Polen

Andrzej Stasiuk          “Hinter der Blechwand”

Das Buch beginnt mit der eindrücklichen Beschreibung einer sterbenden, trostlosen, namenlosen Stadt im Südosten Polens, in die Pawel, der Icherzähler geflohen ist, nachdem sein Leben in Stücke geflogen war und in der er nachts lediglich die erleuchtete Tankstelle sieht, das einzige Zeichen , dass noch Leben existiert. Ein Motiv, das im Buch immer wieder auftaucht. Dort lernt er Wladek kennen, der die nötigen Kontakte hat. Er selbst hat ein klappriges Auto aus dem heraus sie nun gemeinsam Gebrauchtkleidung verkaufen. Zigeuner sind ihre besten Kunden. Man wechselt über verlassene Grenzübergänge von einem im Zerfall begriffenen Land Osteuropas in das nächste. Die Einnahmen reichen gerade zum Überleben, die Ersparnisse noch für sechs Monate und man tröstet sich mit viel Wodka. Eine Pause und Abwechslung bringt nur der von drei tätowierten slowakischen Brüdern betriebene Jahrmarkt mit der schönen und schüchternen Eva an der Kasse des Riesenrads, in die Wladek sich verliebt. Ein neues Geschäftsfeld tut sich auf: Menschenschmuggel. Pawel will nicht mitmachen, bis Wladek im erklärt, dass er mit dem Erlös daraus Eva frei kaufen kann. Das Buch endet mit einer langen Fahrt Pawels im Fiat Ducato von Polen nach Istanbul, wo er Pawel mit der hochschwangeren Eva auf dem Taksim Platz wieder trifft.

Dies ist ein brillant geschriebener road trip durch den wilden Ostens nach dem Zerfall der Sowjetunion, der Iwanunion, Anfang der 90 ziger Jahre. Erzählt wird in Zeitsprüngen und Rückblenden. Mehrere Erzählstränge laufen parallel und zeitlich versetzt auf drei Zeitebenen im Grenzgebiet von Polen-Ukraine-Slowakei und Ungarn ab. Der rote Faden der einzelnen Episoden wird an unterschiedlichen Stellen wieder aufgenommen und weiter erzählt. Ein hoch komplex gebautes Buch. Es ist aber auch ein Buch über Männerfreundschaften, die weit über Geschäftsbeziehungen hinaus gehen. Es ist ein brutaler und poetischer Roman zugleich mit rauem Umgangston in einer trocken, sachlichen Sprache mit viel Ironie und Witz. Lebendig erzählt, spannend, unterhaltsam. Unbedingt lesen!

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Stanisław Lem                       “Solaris”

Es ist schwierig ein Buch, das dem Genre Science-Fiction angehört zu bewerten, ohne selbst eine Beziehung dazu zu haben. Science fiction Fans haben mir versichert, dass dies ein großartiges Buch und ein Klassiker dieser Gattung ist.

Worum geht es? Ein Icherzähler, der Psychologe Kris Kelvin, fährt in der Raumkapsel Prometheus 16 Monate zum weit entfernten Planeten Solaris, auf dem es als einziges lebendes Gebilde den „Ozean“ gibt, der Geist und Bewusstsein hat. Etwas stimmt in der Station nicht, es herrscht große Unordnung, der Leiter Gibarian ist gestorben, sein Büro ist verwüstet. Zwei Mitarbeiter sind noch auf der Station: Snaut und Sartorius, der ihm den Zutritt zu seinem Laboratorium verweigert. Seine ehemalige Geliebte Harey, die er in den Selbstmord getrieben hat, erscheint bei ihm im Zimmer. Er schießt sie mit einer Rakete in eine Umlaufbahn um Solaris. Auch die beiden anderen Bewohner von Solaris erhalten ungebetenen Besuch von Wesen die sich ständig regenerieren und immer wieder erscheinen. Verursacher ist metamorphes Plasma in Form des Ozeans. Kris studiert Bücher über Solaristik, die mit pseudowissenschaftlichen Fantasienamen gespickt sind und führt absurd anmutende Experimente durch, um dem Geschehen auf den Grund zu gehen. Letztlich gibt Kelvin Harey ein Schlafmittel und verschwindet durch Destabilisation mittels eines von Sartorius gebauten Annihilators.

