Iran

Ferdausi        „Die Rostam Legenden aus dem Schahname“

Persische Literatur von ihrer schönsten Seite: Das um 1000 n. Chr. entstandene persische Nationalepos »Schahname« schildert die Geschichte des Iran von der Erschaffungder Welt bis zum Verfall des Sasanidenreiches. Zu den faszinierendsten Teilen gehören die Heldentaten des ruhmreichen Kämpfers Rostam, Prinz von Zavolistan, »dessen Haupt bis in die Wolken ragt«. Ihr Autor  Abu l-Qasem-e Ferdousi wurde 940 in Tabaran-e Tus, einem Dorf im Bezirk Tūs, bei Maschhad geboren, also rund 300 Jahre nach der Arabisierung Irans. Er starb  1020 in Tūs, wo heute ein prächtiges Mausoleum an ihn erinnert. Auch Heinrich Heine hat ihm mit seinem Gedicht „Der Dichter Firdusi“ ein Denkmal gesetzt. Sein einziges Werk war das monumentale, etwa 60.000 Verse in Form von Distichen umfassenden Schāhnāme (deutsch „Buch der Könige“), das Nationalepos der persischsprachigen Welt. Er begann 977 mit der Niederschrift und beendete sein Werk um 1010.

Das Schāhnāme war und ist die Basis des persischen Nationalbewusstseins in der persischsprachigen Welt – in den Staaten Iran, Afghanistan und Tadschikistan. Das Werk Firdausīs hatte und hat einen tiefgehenden Einfluss auf Sprache und Kultur Irans. Das Schāhnāme ist einer der Hauptpfeiler der modernen persischen Sprache (Farsi), nahezu identisch mit der 1.000 Jahre alten Sprache Firdausīs ist. Das Studium Firdausīs Meisterwerks gilt als Grundvoraussetzung für die Beherrschung der persischen Hochsprache, wie der Einfluss des Schāhnāme auf die Werke zahlreicher persischer Dichter belegt. Die sprachbildende Kraft des Werkes Firdausīs wird dadurch belegt, dass der vor tausend Jahren geschriebene Text auch heute noch problemlos von jedem, der persisch spricht, gelesen und verstanden werden kann.

Das Epos beginnt mit der Regierungszeit der Urkönige, in der die rasche Entwicklung der menschlichen Zivilisation dargestellt wird. Wirklich lebendig wird das Epos mit der Sage 4 von Dschamschid und dessen Auseinandersetzungen mit Zahak, dessen Sturz durch den Schmied Kaveh und Fereydūn. Die Teilung des altiranischen Reiches unter den drei Söhnen des Fereydūn führt zum ersten Brudermord. Iradsch wird von seinen Brüdern Tur und Salm ermordet. Damit beginnt die Blutsfeindschaft zwischen Iran und Turan. Die weitere Geschichte wird von vielen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Iran und Turan mit seinem König Afrasiab geprägt.Unter Manutschers Regierung wird von Sām berichtet. In diese Zeit fallen auch die abenteuerlichen Jugendgeschichten von Sāms Sohn Zāl, seine Liebe zu Rudabeh und die Geburt und die ersten Abenteuer von Rostam.

Das gesammte Schahname bis zum Untergang des zweiten persischen Großreichs der Sassaniden, das die heutigen Staaten Iran, Irak, Aserbaidschan, Turkmenistan, Pakistan und Afghanistan umfasste, zu lesen, ist sicher mühsam und langatmig. Das permanente Schlachtengetümmel und Morden kann auf die Dauer ermüdend sein. Ich empfehle daher für einen ersten Einblick in dieses einmalige Werk die Reclam Ausgabe mit den Rostam Legenden in der Prosaübersetzung von Jürgen Ehlers zur Hand zu nehmen. Sie gibt in lesbarer Form einen guten Eindruck  des Gesamtwerkes.

