Tschechien

Radka Denemarková     „Ein herrlicher Flecken Erde“

Dies Buch ist eine eindrückliche Rückschau auf ein ganzes Leben in der die Protagonistin sechs Mal an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt. 1946 als 16 jährigen Gita Lauschmanová auf den Gutshof ihrer Eltern und dort auf die früheren arbeiter ihres Vaters, des Gutsbesitzers trifft und ihn nun .als Nazischwein und „deutschen Juden“ beschimpfen.Ein zweites Mal 2005 als 76 jährige pensionierte Ärztin mit Enkelin und Anwalt, um ihren ehemaligen Besitz zurück zu erhalten und um ein Denkmal für ihren Vater zu errichten. das Dorf will sie für unzurechnungsfähig erklären lassen. Ein Dorfbewohner setzt sich für die ein, aber der Bürgermeister weigert sich. Sie will nicht als Deutsche, sondern als Mensch entschädigt werden. Sie schreibt ihr Leben auf, das ist ihre „Rettungsweste“ und stirbt ohne ihre Erinnerungen beendet zu haben.

Erzählt wird hier in einer expressiven und bildreichen Sprache ein Leben als Kind  in einem  Gutshaus in Tschechien bis zur Enteignung durch das Benes Dekret Nr.12 . Eltern und Schwester sind im Konzentrationslager umgekommen, weil sie „Juden“ waren. Sie waren aber Deutschböhmen, der Vater assimilierter Jude. Ein eindrucksvolles und erstaunliches Buch für eine junge Autorin, das auch mit seinem geschichtlichen Hintergrund sehr lesenswert ist.

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Ivan Klima                „Ein Liebessommer“

David ist Biologe und erhält die Einladung zu Vorlesungen in London. Seine Frau, die Lehrerin Kamila ist erschöpft und chronisch erschöpft von Beruf und der Versorgung der zwei Töchter. Auf der Beerdigung ihrer Hauswirtin begegnet David die Sängerin Iva, die in einem Nachtklub auftritt. Er verliebt sich in sie, obwohl hier unterschiedliche Welten aufeinander treffen, oder gerade darum. Währen sie distanziert bleibt, überhäuft er sie mit Geschenken. Er ist ein anderer Mensch geworden und erkennt sich selbst nicht mehr wieder.Er gesteht seiner Frau das Verhältnis und sitzt nächtelang am Telefon, wartete auf Ivas Anruf und belügt seine Frau und sich selbst. Seine Reise nah London will er absagen und bei Iva bleiben. Kamila durchschaut ihn und will ihn nicht mehr. Auch Iva ist verstößt ihn, will nichts mehr von ihm wissen. Er ist verlassen, alles bricht für ihn zusammen bis zum tragischen Ende.

Eine Dreiecksgeschichte in der die Begegnung mit einer Frau reißt Mann in den Abgrund reißt, wechselweise von einem auktorialen- und Icherzähler berichtet. Der spießige David, dessen Lebenstraum ein Eigenheim mit Waschmaschine ist versteht nicht was ihn an der Frau fasziniert und stellt sich immer wieder die Frage „warum?“. Ein Prozeß der Selbstentfremdung setzt ein. Iva ist verheiratet, lebt locker, frei und lebenslustig, und ist sich  sicher, ihn jederzeit gewinnen zu können. Seine Ehefrau Kamila ist die solide, verständnisvolle Frau fürs Leben, treu, gutgläubig und fürsorglich. Beide verliert er. Das ständige Hin und Her Davids hat für den Leser auf die Dauer etwa Ermüdendes.

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Milos Urban            „Die Rache der Baumeister“

Das Buch ist zugleich Kriminal- wie auch Prager Stadtgeschichte. Stadtkenntnisse sind für den Leser durchaus hilfreich. Der wegen Unfähigkeit entlassene Polizist Kvetoslav Svach findet auf seinen Rundgängen durch die Stadt verschiedene Leichen von Bauingenieuren unter makabren Bedingungen, beispielsweise als hängender Glöckner am Glockenseil oder an einem Fahnenmast aufgeknüpft. Bei der Vernehmung auf der Polizei trifft er auf einen Riesen und einen verkrüppelten Zwerg, Gmünd und Prunslik. Ersterer von altem Adel, dessen Vorfahren in der Neustadt lebten, wohlhabend und davon besessen, Geld für die Renovierung der Prager Kirchen zu spenden. Er wünscht, dass K. ihn gemeinsam mit der Polizistin Rosetta Belska begleitet. Kvetoslav hat immer wieder Visionen aus der Vergangenheit, was Gmünd dazu nutzen möchte von ihm Informationen zu den Baute Prags auds dem Mittelalter zu erhalten. Der weitere Verlauf wird immer rätselhafter und geheimnisvoller, bis am Ende Gmünd und Prunslik als Mitgliede der geheimen Fronleichnms-Bruderschaft enttarnt werden, die sich dem Erhalt der Bauten Karls IV verpflichtet fühlt.