Was noch wie ein rätselhafter Krimi beginnt, entfernt sich rasch ins Reich der Fantasie, das mit pseudowissenschaftliche Begriffen, absurden Experimenten und unglaubwürdigen Zusammenhängen angefüllt wird. Was andere großartig fanden, hat mich gelangweilt, wozu auch die ausgiebigen theoretische Erörterungen über Solaristik anhand von aufgefundenen Büchern beigetragen haben. Für Freunde von Science-Fiction sicher lesenswert, alle anderen sollten die Finger davon lassen.

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Artur Becker      “Der Lippenstift meiner Mutter”

Dieser wohl autobiographisch geprägte Roman des auf Deutsch schreibenden Autors Artur Becker ist in der alten Heimat seiner Familie, in Masuren, in den frühen achtziger Jahren angesiedelt. Er erzählt die Geschichte des fünfzehn jährigen Bartek, der eine platonische Liebe zu Meryl Streep unterhält. Mittelpunkt des Romans, Stammtisch des Ortes und Barteks zweite Heimat ist die Werkstatt des Schusters Lupicki, der eine schöne Tochter und einen behinderten Sohn versorgt. Auch der Mörder Baruch, die Hure Marzena und der Friseur Tschossnek besuchen die Werkstatt regelmäßig.

Daneben gibt es eine umfangreiche und schwer zu durchschauende Verwandtschaft, ein Panoptikum von Figuren mit einem Flickenteppich von Biographien, deren wichtigster Protagonist Opa Franzose ist, ein Geige spielender gebildeter Büchernarr, ein Reisender und Heimatloser. Als dieser nach langer Abwesenheit zurück ins Dorf kommt, fallen beim sonntäglichen Familienmahl seine drei Töchter über ihn her und halten ein Familiengericht ab, erklären sich dann aber doch bereit, sich um ihre inzwischen aufgetauchte uneheliche Halbschwester zu kümmern.

Der Leser fragt sich am Ende des Buches was Artur Becker eigentlich schreiben wollte, einen Familien- , Heimat- , oder Entwicklungsroman? Leider kann er sich nicht entscheiden und versucht alles zugleich. Eine einfache, schlichte Sprache und die lineare, zeitweise zähe und langatmige Erzählweise und das dümmliche Spiel mit der doppeldeutigen Bezeichnung des „Lippenstifts“ der Mutter nehmen ebenfalls nicht für das Buch ein. Dem Buch fehlen die überraschenden Momente, es fehlt an Spannung. Statt eines auktorialen hätte ein Icherzähler dem Roman gut getan.

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Daniel Odija                           “Das Sägewerk”

Dies ist die Geschichte von Jozef Mysliwskider, der nach dem Zerfall des Kommunismus in Polen hat hart gearbeitet und mit einer Fuchspelzzucht erfolgreich war, was viele Neider im Dorf hervor ruft. Als die Pelzzucht sich nicht mehr lohnt und es Kredite gibt, errichtet er ein Sägewerk und kauft die Wälder der umliegenden Bauern auf. Er baut ein zu großes eigenes Haus und die Schulden wachsen ihm, auch durch Betrug eines Angestellten, über den Kopf. Verzweifelt und zornig zündet er sein Sägewerk an. Damit beginnt sein Abstieg. Er ist nicht mehr der Chef im Dorf, sondern nur noch ein Sack verfaulter Kartoffeln. Was bleibt ist die Erinnerung an den Vater bis die Polizei ihn wegen Brandstiftung verhaftet.