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Nizami         „Leila und Madschnun“

Dies ist ein weiteres klassisches Werk der persischen Literatur, das als thematisches Vorbild vieler weiterer Werke gedient hat. Das große romantische Epos des persischen Dichters Nizami, entstanden um 1180, wurde zum Vorbild für viele Liebesgeschichten, nicht nur des Orients. Auch diesen Text hat Heinrich Heine mit seinem Gedicht „Der Asra“ ein Denkmal gesetzt. In Ghaselen schildert Nizamie wie Leila und Madschnun  schon als Kinder in Liebe zueinander entbrennen, doch ihre Familien widersetzen sich der Heirat. Verzweifelt zieht sich Madschnun zu den wilden Tieren in die Wüste zurück. Indem er Leila besingt, wird er zur »Harfe seiner Liebe und Qual«; seine Verse dringen auf den Karawanenwegen der Wüste bis in die Gassen und Bazare der großen Städte.

In seiner verbotenen Liebe zur „gazellenäugigen Zypresse“ Leila (die Nacht) wird der Knabe Qeis (der Zielstrebige) im Volksmund zu Madschnun (der Verrückte). Alle Heilungs- und Bekehrungsversuche seiner Familie bleiben vergeblich. Denn „nicht er habe sich die Fesseln gewählt, sondern das Schicksal habe sie ihm auferlegt“ und „sein Vater sei von Weisheit  er aber von Liebe bestimmt“. Er zieht sich zu den wilden Tieren in die Wüste zurück, und  wird zum Freund und König der Tiere, die immer zutraulicher werden und auch untereinander Frieden halten (eine Vision des islamischen Paradieses). Das Volk bezaubert er mit seinen in der Einsamkeit in Liebesschmerz entstandenen Ghaselen, Gedichten und Liedern. Mit Leila, die im Stillen zu hause leidet verständigt er sich durch diese. Leila wird entgegen ihrem Willen mit Ibn Salam verheiratet, bleibt aber ihr Leben lang Madschnun treu bis in den Tod.Als Leila vor Kummer stirbt, kommt Madschnung in Begleitung der Tiere immer wieder zum Grab, um zu trauern und wünscht selbst den Tod. Er stirbt auf ihrem Grab, umgeben von den Tieren, die Niemanden zu ihm lassen.

Nizami erzählt in einer blumigen Sprache und findet schöne, vielfältige und opulente Bilder. Der Text ist poetischer und lebendiger als „Shahname“. Es gibt wechselnde Perspektiven, direkte Ansprache des Lesers und eingeschobene Gleichnisse. Wir blicken bevorzugt auf den Inhalt der Geschichte, der Orientale auf die Sprache, in der sie erzählt wird. Viel mystische-buddhistische Lebensweisheiten werden eingestreut, wie: „Frei ist, wer nicht mehr begehrt“ . Liebe ist Leiden. Leid erlöst ihn von den Fesseln der Ichsucht“. „Das Ich hat sein Bündel geschnürt und ist ausgezogen“. „Deine Gier nach Gut und deine Lust am Besitz sind die Nägel, die dich an Vergängliches heften“

Das Innere der Geschichte, der Kern in der Schale besgt, dass  Liebe, Wahnsinn, Leid und Dichtun sich bedingen. Die bedingungslose Liebe, auch zu den Feinden und den Tieren, ist Madschnuns Schicksal, dem er nicht entrinnen kan. Madschnun schenkt uns für sein Leid Liebesgedichte. Ein großartiges und immer noch beeindruckendes Buch, dass zu recht seine kulturellen Spuren auch in der westlichen Welt hinterlassen hat, in der Oper (Romeo und Julia), der Musik („Leyla“ von Eric Clapton), zahlreichen Verfilmungen und literarischen Adaptationen des Themas. Es ist zu hoffen, dass die schöne Ausgabe in der Manesse Bibliothek bald wieder erreichbar sein wird. Solange kann ich das thematische ähnliche Buch von Nizami „„Chosrou und Schirin“ bei Manesse seht zur Lektüre empfehlen.