Ort der Handlung ist die Prager Neustadt und ein Stadtplan, der dem Buch leider fehlt, ist hilfreich. Die zahlreichen Personen sind wenig differenziert und zu abstrus, um glaubwürdig zu sein. Ermordet werden Architekten und Ingenieure, die Neubauten anstelle von historischen Gebäuden errichten wollen. Ein Roman der dem Mittelalter und der Gotik huldigt und gegen die Moderne gerichtet ist. Die heile Welt des Mittelalters wird der gefährlichen Moderne mit Plattenbauten gegenüber gestellt. Gmünd und Prunslik agieren als Terroristen im Interesse der vermeintlich besseren Vergangenheit und gegen die Sachwalter des zwanzigsten Jahrhunderts und betrachten ihre Morde als Gottesdienst. Da ist der IS nicht weit.

Das Buch verbindet Kunst- und Architekturbetrachten mit Kriminalistik, ist aber absolut kein Kriminalroman, sondern gehört eher in den Bereich der phantastischen Literatur. Nicht überzeugend!

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Pavel Kohout         „Die lange Welle hinterm Kiel“

Zwei ungleiche Paare , die den weiteren Verlauf schon erahnen lassen, betreten ein Kreuzfahrtschiff. Zwei junge Menschen nach einem Verlust, Sylva, die verlassenen wurde und  sich umbringen will, und Siegfried, ein Studienabbrecher und Exjunkie. Dazu zwei Alte, Prof. Martin Burian und Margarete Kämmerer, die ein gemeinsames Schicksal verbindet. Daraus entwickelt sich eine überaus langweilige und vorhersehbare Geschichte , die in schlichter  Sprache und ohne jede stilistische Rafinesse erzählt wird. Es ist Teils unerträglicher Kitsch, voller Banalitäten, Phrasen und Plattitüden, ein Ein literarisches Leichtgewicht auf dem Niveau eines Groschenromans oder wie ein Kritiker schrieb die lange Weile hinter dem Kiel. Die handelnden Personen entsprechen Klischees und werden für den Leser nicht lebendig. Diesen beschleicht zunehmend das Gefühl, dass Kohout hier lediglich ein leicht überarbeitetes Drehbuch seines gleichnamigen Films veröffentlicht hat.

Da reicht es nicht mal zu einem roten Herz.

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Bohumil Hrabal   „Ich habe den englischen König bedient“

Der fünfzehn jährige Jan Dítě  beginnt seine Ausbildung als Pikkolo im Hotel Goldenes Prag und begreift sehr schnell: Geld regiert die Welt. Mit neuem Frack wechselt Jan in das edle Hotel Tichota in der Provinz, mit einem Chef im Rollstuhl, der mit einer Trillerpfeife sein Personal kommandiert. Ein surreales Hotel, in dem täglich alles vorbereitet wird für nur selten erscheinende reiche und prominente Gäste, die dort Orgien feiern und nebenbei ihre Geschäfte abwickeln. Er lernt dort:  nicht Arbeit, sondern Reichtum macht glücklich. Seine nächste Station ist das Hotel Paris in Prag, wo ihn der Oberkellner Skrivanek ins Herz schließt und er zum Platzkellner aufsteigt. Von ihm, der schon den englischen König bedient hat, lernt er die Gäste richtig einzuschätzen und die Fräuleins im Chambre sépareé genauer kennen. Hier lernt er, dass Kleider Leute machen und er kleidet sich neu ein. Damit serviert zum Festmahl Haile Selassie gefülltes und geröstetes Kamel und erhält dafür einen abessinischen Orden.

