber konterkariert von totgetretenen Hunden und von Mäusen, denen von der Katze der Kopf abgebissen wurde. Die spätere stilistische Qualität der Autorin ist bereits spürbar, wenn mache Episode auch noch als Stilübung durchgehen mögen. Dieses Dorfleben hat nichts Heimeliges und es verwundert nicht, dass sich die Autorin damit bei den Banat Schwaben keine Freunde gemacht hat.

Natürlich hat dieses Buch noch nicht die literarische Qualität der späteren Werke Herta Müllers. Wer sich aber mit der Autorin beschäftigen will, sollte es als Einstieg in ihr Werk und zum Verständnis ihrer Biographie unbedingt lesen.

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Richard Wagner         „Habseligkeiten“

Auch Richard Wagner ist als Autor und Lyriker im Banat in Rumänien groß geworden und 1987 mit seiner damaligen Ehefrau Herta Müller in den Westen ausgereist. Das vorliegende Buch erschien 2004 bereits im Westen, beschreibt aber inhaltlich das Leben in Rumänien. Werners Vater ist im Heimatdorf am Fluss Marosch gestorben und er ist zu dessen Beerdigung noch einmal in das Banat gefahren. Auf der Rückreise über Budapest und Wien rekapituliert er in Episoden das Leben seiner Familie, erinnert sich an seine Kindheit und  sein eigenes Leben. Er erzählt die Geschichte der Urgroßeltern, die nach Amerika ausgewandert sind und ihre Tochter Theresia zurück gelassen haben und dann nach zehn Jahren in der Fremde in das Dorf zurückgekehrt sind. Er erinnert sich an Großonkel Heinrich, der in Budapest gelebt hat und an das Familienalbum, das als Kostbarkeit gehütet wurde und an Feiertagen der Erinnerung diente. Er erinnert sich an seinen Vater Karl, der nach Kriegsende  als „Hitlerist“ von den Rumänen an die Russen überstellt und von diesen in ein Arbeitslager (Gulag) geschickt wird. Auch die Ausreise aus Rumänien und die Ehetrennung werden thematisiert. Und er blickt zurück auf seine Ankunft mit 32 Jahren in der BRD in Sandhofen.

Parallel zu diesen Erinnerungen begleiten wir Werner bei seinen Erlebnissen und Begegnungen auf der Rückreise nach Deutschland. In Budapest angekommen, trifft er auf die beiden Huren Clara und Sina, die er mit ins Hotel nimmt. Am folgenden  Tag trifft er sich ihnen und ihren Zuhältern Belá und Andi, die sich im Lauf der Zeit als gute Kumpel und Geschäftspartner herausstellen, zu einer fröhlichen Party.Das abenteuerliche Ende der illustren Gesellschaft in Deutschland sei hier nicht verraten, einem James Bond Film aber alle Ehre machen würde.

Stilistisch wird die Familiensaga von Werner in knappen und kurzen Sätzen berichtet. Das Familienalbum dient dabei als Zentrum der Erinnerung. Die Familienkonstellation ist dabei zu Beginn nur schwer zu durchschauen und verwirrend. Das Buch ist kein stilistisches Highlight, wir erfahren aber einiges über das damalige Leben im Banat, über die Ceaucescu Zeit in Rumänien und über die Straflager in Russland. Absolut komödiantischer, kitschiger Schluss, der alle Klischees bedient.

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Catalin Dorian Florescu     „Jacob beschließt zu lieben“

Dies ist ein weiteres Buch über das Leben der Banater Schwaben in Rumänien, geschrieben allerdings von einem rumänischen Autor. Es ist die Familiengeschichte der Obertins aus Triebswetter an der Marosch. Beginnend mit dem Urgroßvater im Dreißigjährigen Krieg bis hin zu dessen Urenkel Jakob, der 1943 auf der deutschen Schule in Temeschwar eingeschult wird. Mit 23 Jahren verspürt er Sehnsucht nach seinem alten Heimatdorf, das inzwischen von Rumänen bewohnt wird. Die Schwaben wollen zurück in die alte Heimat nach Lothringen. Jacob bleibt und wird gemeinsam mit seinem Vater vom neuen Regime in die Baragan Steppe nach Südrumänien deportiert.

Im Gegensatz zu den vorhergehenden Büchern ist dies eine linear erzählte weit gespannte Geschichte der Banater Schwaben vom Dreißigjährigen Krieg über Lothringen und die Auswanderung in das Banat um 1770, den zweiten Weltkrieg bis in die Nachkriegszeit im Kommunismus. Die Familienstruktur ist klar gegliedert, wenngleich auch der Konflikt zwischen Jacob und seinem Vater im Mittelpunkt steht. Ein Vater, der nicht ertragen kann, dass sein Sohn nicht ist wie er ihn sich vorstellt, ein Sohn, der in seinen Augen für nichts taugt und den er zwei Mal verrät. Ein  leicht zu lesendes, stellenweise grausames aber auch warmherziges Buch mit einer etwas konstruiert wirkende Geschichte, die die historischen Hintergründe schlaglichtartig beleuchtet.