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Fattaneh Haj Seyed Javadi         „Morgen der Trunkenheit“

Subadeh, hübsch, intelligent, studiert, aus guter Familie hat sich in einen jungen Mann aus neureicher, ungebildeter Familie verliebt und will ihn heiraten, was aber ihre Eltern ablehnen. Tante Mahbube, der Subadeh ähnelt und die vor vielen Jahren einen ebenso eigenwilligen Entschluss getroffen hat und nun alleine im Haus ihres Bruders lebt, soll entscheiden. Sie aber trifft keine Entscheidung, sondern erzählt im Folgenden Subadeh ihr Leben. Die junge Tante Mahbube verliebte sich in den Lehrling eines Schreiners, während zahlreiche andere Männer um ihre Hand anhielten, die sie aber alle ablehnt. Selbst ihr Cousin Mansur, der sie schon lange verehrt, kommt nicht zum Zuge. Als sie Ihre Liebe zum Schreiner gesteht, ist dieMutter ist außer sich vor Zorn, es geht um die Familienehre, weniger um die Tochter, der sie ein „ du wagst es dich zu verlieben“ entgegen schleudert. Auch der Vater rastet aus, will sie verprügeln und sperrt sie im Haus ein. Als alles nichts nutztwilligen die Eltern widerwillig ein. Im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester ist ihre Hochzeit ärmlich und kurz. Der Vater kauft ihr ein kleines Haus, gibt ihr eine geringe Mitgift und schickt sie fort. Das Elternhaus darf sie nicht mehr betreten.

Das Leben im kleinen Haus ohne Angestellte erweist sich bald als mühsam. Sie vermisst ihre Familie und leidet uter der Missgunst der Schwiegermutter.Sie wird schwanger, ist unzufrieden mit ihrem Mannden sie früher geliebt hat und mit dem  es immer mehr  Streit gibt. Ein Sohn wird geboren, die Schwiegermutter nistet sich ein, bleibt im Haus und über nimmt die Erziehung des Jungen. Ihr Mann Rahim nimmt sich die Tochter seines Cousins zur „Frau auf Zeit“. Mahbube will ihn verlassen, bleibt aber weil er den Sohn nicht herausgibt, der mit sechs Jahren in einem Brunnen ertrinkt. Als ihr Mann ihr auch das Haus wegnehmen will hat sie genug, packt ihre Sachen, zerstört den Hausrat, verprügelt ihre Schwiegermutter, die sie aufhalten will und verlässt das Haus. Auf Umwegen kommt sie wieder zurück in ihre Familie. Nach einer Weile kommt ihr einstmals abgewiesene Cousin Mansur und bittet sie erneut ihn zu heiraten. Er hat aber bereits eine Frau und eine Zweitfrau mit Kind (Huwa) und sie willigt erst nach langer Überlegung ein.

Formal Geschichte in der Geschichte, die sehr ausführlich und detailliert erzählt wird. Ob eine alte Frau, die sich nur noch mühsam erinnert derart detailliert erzählen kann, erscheint fraglich. Von der Entscheidung Subadehs nach der Erzählung ihrer Tante erfährt der Leseser leider nichts. Der Inhalt gibt einen guten Eindruck vom iranischen Leben zu Zeiten Reza Shahs ( 1925-1941 ), insbesondere der Bedeutung von Ritualen wie Geburt, Hochzeit, Tod, und Neujahrsfest (Nurouz). Die Bedeutung des Gesichtsverlustes für die ganze Familie, Schande und Ehrverlust sind wichtiger als das Schicksal der Einzelperson. Immer wieder tauchen Bezüge zu Leila und Madschnun auf. Auf Grund ihrer Erziehung kann sich Mahbube nicht gegen Mann und Schwiegermutter wehren. Dieses Buch wurde im Iran zu einem Bestseller, was zeigt, dass die zugrunde liegende Problematik latent im Land immer noch vorhanden ist. Für den westlichen Leser gibt es gute Einblicke in die Rituale, das Denken und das Familienleben einer anderen Kultur.

