England und Irland

Bruce Chatwin      „Auf dem schwarzen Berg“

Seit 42 Jahren schlafen Lewis und Benjamin Jones gemeinsam im Ehebett ihrer verstorbenen Eltern auf dem Bauernhof „The Vision“ in den schwarzen Bergen an der Grenze zwischen Wales und England. Nun werden sie den Hof bald an ihren Großneffen Kevin übergeben und Blicken zurück auf ihr Leben und das ihrer Vorfahren. Ein auktorialer Erzähler berichtet zunächst von ihren Eltern, Amos, einem grobschlächtigen jähzornigen Waliser Bauern und Mary, der feinfühligen Frau aus besserem Hause. Nach der Hochzeit pachten sie gemeinsam „The Vision“, ein herunter gekommenes Gehöft auf dem schwarzen Berg. Bereits der erste harte Winter führt zu Streit und Entfremdung zwischen dem Ehepaar, bis Mary schwanger ist. Sie bekommt Zwillinge. Lewis, der Erstgeborene, ist vom ersten Tag an der mutigere und kräftigere. Benjamin der kränkliche weiche Zwilling, der an seinem Bruder hängt und von Anbeginn mit ihm in einem Bett schlafen will. Später kommt noch die Schwester Rebecca zur Welt, die Vaters Liebling wird.

Die Jahre gehen dahin. Sie kaufen den Hof und Mary versucht erneut Amos zu verlassen, der sie immer wieder schlägt. Die Zwillinge kommen in die Pubertät, Lewis flirtet mit Mädchen, während Benjamin in ständiger Angst lebt, dass sein Bruder ihn deswegen verlassen könnte. Dann beginnt der erste Weltkrieg und es wird mobil gemacht. Amos will seine Zwillinge nicht als Freiwillige in den Krieg ziehen lassen, weil er sie auf dem Hof braucht. Nach Kriegsende als Drückeberger beschimpft, ziehen sich auf ihren Hof zurück und Benjamin weigert sich moderne Maschinen zu kaufen. Als Amos seinen ersten Schlaganfall bekommt, übernimmt  Mary  das Regiment auf „The Vision“ bis zu ihrem Tod. Benjamin lebt weiterhin in der ständigen Angst, dass eine Frau ihm seinen Bruder wegnehmen könnte. Er selbst hat keinerlei derartigen Ambitionen und trägt heimlich die Kleider seiner Mutter. Nach dem Tod der Eltern beziehen beide gemeinsam deren Ehebett.

Erzählt wird in kurzen Sätzen und einfacher Sprache, was dem Protagonisten und dem dörflichen Umfeld in Wales  durchaus angemessen ist. Ein einfaches Leben, beschrieben in einem einfachen Stil, das sich genauso in Bayern oder im Schwarzwald abgespielt haben könnte. Leider geraten ihm die Naturbeschreibungen doch recht einförmig und kitschig. Die Lineare Erzählstruktur ist wenig abwechslungsreich und etwas aus der Zeit gefallen, was das Buch etwas langatmig macht. Dazu trägt bei, dass Chatwin zu den Autoren gehört, die nur schwer ein Ende finden können. Auf den letzten siebzig Seiten des Buche werden episodisch noch mehrere neue Personen eingeführt, die das Buch unnötig in die Länge ziehen, ohne wesentlich Neues beizutragen.

Das Buch ist aber auch heute noch lesenswert, nicht zuletzt, weil der früh an AIDS verstorbene bisexuelle Autor in den Charakteren der Zwillinge die beiden Seiten seiner eigenen Persönlichkeit verewigt hat.

♥♥♥♥


John Berger           „Auf dem Weg zur Hochzeit“

Die junge Ninon wird von einer Zufallsbekanntschaft bei einem „one night stand“ mit HIV infiziert, zu einer Zeit , als diese Krankheit noch tödlich war (die Originalausgabe erschien 1995).   Ihre große Liebe, Gino, den sie anschließend trifft, beschließt, sie zu trotzdem zu heiraten. Die Hochzeit soll in einem kleinen Dorf im Podelta bei einer Tante stattfinden. Der wesentliche Inhalt des Buches besteht nun in der Beschreibung der Anreise des Hochzeitspaares und der getrennt lebenden Eltern von Nino aus Frankreich und der Slowakei.

