Portugal

António Lobo Antunes       „Elefantengedächtnis“

btb TB, 224 S., 8,50 €

Dies ist der erste Roman des portugiesischen Autors, geschrieben 1979 nach seiner Rückkehr aus dem Angolakrieg, und auf Deutsch erst 2004 in der vorzüglichen Übersetzung von Meralde Meyer-Minnemann erschienen.

Ein Psychiater ist ” ganz unten angekommen” und blickt traumatisiert auf sein bisheriges Leben zurück. Als “Höhlenforscher der Depression”, beginnt er im Laufe eines Arbeitstages sich Rechenschaft über sein verpfuschtes Leben abzulegen, über seine gescheiterte Ehe mit der immer noch geliebten Frau, seine Sehnsucht nach den für ihn unerreichbaren beiden Töchtern, über seine Unzufriedeheit mit der Arbeit als Psychiater in einer Klinik, in der schon sein Vater als Arzt gearbeitet hat. Es tauchen Erinnerungsbilder an seine Kindheit und seine Erlebnisse im Angolakrieg auf, in dem er 27 Monate als Arzt im Einsatz war. Darin verwoben werden die Ereignisse eines Arbeitstages in der Klinik und auf der Irrfrahrt durch die Stadt Lissabon, an das gemeinsame Mittagessen mit einem Freund, dem er sein Herz ausschüttet, an einen Besuch beim Zahnarzt und in einer Psychotherapiegruppe. Die Fahrt endet im Casino, wo er auf “die dicke Frau, das Reptil”, trifft. Verbunden in Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe, verbringen sie die Nacht gemeinsam. Der nächste Morgen findet den Protagonisten am Beginn eines neuen Lebens als verantwortungsvoller Erwachsener “den meine Mutter sich wünscht und meine Familie erwartet”. Offen bleibt, ob dies tatsächlich ein beabsichtigter Neubeginn, oder nur ironisch gebrochener Fatalismus ist

Der Zeitrahmen des Romans von einem Tag, erinnert zunächst an James Joyce “Ulysses”. Im vorliegenden Buch werden allerdings die Erlebnisse des Tages verwoben mit Erinnerungen, Reflexionen und Assoziationen. Berichtet wird in der dritten Person von einem allwissenden Erzähler in mehreren Zeitebenen. Formal und sprachlich ist der Roman ungewohnt und einzigartig. In einer dichten, bild- und metaphernreichen poetischen Sprache gelingen Lobo Antunes eindrucksvolle, wahnhafte Bilder von barocker Sprachgewalt, deren Dechiffrierung in den oft seitenlangen Schachtelsätzen nicht immer einfach ist und das Buch zu einer mühsamen Lektüre machen. Selbstkritisch fragt der Autor: “…warum bloß kann ich meine Liebe nur mit theatralischen Umschreibungen und Metaphern und Bildern ausdrücken,…wo doch dies alles rein, klar, direkt ist, keine Verniedlichung braucht, aufs Wesentliche reduziert ist wie eine Statue von Giacometti…?”. Gelegentlich schleichen sich auch schiefe Bilder und mißlungene Metaphern ein. Neologismen wie “Filigrankaravellengerede“ oder „Christkindkrippen-kuhatem“ überzeugen nicht und ein permanentes “namedropping”, dem landesfremden Leser weitgehend unbekannter portugiesischer Autoren nervt. Hilfreich sind hier die von der Übersetzerin angefügten Anmerkungen.

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José Saramago           “Die Stadt der Blinden”

rororo TB, 400 S., 9,99 €

Das apokalyptisches Szenario dieses Buches verlangt in erster Linie nach einer Interpretation der darin geschilderten Ereignisse. Dem Leser wird schnell klar, dass die zunehmend um sich greifende Erblindung einer ganzen Stadt, in der plötzlich alle vom “weißen Übel” befallen werden, nicht als Realereignis, sondern als lange Parabel zu lesen ist. Die Blinden erleben kein “schwarzes Nichts”, sondern eine “weiße Blindheit, wie ein Licht, das angeht”, die ihnen das Sehen anderer Dimensionen ermöglicht. Die weiße Blindheit vielleicht als Metapher für die “Blindheit der Seele und des Herzens”.

Die Blinden werden vom Staat isoliert und in einer psychiatrischen Klinik interniert. Dort spielen sich beispielhafte Szenen menschlichen Umgangs in Extremsituationen ab. Es beginnt ein Verteilungskampf um die rationierten Lebensmittel, die bald von einer Gruppe gewalttätiger Krimineller für sich beansprucht und nur für Gegenleistungen in Form von Wertgegenständen und sexuellen Dienstleistungen der Frauen herausgegeben werden. Auf der anderen Seite spielen sich Szenen großer Solidarität, menschlicher Nähe und Fürsorge innerhalb einer Gruppe von Blinden ab, zu der auch die Frau eines Augenarztes gehört, der Einzigen, die ihre Sehkraft nicht verloren hat. Sie ist einerseits “Die Königin mit Augen in einem Land der Blinden”, andererseits aber „die Einzige, die den Horror sieht”. Auch das Sehen wird hier zu einer zweischneidigen Angelegenheit. Sie ist es, die die kleine Gruppe letztlich, nachdem auch die Bewacher erblindet sind, in eine verwüstete Stadt führt, für eine sichere Bleibe sorgt, ihr Überleben sichert und an dieser Verantwortung fast zerbricht. Sie ist die “sehende Beobachterin” für den Leser, eine Identifikationsfigur für ihn. Als am Ende des Buches alle Blinden, um viele Erfahrungen reicher, ihr Augenlicht zurück erlangen, überlässt der Schlussabsatz des Romans das Schicksal der Frau der Interpretation des Lesers.

“Der Inhalt ist sehr hart und der Stil muss sich dem Inhalt anpassen”, hat Saramago zu seinem Buch gesagt. Er tut dies mit verknappten und gedrängten Sätzen und einer klaren und drastischen Sprache. Direkte Rede ist im Textverlauf lediglich durch eingeschobene Großbuchstaben kenntlich gemacht. Die Erzählperspektive ist überwiegend die der Frau de Arztes, wechselt aber auch zu anderen Beteiligten und zu einem auktorialem Erzähler, gelegentlich auch mitten im Satz. Alle Protagonisten sind namenlos und werden nur mit ihrem Beruf, körperlichen Eigenschaften oder bestimmten Ereignissen verknüpft. Dadurch entsteht der Eindruck einer anonymen Gruppe von “Jedermännern”, die ein universell gültiges Schicksal erleiden.

Dies ist ein tiefgreifender, vielschichtiger Roman, der existenzielle Fragen berührt, wie die, ob wir für eine vermeintlich gerechte Sache einen Mord begehen dürfen. Es ist ein philosophisches Buch, das nach den Folgen unseres Handelns fragt und uns an unsere subjektive Weltsicht erinnert. „Wahrscheinlich sind die Dinge nur in der Welt der Blinden das, was sie wirklich sind.“. Es ist natürlich auch ein politisches Buch. Saramago, der bis an sein Lebensende 2010 der kommunistischen Partei angehörte, stellt in der Extremsituation der Internierung der Macht des kriminellen Kapitalismus die Solidarität der Unterdrückten gegenüber. Und es ist zuletzt auch ein religiöses Buch, wenn der gläubige, aber mit der Amtskirche im Dauerkonflikt liegende Autor, Gott und alle Heiligen mit einer weißen Augenbinde versieht und auch sie zu Blinden werden lässt, die sich von den leidenden Menschen abgewandt haben.

Fünf Herzen für einen tief beeindruckenden Roman, den jeder gelesen haben sollte!

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