Es ist aber auch die Geschichte seiner Frau Maria und ihres gemeinsamen Sohn Krzysztof, der versucht sich von der erdrückenden Liebe der Eltern zu befreien und zu einem Scheißkerl wird, der Menschen erschlägt. Und es ist die Geschichte einzelner Dorfbewohner, wie Alek, der nach Amerika geht um sein Glück zu machen, aus Heimweh zurückkehrt und in der Dorfkneipe Zagroda Geschichten aus der Fremde erzählt. Und es ist die Geschichte des korrupten Politikers Pasieka, der Geld für den Wahlkampf sammelt und die Bauern gegen Jozef aufstachelt.

Insgesamt ein lesenswertes ein Buch über den Einzug des Kapitalismus in das postkommunistische Polen und wie er das Leben der einfachen Leute verändert. Eine deftige, dem Milieu angepasste Geschichte, erzählt in knappen Sätzen. Eine Zeit bezogene gut beobachtete Milieuschilderung und ein Sittenbild, das leider unter der stellenweise schlechten Übersetzung leidet.

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Olga Tokarczuk             “Der Gesang der Fledermäuse”

Frau Janina Duszejko, die Icherzählerin dieser Geschichte, war früher Brückenbauingenieurin und lebt seit geraumer Zeit zurückgezogen als Englischlehrerin für die Dorfkinder eines kleinen Ortes im Glatzer Kessel in Schlesien, im Grenzgebiet zu Tschechien. Als fanatische Tierschützerin liegt sie mit der Ortspolizei in Dauerstreit. Interesse hat sie nur an Tieren, die Menschen werden mit wenigen Ausnahmen nur als ihre Peiniger wahrgenommen, bis auf wenige Ausnahmen, Außenseiter wie sie. Ihre sonstige Leidenschaft gilt der Astrologie und den Horoskopen und ihren beiden Mädchen.

Als zunächst ein Wilderer, dann ein Polizeikommissar, der kriminelle Besitzer einer Fuchsfarm und später auch noch Vorsitzende der Jägervereinigung tot aufgefunden werden und die Leichen jeweils von Tierspuren umgeben sind, ist Janina davon überzeugt, dass die Tiere blutige Rache genommen haben, zumal der Stand der Sterne und die Horoskope auch dafür sprechen. Allerdings ist die Polizei anderer Ansicht. Mehr sei hier nicht verraten.

Was auf den ersten Blick wie ein Krimi daher kommt, erweist sich dann doch als spannungsarme, langatmige Geschichte, die sich nicht recht zwischen Esoterik, Astrologie und Mordkomplott entscheiden kann. Es gibt sehr gelungene Passagen, wie die Persiflage einer Hubertusmesse, in der die Kanzel zum Hochsitz mutiert, aber das Ende ist vorhersehbar und nicht wirklich überraschend. Dies ist vermutlich nicht das stärkste Buch der renommierten Autorin.

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Stefan Chwin                 “Der goldene Pelikan”

Erzählt wird die Lebensgeschichte und der damit einhergehende gesellschaftliche Abstieg des Juraprofessors Jakub. Zu Beginn mit einem gerafften Rückblick auf seine Jugend, von der Geburt im Haus “Tannheim” im kriegszerstörten Danzig bis zum gut situierten Leben mit seiner Ehefrau Janka, einer Physiklehrerin.

Der Einstieg in das aktuelle Geschehen beginnt mit einer Aufnahmeprüfung in der juristischen Fakultät. Jakub ist in der Prüfungskommission und verteilt die Noten mit seinem goldenen Pelikanfüller. Ein Mädchen fühlt sich von ihm ungerecht benotet und will ihn sprechen. Er ist abgelenkt und wimmelt sie ab, hält es nicht für sein Problem und sucht Entschuldigungen. Später hört er gesprächsweise, dass das Mädchen sich vielleicht umgebracht hat und diese Mitteilung erteilt ihm eine wichtige Lehre, die er gründlich erforschen sollte und er beschließt, sich etwas in sich selbst umzusehen. Er begibt sich auf die Suche nach dem Mädchen, aber weder die Polizei, noch ein Psychotherapeut oder Pfarrer kann ihm helfen. Auch Esoterik und Fasten erweisen sich als unwirksam auf dem Weg zu sich selbst.