Gino fährt mit Ninon in einem Kahn auf dem Po zu einer Insel um ihr zu zeigen, dass Angst und Gefahr ihren weiteren Weg begleiten werden. Der Vater, Jean Ferrero, in Italien geboren und jetzt bei der Eisenbahn in Frankreich angestellt, macht sich mit dem Motorrad über die Alpen auf den Weg zur Hochzeit seiner einzigen Tochter Ninon. Seine Frau Zdena, die ihn inzwischen verlassen hat, war nach den Unruhen 1968 von Prag über Wien nach Paris geflüchtet. Dann ging sie zurück in die Slowakei. Jetzt hat sie sich eine Busfahrkarte von Bratislava nach Venedig gekauft. Alle treffen sich pünktlich in Gorino zur Hochzeit. Die Musiker kommen und Ninon und Gino tanzen einen wilden Tanz. Zuletzt tanzt Ninon wie in Trance und eingeschnitten, als Blick in die Zukunft, sind Bilder ihres zukünftigen Krankheitsverlaufs.

Die Geschichte von Vater, Mutter und Tochter, die an unterschiedlichen Orten leben, wird in einer Montagetechnik erzählt. Das Buch ist multiperspektivisch aufgebaut. Erzählt wird es von einem blinden Straßenhändler, einem personalisierten auktorialen Erzähler. Ninon wird in der Ichform aus ihrem Tagebuch zitiert, Jean und Zdena werden  vom blinden Seher beschrieben. Bei vielen Beschreibungen merkt man, dass Berger Maler und Kunstkritiker war. Im Grunde ist das ganze Buch ein großes Gemälde. Mit wenigen Pinselstrichen werden wunderbare Farbtupfer gesetzt, Stimmungen und Gefühle beschrieben. Ein großartiges literarisches Kammerstück des 2017 verstorbenen Autors.

♥♥♥♥

John Berger               „King“

Dies ist eine Parabel über obdachlose, und am Rand der Gesellschaft gestrandete Menschen, erzählt aus der Sicht eines Hundes. Eine Erzählperspektive, die John Berger schon in dem Kapitel Warum sehen wir Tiere an in seiner Abhandlung über die Kunst des Sehens beschäftigt hat. Beschrieben wird aus der Sicht des Hundes King, der ihnen zugelaufen ist, ein Tag im Leben des Neapolitaners Vico und der Holländerin Vica, die beide schon bessere Zeiten gesehen haben und seit dreißig Jahren ein Paar sind. Nun leben sie in einer Gemeinschaft mit anderen in „Saint Valéry“, einer Obdachlosensiedlung auf einer Müllhalde an der M 1000 in einem namenlosen Land. In zwei Zeitebenen erfahren wir von besseren Zeiten in Zürich und Neapel und von ihrem momentanen Alltag in der Großstand, in der sie nun um ihr Überleben kämpfen.

In sieben Kapitel, die mit der Uhrzeit voran schreiten, berichtet King von einem besonderen Tag ihres Lebens. Als sie am Abend ins Lager zurückkehren, erwartet sie dort die Polizei mit Baggern, um die illegale Siedlung dem Boden gleich zu machen, nicht ohne über das Megaphon zu verbreiten: „kein Grund zur Besorgnis, wir bringen sie in bessere Unterkünfte“. Aber die Bewohner wehren sich und haben doch keine Chance. So ist es am Ende King, der sie als Zerberus an den Acheron führt, an dessen jenseitigem Ufer ihnen Sicherheit winkt. Aber als er sich umschaut, ist ihm niemand gefolgt.

„Es gibt wenig zu reden, wenn man keine Zukunft hat“, sagt Vico und daran hält sich auch der Autor. John Berger ist ein genauer Beobachter, der uns in knappen Sätzen am Leben dieser Schicksalsgemeinschaft teilhaben lässt. Es ist trauriger, aber auch sehr menschlicher Text. Ein Buch über die Würde einer Gruppe von Habenichtsen und nicht zuletzt eine anrührende Liebesgeschichte. Ob es sich, wie die FR schrieb, um „karitativen Kitsch“ und „Solidaritätsprosa“ handelt, mag der Leser selbst entscheiden. Wie bei John Berger, diesem vielseitigen und sozial engagierten Autor nicht anders zu erwarten, ist es zweifellos eine Littérature engagée.