Die Kritik, dass  Florescu als Außenstehender einen fiktiven Roman mit real existierendem Familiennamen und Ort verknüpft hat, muss den Leser nicht interessieren. Der Vorteil ist sicher, dass jede Heimattümelei weitgehend vermieden wird.

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Gabriela Adamesteanu     „Der gleiche Weg an jedem Tag“

Geschildert wird in diesem Entwicklungsroman das Aufwachsen des Mädchens Letitia Branea. Sie lebt mit ihrer Mutter Margareta und Onkel Ion in einer kleinen engen Wohnung in Bukarest und es gibt ständig Streit mit der Vermieterin. Der Vater Victor, von dem sich die Mutter kurz zuvor getrennt hat, sitzt im Gefängnis. Als Lyzemsdirektor wurde er entlassen, weil er in der falschen Partei war und den Parteisekretär nicht befördern wollte. Onkel Bita, der Lebemann mit den guten Beziehungen, kommt zu Besuch und verkündet, dass Vater Victor seit einem Monat frei ist. Er stirbt bevor er rehabilitiert wird. Der zweiter Teil des Buches spielt dann an der Universität in Bukarest in einem Internat. Das Beziehungskarussell dreht sich und der Tratsch blüht. Man geht gemeinsam zum Tanzen. Als das Semester  zu Ende ist und Onkel Ion stirbt fährt Letitia wieder nach hause.

Das Buch schildert eine Dreiecksbeziehung in beengten Wohnverhältnissen in Bukarest, einen familiären Mikrokosmos  in der Ceaușescu Ära anhand der Entwicklung eines jungen Mädchens. Das wird sprachlich anspruchsvoll und bildreich beschreiben. Insbesondere gelingt es der Autorinnen Stimmungen hervorragend einzufangen. Thematisch ist es aber sehr eng begrenzt und über weite Strecken nicht wirklich packend.

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Mircea Eliade        „Auf der Mantuleasa-Straße“

Der alte Lehrer Faharia Zarama möchte einem seiner ehemaligen Schüler einen Besuch abstatten, der inzwischen im Innenministerium in Bukarest arbeitet. Auf diese Weise macht er sich verdächtig und gerät in die Fänge des Geheimdienstes und wird immer wieder verhört. Durch immer neue , immer fantasievollere und spannendere Geschichten gelingt es ihm nicht nur die verhörende Offiziere, sondern sogar die Ministerin Anca Vogel zu fesseln, was letztlich sogar zu ihrem Sturz führt.

Das ganze ist ein unglaubliches Schelmenstück, das sich im Aufbau an 1001 Nacht orientiert und zugleich in der Beschreibung der Gänge und Räume im Gebäude und Geheimpolizei kafkaeske Züge annimmt. Mit der immer gleichen Antwort auf die Fragen „ Ich hatte gerade vor darüber zu berichten“, gelingt es ihm seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Dies eines der wenigen belletristischen Bücher des rumänischen Philosophen und Religionsphilosophen, der sonst eher mit Bücher wie „Die Geschichte der religiösen Ideen“ bekannt wurden. Hier wird aus einem harmlosen Besuch eine Untersuchung der Geheimpolizei, der ein phantastischer Bär aufgebunden wird. Ein Staatssekretär und eine Ministerin stolpern über seine phantastischen Erinnerungen. Höchst unterhaltsam, amüsant und intelligent . Unbedingt lesen!

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Nora Iuga         „Der Sechzigjährige und der junge Mann“

Die sechzigjährige Anna erzählt einem jungen Mann episodenhaft ihr Leben und  lässt dabei ihren sexuellen Fantasien freien Raum.Ob der junge Mann als Gesprächspartner tatsächlich existent ist oder ihrer Fantasie entspringt bleibt dabei offen, denn es handelt sich eher um einen inneren Monolog als um ein Gespräch. Thematisiert wird das zwiespältige Verhältnis zu ihrer Freundin Terry, die zugleich Kollegin und Konkurrentin ist,  der Literaturbetrieb und die Familie.

Ihre Freundin Terry lernt sie an der Uni kennen. Sie werden unzertrennlich und sind doch ganz verschieden. Sie wird gemeinsam mit Terry Deutschlehrerin in Sibiu, arbeitet mit ihr bei einer Zeitung und einem Verlag. Es kommt zu zunehmender Entfremdung weil Terry  sich anpasst und  Karriere macht.  Ihr selbst wird immer wieder gekündigt weil sie sich nichts gefallen lässt und unangepasst lebt. Später sind beide Schriftstellerinnen. Terry hat mit ihrem ersten Roman großen Erfolg, Anna bekommt Schreibverbot.