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Kader Abdolah          „Das Haus an der Mosche“

Ein altes Haus in Senedjan. Seit 800 Jahren wohnt hier die Familie des Teppichhändlers Agha Djan. Unter seiner Obhut leben die Menschen in einträchtiger Harmonie – bis die von Teheran und den Aufständen gegen das korrupte Regime des Schahs ausgehende Unruhe auch sie erreicht. Das Personal des Buches ist anfangs verwirrend, ordnet sich aber im Lauf des Buches zunehmend. Agha Djan ist der Patriarch des Hauses zu dem auch eine Moschee gehört. Er ist der Leiter des Basars in Senedjan und die Hauptperson des Buches. Seine Frau Fagri Sadat mit  Sohn, Djawad, und zwei Töchtern, Ensi und Nasrin leben ebenso wie der alte Imam Alsaberi und seine depressive und einsame Frau Sinat mit ihren beiden Kindern Sediq und Ahmad, der in Qom studiert im Haus. Sediq ist im heiratsfähigen Alter und überraschend steht Mohammad Galgal, ein junger, selbstbewusster Imam aus Qom vor der Tür und hält um ihre Hand an. Mit ihrer Verbindung wird eine atemberaubende und spannend erzählte Familiengeschichte in Gang gesetzt die in die Wirren um die Machtergreifend Chomeinis hineingerät in der die Familienmitglieder auf unterschiedlichen Seiten stehen und nicht alle lebend heraus kommen. Für Agha Djan und seine Frau gibt es letztlich doch noch ein tröstliches Ende dieses Familiendramas.

Das Buch zeichnet die politische Entwicklung des Landes  am Beispiel einer Familie nach. Hinter der Alltagsfassade brodelt es zu Beginn bereits und die Feinde des Schahregimes bringen sich in Stellung. Die politische Entwicklung bis zum Sturz des Schahs wird nachgezeichnet, zum Ende hin im Zeitraffer. Drei Familienmitglieder stehen symbolisch für die unterschiedlichen Gruppen während des Umsturzes: Galgal steht für den konservativen Klerus, Schahbal für die Volksmudschaheddin und Djawad für die linken kommunistischen Gruppen. Es ist aber auch die Geschichte des Niedergangs eines einst angesehenen Patriarchen. Es wird mit einen guten Spannungsbogen jedes einzelne Schicksal verfolgt und spannend erzählt. Ein unterhaltsames und sehr informatives Buch für alle, die sich über die Vorgänge beim Umsturz im Iran informieren wollen.

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Shida Bazyar          „Nachts ist es leise in Teheran“

Vier Familienmitglieder einer iranisch-deutschen Familie erzählen über vier Jahrzehnte ihre Familiengeschichte, die ihren Anfang 1979 in Teheran nimmt und den Bogen spannt bis in die deutsche Gegenwart. Thematisch geht es um das Leben zwischen zwei Kulturen, denen niemand der Erzählenden wirklich angehört. Berichtet wird in einem fortlaufendem inneren Monolog in dem Gegenwart und Vergangenheit verwoben sind.

Behsad beginnt den Bericht 1979. Er ist ein  27 Jahre alter Lehrer und hat hat sich zu Beginn der Revolution den linken militanten Gruppen angeschlossen. Mit seinen Freunden Sohrab und Peyman geht er nach der Flucht des Schahsauf Demonstrationen . Als immer mehr Bilder Khomeinis auftauchen wird er anfänglich gemeinsame Kampf gegen den Schah zu einem Kampf gegeneinander. Die Fortsetzung folgt 1989. Behsad und Nahid haben zwei Kinder, Laleh und Morad, die  inzwischen in Deutschland leben. Ihre Enttäuschung darüber, dass die Deutschen sich nicht für ihre Probleme interessieren und den Schah immer noch für einen guten Menschen halten ist groß. Sie erinnern sichan ihre Flucht über die Türkei nach Deutschland, wo sie in der Hoffnung leben, wieder in den Iran zurück zu kehren, wenn Khomeini gestorben ist. 1999 nach zwölf Jahren in Deutschland, fliegt die sechzehnjährige Tochter Laleh zum ersten Mal mit Mutter und kleiner Schwester zu einem Besuch in den Iran. Sie spürt eine große Unsicherheit in einer für sie fremden Welt. 2009 organisiert Morad an der Uni einen  Solidaritätsstreik mit den protestierenden Studenten in Teheran. Dort sind die Straßen grün und die Menschen voller Hoffnung.  Zu den Verwandten im Iranhat er inzwischen ein Distanziertes Verhältnis. Persisch kanner nicht mehr sprechen und lesen. Revolution findet für ihn vorwiegend im Fernsehen statt und der Tod von Michal Jackson ist wichtiger.