Sein Schicksal wendet sich, als er Lisa, ein deutsch-nationales Mädchen aus Eger kennenlernt. Seine nächste Station ist ein Nazi Hotel in den Bergen bei Tetschen in das Lisa ihn führt, das sich als Zuchtstation der edlen deutsche Rasse mittels nationalsozialistischem Beischlaf entpuppt. Angegliedert ist eine Gebärstation für den neuen deutschen Menschen. Hier lernt er, dass man nicht von großer Statur sein, sondern sich groß fühlen muss. Nach positiver rassenhygienischer Untersuchung, heiratet er Lisa, nur mit Zeugung ihres neuen deutschen Kindes will es nicht klappen, bis Söhnchen Siegfried  doch noch geboren wird, der sich als Monster herausstellt. Mit Beginn des Russlandfeldzuges wechselt er ins Hotel Körbchen in Böhmen, in dem sich die deutschen Offiziere ein letztes Mal mit ihren Frauen treffen, bevor sie an die Front nach Russland gehen. Dort lernt er, dass die innerlichste Beziehung zwischen zwei Menschen die Stille ist.

Nach Kriegsende erhält er eine kleine Strafe wegen Kollaboration mit dem Feind. Dann baut er sich mit dem Erlös aus einer jüdischen Briefmarkensammlung ein eigenes Hotel am Stadtrand von Prag in einem alten Steinbruch auf. All seine Erkenntnisse fließen darin ein und es  wird einzigartig und berühmt, bis der Kommunismus kommt und er lernen muss, dass es nicht einfach ist Millionär zu sein. Er kehrt nach Prag zurück und  meldet sich als Straßenarbeiter für ein abgelegenen Gebiet. Mit einem Pony, einer Ziege und einem Wolfshund zieht er mit vor Freude gewölbter Brust in die Einsamkeit um am Lebensende zu erkennen: das Wesen des Lebens besteht im ständigen Fragen nach dem Tod.

Den Reiz dieses großartigen Entwicklungsromans  macht die Diskrepanz zwischen schlichter Sprache des Erzählers und den tiefgründigen Inhalt aus. Hintergründiger Humor trifft auf reale Ereignisse. Immer wieder wird das Unglaubliche Wirklichkeit. In jedem Kapitel lernt Jan eine grundsätzliche Wahrheit und erlebt ein aufregendes Abenteuer. In jedem Unglück, das ihn trifft, sieht er das Positive und die Chance zum Neubeginn. Es ist die Geschichte eines Menschen, der es aus einfachen Verhältnissen zu großem Reichtum gelangt, um dann wieder ins einfache Leben zurückzukehren. Eine moderne Fabel, die den Leser beglückt und bereichert.

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Milan Kundera       „Die Identität“  

Ein auktorialer Erzähler berichtet in kurzen Kapiteln über die Beziehung von Chantal und Jean-Marc  und schildert ihre Gefühle wechselweise aus der jeweils anderen Perspektive. Am Beginn des Klimakteriums  reift in Chantal die Erkenntnis: die Männer werden sich nie mehr nach mir umdrehen. Und Jean Marc realisiert, dass er seine Frau nicht mehr erkennt, als er sie, auf der Suche nach ihr, am Strand mit einer anderen verwechselt. Um ihre Beziehung zu beleben beginnt er seiner Frau anonym Liebesbriefe zu schreiben, die ihr zunächst schmeicheln. Als sie den Briefschreiber errät fühlt sich überwacht und in eine Falle gelockt. Die Beziehung scheint endgültig zerstört, beide finden sich nicht mehr, weder real noch emotional. Sie sind in ihrem Konflikt nicht mehr fähig miteinander zu sprechen und erkennen: keine Liebe überlebt die Sprachlosigkeit.

Es wäre kein Buch  von Milan Kundera, würde der Partnerkonflikt nicht auch psychologisch-philosophisch beleuchtet.  So geht es um die Frage der eigenen Identität, um die Bedeutung von Freundschaft  und die  Beständigkeit von Liebe. Freunde braucht man, um sich an seine Vergangenheit zu erinnern,  Liebe in Form von Treue zu einem Menschen existiert nicht und wenn, wäre es ist ein „Liebeszuchthaus“. Und wie  soll man sich sicher sein, dass der Partner immer derjenige bleibt, den man liebt und und wie kann ein abhängiges Ich seine Identität bewahren? Diese Fragen werden behandelt und enden in einer kunstvollen Verschränkung von Realität und Traum in London, wo beide wieder aufeinander treffen. Für Jean-Marc liegt die Identität eines Menschen in seinen Augen und sein letzter Satz lautet: Ich werde den Blick nicht mehr von dir wenden. Ich werde dich immer ansehen.

Diese kleine Novelle ist ein meisterhaftes komponiertes Kammerstück für zwei Personen und das zweite Buch einer Trilogie, das Kundera 1995 in Paris auf Französisch veröffentlicht hat.

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