Die Beziehung zwischen Janka und Jakub kühlt sich zunehmend ab. Als von einem Mann in der Uni ein Messerangriff mit den Worten das ist für meine Tochter auf ihn verübt wird kommt es zu einer zunehmenden Persönlichkeitsveränderung mit der Trennung von Janka und Scheidung. Es folgt eine zunehmende Vereinsamung, Depressionen und sozialer Abstieg, der letztlich auf der Straße endet. Völlig verwahrlost und krank wird er von einer Frau aufgelesen und gesund gepflegt. Nicht unerwartet ist es Nadja, das Mädchen, das er durchs Examen fallen ließ und sich vermeintlich umgebracht hat, das ihn nun aus der Gosse zieht. Das gemeinsame Glück ist aber nur von kurzer Dauer.

Thematisch wird in diesem negativen Entwicklungsroman die alte Frage von Schuld und Sühne bearbeitet. Wirklich überzeugend gelingt Stefan Chwin das allerdings nicht. Sprachlich kommt es eher hölzern daher mit vielen nichtssagenden und banalen Sätzen. Inhaltlich ist Jakubs Selbstfindungsprozess nicht nachvollziehbar und es wird nicht deutlich, was er eigentlich sucht. Die Schlusspointe des Romans, in der Nadja, der Anlass seines sozialen Abstiegs, letztlich zu seiner Retterin wird ist so banal wie vorhersehbar. Ein Buch, das den Leser nicht zu fesseln vermag.

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Joanna Bator                            “Sandberg”

Suhrkamp TB, 492 Seiten, 11,99 Euro

Dies ist ein furioser, sprachmächtiger Parforceritt durch vier Generationen. Zentrum der Ereignisse ist die Plattenbausiedlung Piaskowa Gora (Sandberg) in Walbrzych, ehemals Waldenburg in Niederschlesien. Hier wohnt Jadwiga Chmura, genannt Jadzia mit ihrem Mann Stefan und dem gemeinsamen Töchterchen Dominika. Während Jadzia ihrem Putzfimmel nachgeht, träumt sie von einer Heiratsvermittlung für ihre Tochter an einen deutschen Ehrenmann in der BeErDe und ihr Mann, der alle hochfliegenden Träume inzwischen begraben mußte, wendet sich zunehmend dem Alkohol zu. Derweil entwickelt sich ihre Tochter zu einer mathematisch hochbegabten Zigeunerin auf Spinnenbeinen, die keinerlei Ähnlichkeit mit den Eltern aufweist. Damit kommen die Großeltern in die Geschichte, insbesondere die beiden Großmütter Halina und Zofia. Aber mehr sei hier nicht verraten. Die Geschichte ist so vergnüglich, dass man sie selbst erkunden sollte. Eine nicht unwichtige Rolle spielt auch Onkel Kasimierz, der Scheiße in Geld, in Form gehäkelter Babyausstattung, Geleebonbons, Champignons und Gartenzwergen verwandeln kann.

Angesiedelt ist der Roman in den siebziger Jahren in Polen und eingebettet in einen größeren zeitgeschichtlichen Kontext. Erzählt werden in Zeitsprüngen fragmentarische Erlebnisse der unterschiedlichen Generationen und der Leser erhält auf diese Weise ein authentisches Bild vom Leben der einfachen polnischen Menschen in dieser Zeit, ihrer naiven Religiosität und ihrer Wünsche und Träume. Das alles wird von der Autorin derart farbig, fantasievoll und bildreich in einer mal drastisch-derben, mal bunt schillernden Sprache erzählt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Schon lange hat mich kein Buch derart gefesselt.