Durch fehlende Dialoge wird der Text verdichtet und gewinnt an Intensität. Jedes Kapitel hat seinen eigenen Tonfall und erinnert dabei auch an die Mühen der Integration im Exil, ebenso an den Kontrast zwischen den lebensgefährlichen Ereignissen im Iran und den gefahrlosen Demos und Protesten im Exil. Während die  Eltern in der  Heimat bleiben, die aufzugeben an ihrer Identität rüttelt. Ein Buch, das eindrücklich die Probleme der Integration in eine fremde Kultur schildert.

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Shariar Mandanipur    „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“

Dieses Buch stellt formal und optisch eine Besonderheit dar. Ein Autor beabsichtigt eine Liebesgeschichte zu schreibe, muss dabei aber immer auf der Hut vor dem Zensor sein. Er tritt in einen Dialog mit dem Leser, der mit Kommentaren in seine Überlegungen einbezogen wird. Als Icherzähler  kommentiert und erklärt er sein eigenes Buch in Normalschrift. Die Liebesgeschichte selbst entwickel tsich aus auktorialer Sicht in Fettschrift. Hinzu kommt eine Selbstzensur mit vorauseilenden Streichungen von Textstellen durch den Autor an Stelle des Zensors. Was sich zunächst kompliziert anhört ist eine flüssig und höchst amüsant zu lesende Geschichte in der Geschichte. Unter dem Vorwand eine Liebesgeschichte zu schreiben, wird mit Witz und Ironie Kritik an den Verhältnissen im Iran geübt.

Die Protagoniste des Buches sind Sara und Dara, deren Figuren Lesebüchern zur Zeit des Schahs entnommen sind, treten zunehmend in einen Dialog mit dem Autor ein, entgleiten ihm und entwickeln ein Eigenleben. Sie kritisieren das Buch ihres Autors. Dara macht dem Autor Vorwürfe ihn nicht richtig darzustellen und  will jetzt seine eigene Geschichte schreiben. Es ist ein postmoderner Text und ein Spaziergang durch die Welt der Literatur und des Films mit zahlreichen intertextuellen Bezügen. So spielen „Die Blinde Eule“ von Hedayat und „Chosrou und Schirin“ von Nizami, ebenso wie der Film „Der Duft der Frauen“ eine wichtige Rolle. In einer der ironischsten Szenen wird die Filmzensur im Iran karikiert, die von einem blinden Zensor ausgeübt wird, dem ein „Filmexperte“ Inhalt und Szenen beschreiben muss. Dara wird zu diesem Mitarbeiter. Als der erste Kuss des Paares im Buch droht, greift der Zensor, Herr Petrowitsch ein und gesteht, dass er sich in die Figur der Sara verliebt hat und sie heiraten will. Die Geschichte darf also so nicht enden.

Das Buch ist ein vergnüglicher komplexer postmoderner Roman für fortgeschrittene Leser, der die Zustände im Iran kritisch beleuchtet und die Zensur der Lächerlichkeit preisgibt.

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Amir Hassan Cheheltan        „Teheran, Stadt ohne Himmel“

Dies ist die Geschichte des Lebens von Keramat, der es uns innerhalb einer Nacht in der Rückschau erzählt, bevor er auf der Straße erschossen wird. Es ist das Leben eines Jungen, der sich den jeweiligen politischen Verhältnissen anpasst, um zu überleben.Seine Jugend verbringt er in ärmlichen Verhältnissen in einem kleinen Dorf. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Betrügereien über Wasser, ist immer hungrig. Dann verlässt er sein Dorf und geht nach Teheran, bekommt eine Stelle in einer Fleischerei. Ein englischer Offizier vergewaltigt ihn mit zwölf Jahren und schenkt ihm dafür eine kleine Banknote. Ein traumatisches Erlebnis, das sein Leben verändert.