Erzählt wird im Wechsel zwischen auktorialem Erzähler (vielleicht der junge Mann?) und Icherzählerin, die von sich in der dritten Person spricht. Insgesamt ein virtuoses Spiel mit Zeiten, Personen und Perspektiven. Eher ein Kammerstück als ein Roman, das deutlich autobiographische Züge der rumänischen Lyrikerin trägt.

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Mircea Cartarescu         „Die Wissenden“

Der Einstieg in diesen komplexen Roman, den ersten Teil seiner Orbiter Trilogie , ist mit den Träumen des halbwüchsigen Jungen Mircea nicht ganz einfach. Dann folgt ein Rückblick auf die Familiengeschichte. Ein Restdorf ist auf der Flucht, von den Rhodopen in die Walachei, von Bulgarien nach Rumänien. Als sich eine Kirche aus einer Ruine materialisiert, bleiben die Menschen in Muntenien. Das Ganze ist in einer Kombination aus Apokalypse und jüngstem Gericht, als Strafe für die Mohn anbauenden Dorfbewohner, als Kampf zwischen Himmel und Hölle, zwischen Engeln und Teufeln eindrucksvoll beschrieben.

Es folgt die Beschreibung des Lebens seiner Mutter Maria und deren Schwester Vasilica. Bei einer Beerdigung gerät sie von der Krypta der Kirche in eine alptraumhafte phantastische Unterwelt (wie Alice im Wunderland).  Alles ändert sich 1943 durch den Bombenangriff der Amerikaner auf Bukarest. Eindrucksvolle, bildreiche und grausame Beschreibung der zerstörten Stadt.Sie finden ihren weinenden Vater, der aus Tintava herbeigeeilt ist und seine Töchter unter den Toten wähnt. Der Kommunismus hat nun Einzug gehalten und Ionel muss die Denkmäler der Stadt polieren. Er entdeckt eine magische Unterwelt   beim Abstieg in eine Puschkin Büste. In weiteren fantastischen Geschichten wird ein Nachtclubbesitzer  von einem katholischen Vodoopriester in New Orleans wieder zum Leben erweckt wird und in einem Initiationsritus wird ein Mädchen mit Menarche, die in die Gemeinschaft der Wissenden aufgenommen.

Im dritten Teil sitzt der biographische Icherzähler wieder in seiner Mansarde und schreibt über sich und sein Leben, über Herman, den jungen Alkoholiker zwei Stockwerke über ihm und das gewaltige Innere der Plattenbausiedlung mit diversen Treppenaufgängen, in deren fünften Etage er als Sechsjähriger wohnt. Ion Stanila, Mirceas Vater, ist beim Geheimdienst und bekommt den Auftrag einen Circus zu überwachen. Seine Mutter erhält einen neuen Vornamen, da sie Jüdin ist und macht nun als  Emilia statt Estera Karriere in der Partei. Das Buch endet wieder mit einem von einem Priester geleiteten Abstieg in die Unterwelt in der wieder Schmetterlinge mit Flügeln voller Pfauenaugen erscheinen und einem Massensterben der Schmetterlinge, die in Verwesung übergehen. Symbolisch tauchen an vielen Stellen des Buches Schmetterlinge auf, ob bei der Überquerung der Donau, an der Hüfte der Mutter, bei der Nackten im Fahrstuhl mit ihrem geflügelten Kind im Arm oder mit der  Schmetterlingsfrau im Circus. Schmetterlinge sind Symbol für die Seele, den Geist, die Unsterblichkeit und Auferstehung, aber auch für Erotik.

In langen Sätzen und eindrucksvollen Bildern wird mit großer Sprachgewalt  ein Gemälde wie von Hironymus Bosch oder Goya entworfen, einer Welt voller Bettler, Krüppel, Würmer, Insekten, Ungeheuern und anderem Ungetier. Ein Text voller abergläubischer Rituale und Zauberei, philosophischer Betrachtungen und Symbolik. Die Erzählungen gleiten immer wieder ins traumhaft Fantastische ab. Ein mit großer Fantasie gesegneter Autor, die er mit einer bildhaften Sprache in eindrucksvolle Texte  verwandelt. Ein Mix aus Realistik und Fantastik. Mircea Cartarescu gilt als Vertreter der Postmoderne und des magischen Realismus in Rumänien. Sicher nur ein Buch für fortgeschrittene Leser, die aber ihren Spaß daran haben werden.

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