Dies ist ein sprachgewaltiges, autobiographisch inspiriertes Buch, prall gefüllt mit Leben. Vor allem aber ist es ein Buch über starke Frauen, in dem die Männer nur Randfiguren sind. Unbedingt lesen!

Eine Fortsetzung des Romans, die Überwindung der Enge des Sandberges durch ausgiebige Reisen, findet sich in dem 2010 erschienenen Buch “Chmurdalia”, auf Deutsch “Wolkenfern”, 2013 im Suhrkamp Verlag. Wie der Sandberg, wiederum großartig ins Deutsche übertragen von Esther Kinsky.

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Sylwia Chutnik                        “Weibskram”

Vliegen Verlag, 192 Seiten, 12,90 Euro

Dieses Buch enthält vier Erzählungen über das Schicksal einfacher Menschen, die nur lose räumlich durch ein Mietshaus in der Opaczewska Straße in Warschau miteinander verknüpft sind, das allen Unterschlupf bietet.

Als Mania auf die Oberschule gehen soll, bekommt sie von ihrer Mutter zu hören, dass die beste Schule der Markt sei. Also hilft sie ihrer Mutter dort Töpfe zu verkaufen und träumt von einer anderen Welt, die sich zunächst zu verwirklichen scheint: erst Verlobung, dann Hochzeit, aber auch bald wieder die Trennung. Was folgt ist ein permanenter Abstieg über autoagressive Verletzungen, Alkoholismus bis hin zur Pennerin, die im Müll lebt. Die einzige Hoffnung, die ihr bleibt, ist nach einer Fehlgeburt die Imagination eines eigenen Kindes, das sie im Kinderwagen durch die Stadt fährt und dabei zutode kommt. Die Lebensgeschichte eines Mädchens aus dem Prekariat, das im Leben nie eine Chance bekam.

Maria, 82 Jahre, Jüdin, die Meisterin der Krampfadern, sitzt im Wartezimmer einer Ambulanz. Erinnerung an den Warschauer Aufstand 1944 kommen hoch, den sie nur mit Glück überlebt hat. Die Erinnerungen an die Kriegsgräuel lassen sie nicht mehr los. Eine Bombe fiel damals in den Keller und tötet alle Mitbewohner, nur sie und ihr Mutter überlebeten, aber die Mutter nicht lange, beim Versuch ihre Tochter vor der Vergewaltigung durch Soldaten zu schützen, wird sie erschlagen. Marias wahre Krankheit sind nicht die Krampadern, sondern ist der schmerzende Aufstand. Nach dem Krieg wird sie Bibliothekarin mit einer Seele, die keine Ruhe findet. Sie fixiert die Vergangenheit und ignoriert den Alltag. Letztlich steigt sie in den Keller des Hauses, hält Hochzeit mit ihrer Vergangenheit, richtet sich dort unten zum Sterben ein und wartet darauf, dass die Mutter sie wieder zu sich holt.

Herr Marian ist ein lediger Künstler, er kann alles reparieren und fertigt Kunstwerke der Backkunst an, er näht Kleider und bestickt Wandbehänge, er ist ein Weibsmann, äußerlich ein Mann, im Herzen eine Frau und besonders die Frauen lieben ihn dafür und befürchten zugleich, er könne schwul sein. Keiner weiß, dass sein Vater ihn fast totgeschlagen hat, als er statt Mechaniker zu werde, wie der Vater, Konditor wurde. Er selbst wird nur einmal in seinem Leben gewalttätig, als ein Schwuler ihn bedrängt.

In der letzten Erzählung hat die elfjährige Marysia alle Probleme der beginnenden Pubertät. Immer wieder fährt der Satan in sie. Sie bekommt dann den mörderischen Blick und entwickelt enorme Zerstörungswut. Was ihr fehlt ist eine echte Freundin, die sie auch in einer Punkerin nicht findet. Nachts geht sie in den Keller, um ihre Kindersachen zu zerstören, irrt durch die Stadt und legt Feuer auf dem Markt, womit sich der Bogen zur ersten Erzählung schließt.