Der weitere Lebensweg ist geprägt von kleinen Gaunereien, Erziehungsanstalt und erster Liebe. Schab’un, der Anführer der Unterwelt nimmt ihn in seinen Kreis auf. Er ist jähzornig und brutal und wird Anführer einer Bande von Straßenjungen. Dann wird er als Schläger zur Unterbindung von kommunistischen Demonstationen engagiert und verbreitet Angst und Schrecken. Sie verfolgen die Anhänger Mossadeghs und die Kommunisten gleichermaßen und bringenden den Schah zurück auf den Thron.  Bald aber ändert sich die Parole in „Tod dem Schah“ und Keramat gibt sich religiös, wird von der Gemeinschaft der Gläubigen ergriffen und steigt zum Leiter des berüchtigten Evin-Gefägnisses von Teheran auf. Seine große Liebe Tala hat er aus den Augen verloren, bis sie sich nach fünfzehn Jahren wieder bei ihm meldet, mit weitreichenden Folgen für ihn.

Die eindrucksvolle Beschreibung eines Emporkömmlings aus einfachen Verhältnissen, den traumatische Erlebnisse zu einem brutalen Schläger, dessen Denken beständig um Stärke, Macht und Ehre kreist, ihn aber auch zu einem mitfühlenden Menschen machen. Stellvertretend für den englischen Vergewaltiger rächt er sich an den Gefangenen des Gefängnisses. Der Beschreibung des dekadenten westlichen Lebens zur Zeit des Schahs wird die Grausamkeit der Behandlung von Gefangenen nach dem Umsturz entgegen gestellt. Ein Grund dafür. dass dieses Buch, das den Abschluß einer Teheran gewidmeten Trilogie ist, bisher in der Originalausgabe nur zensiert erscheinen durfte. Ein Nachwort des Übersetzers Kurt Scharf und ein Glossar ergänzen den Text.

Wesentlich konventioneller erzählt der selbe Autor in seinem Buch „Der Kalligraph von Isfahan“ vom Zusammenprall religiöser Kulturen im Jahr 1772.

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Weiter empfehlenswerte Bücher iranischer Autoren:

  • Mahmud Doulatabadi          „Der Colonel“

Eine pechschwarze Regennacht in einer iranischen Kleinstadt, ein altes Haus. Der Colonel hängt seinen Gedanken nach. Erinnerungen stürmen auf ihn ein. An seine Jahre als hochdekorierter Offizier der Schah-Armee. Da klopft es an die Tür. Der Colonel wird abgeführt, zur Staatsanwaltschaft …

  • F.M.Esfandiary                       „Der letzte Ausweis“

Dariusch Aryana, der den Großteil seines Lebens im westlichen Ausland verbracht hat, kehrt Mitte der 60er Jahre in seine Geburtsstadt Teheran zurück. Er bleibt ein Fremder in der Heimat, und möchte nach wenigen Wochen möchte wieder ausreisen. Die Beschaffung eines Ausweises dafür führt ihn in ein kafkaeskes Labyrinth, das sein Leben völlig vereinnahmt.

  • Sadek Hedayat                       „Die blinde Eule“

Ein weiterer Klassiker der iranischen Literatur, der 1936 erstmals veröffentlicht wurde. Der düstere Roman handelt von der Beichte eines Malers gegenüber seinem Schatten mit dem Umriss einer Eule. Er erzählt ihm von seinen Albträumen, in denen er sich mit dem Tod und seinen Auswirkungen auf das Leben auseinandersetzt. Er liegt auf Deutsch in einer Übersetzung aus dem Französischen in der Edition Pajam vor.

  • Ramita Navai                          „Stadt der Lügen“

Die Autorin, die inzwischen in England lebt, berichtet in acht sehr unterschiedlichen Kurzbiografien von Menschen, denen sie in Teheran begegnet ist und zeigt, dass ein repressives System auch gewöhnlichen Menschen ungewönliche Lebensläufe aufzwingt.

  • Mehrnousch Zaeri-Esfahani         „33 Bogen und ein Teehaus“

Das Mädchen Mehrnousch lebt mit ihrer Familie in Esfahan bis sie nach dem Umsturz und der Machtübernahme durch Chomeini über die Türkei nach Deutschland fliehen. Hier beginnt ihre Odyssee durch viele Flüchtlingsheime.