Was inhaltlich als düster-trostlose Lebenschicksale imponiert, lebt bei Sylwia Chutnik durch die Sprache. In knappen, dem Milieu angepassten Worten werden bildreich und mit viel Witz und Ironie die Lebensumstände dieser Menschen entworfen. Hinter einem zunächst harmlos daher kommenden Beginn (großartig hier die Beschreibung des Marktes und des Wartezimmers), lauert jeweils eine menschliche Katastrophe, die uns die Autorin mit eindringlichen Worten unter die Haut impft. Dabei changiert der Inhalt häufig zwischen harter Realität und Persiflage, wie die Beschreibung des Putzwahns der Mutter Manias, die feststellt: Kloputzen ist ein Quell der Ruhe, der vor allem Frauen zugänglich ist. Sylwia Chutnik ist eine fantastische und mitreißende Erzählerin, von der man hoffentlich noch mehr in deutscher Übersetzung zu lesen bekommt. Ein besonderes Lob geht auch an die Übersetzerin, und gleichzeitig Verlegerin dieses Buches, Antje Ritter- Jasinska, der eine großartige Übertragung aus dem Polnischen gelungen ist. Niemand sollte sich vom etwas düsteren Inhalt des Buches abhalten lassen, es ist reiner Lesegenuß!

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Pavel Huelle                            “Mercedes-Benz”

dtv TB, 160 Seiten, 9,00 Euro Mercedes

Der bereits ältere Icherzähler der Geschichte berichtet in einem Brief an den verstorbenen tschechischen Autor Bohumil Hrabal von seinen Erlebnissen als Fahrschüler und den Geschichten, die er dabei seiner Lehrerin Fräulein Ciwle erzählt hat. Diese sind derart anregend, dass die Fahrlehrerin beim Zuhören gelegentlich sogar vergisst den Schüler ans Steuer zu lassen. Die Erlebnisse von Großmutter Maria, Großvater Karol und den diversen Tanten sind einfach zu vergnüglich. Und auch der Leser ist davon gefesselt und amüsiert und liest mit Vergnügen, wie sich, wie aus einer Matrjoschka, ein amüsantes Abenteuer aus dem anderen ergibt.

In einem atemlosen, mitreißenden Erzählfluß, dere wohl seinem Vorbild Hrabal geschuldet ist, berichtet Huelle auf mehreren Zeitebenen von seinen Fahrstunden mit -, und seiner Zuneigung zu seiner Fahrlehrerin, die aber über eine flüchtige Annäherung nicht hinaus kommt, von den Familienereignissen im Danzig der dreißiger Jahre und von den Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre in Polen. Der Bericht, wie hier Studenten der technischen Universität mit der Herstellung von Betonsteinen kaufmännisch erfolgreich sind und damit sogar eine Vernissage in New York gestalten, ist eine großartige Persiflage auf den Kunstbetrieb. Den Rahmen der Handlung bildet ein Brief an den Schriftsteller Bohumil Hrabal, der nach Meinung aller Stammtischbrüder den Nobelpreis verdient hätte, auch posthum, denn er ist unter ungeklärten Umständen in Prag (!) aus einem Fenster im fünften Stock eines Krankenhauses in den Tod gestürzt.

Huelle ist ein Fabulierkünstler, ein Freund langer Sätze, die er gerne mit einem Semikolon gliedert und damit gut lesbar macht. Fehlende Kapitel und Absätze unterstreichen den atemlosen Erzählfluß, und an dessen Ende, wenn das Leben im Brief an den lieben Herrn Bohumil wieder einen außerordentlichen Bogen geschlagen hat, kann auch der Leser sich beglückt zurücklehnen.

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