♥♥♥♥♥


Ian McEwan           „Kindeswohl“  

Ian Mc Ewan ist ein erfahrener und routinierter Autor, der mit großer Regelmäßigkeit alle zwei Jahre einen neuen Bestseller veröffentlicht. Auch dieses Buch ist gut geschrieben, flott lesbar und sehr gut recherchiert.  Inhaltlich behandelt es im Kern die Frage, ob weltanschauliche Überzeugungen den Tod eines noch nicht volljährigen jungen Menschen rechtfertigen. Zu beurteilen hat dies die sechzigjährige Familienrichterin Fiona, die gerade von ihrem Mann Jack zugunsten einer leidenschaftlichen Affäre mit einer jüngeren Frau verlassen wurde. Das Problem im Hintergrund ist der immer weiter hinausgeschobene eigene Kinderwunsch bis hin zur jetzigen Kinderlosigkeit.

Mitten in der Diskussion um das weitere Zusammenleben mit ihrem Mann erhält sie einen Anruf mit der Bitte für einen 17-jährigen an Leukämie erkrankten Jungen eine Bluttransfusion zu genehmigen, dessen Eltern Zeugen Jehovas sind. Fiona will erst mit dem Jungen zu sprechen, bevor sie ein Urteil fällt und besucht ihn im Krankenhaus. Dort nähern sich Adam und Fiona nicht auf der sachlichen Ebene, sondern über Lyrik und Musik emotional an, was letztlich zu ihrer Entscheidung führt der Bluttransfusion zuzustimmen. Die weitere Entwicklung, die hier nicht verraten werden soll, ist nicht recht glaubwürdig und gleitet gelegentlich in sentimentalen Kitsch ab.

Formal ist das Buch leider eher konstruiert als komponiert. Die Geschichte entwickelt sich nicht organisch, sondern ist aus Bausteinen zusammengefügt und eher ein Episodenroman. Es  gibt eine Auswahl ihrer spektakulärer Fälle, eine Sammlung von Schreckensszenarien, die locker mit Londoner Straßenszenen verknüpft werden. Viele langweilige Seiten über Autofahrten, Stadtbeschreibungen, Vorträge und Gerichtsprozesse, die nicht zur Weiterführung des Erzählstranges beitragen, füllen den Buchumfang auf. Vieles ist inhaltlich zu massiv und plakativ dargestellt.

Ein interessantes und bewegendes Thema wird  vom Autor spannend, aber zu routiniert aufbereitet und aus Handlungsblöcken zusammengefügt. Das ist zwar legitim, der Leser sollte es aber nicht so deutlich merken, wie in diesem Buch.

♥♥♥♥♥


John Banville          „Die See“

Aufgrund eines Traums kehrt Max Morden nach fünfzig Jahren in seinen Zufluchtsort, einen Badeort an der See zurück, in dem er die Urlaube seiner Kindheit in einem kleinen Holzbungalow verbracht hat. Er quartiert sich in die Pension „Zu den Zedern“ ein, um sich an früher zu erinnern und den Tod seiner Frau Anna zu verarbeiten. Damals quartierte sich dort die Familie Grace ein von denen ihn vor allem die gleichaltrige Chloe und ihre Mutter interessiert, zu der er eine platonisch Liebe entwickelt. Später wendet er sich Chloe zu und es kommt zum ersten Kuss im dunklen Kino. Nachdem das Kindermädchen Rose Chloe bei Zärtlichkeiten mit Max ertappt hat, gehen sie und ihr stummer Zwillingsbruder Myles gemeinsam hinaus in die Flut und verschwinden.

Auf einer zweiten Handlungsebene wird der jetzige Aufenthalt in der Pension der Vermieterin Mrs. Vavasour und die Krankheit seiner verstorbenen Frau Anna geschildert. Mehr sei hier nicht verraten, denn wie häufig bei Banville, ist dies auch ein kleines Kriminalstück. Es ist aber viel mehr. In poetischer Sprache werden in wechselnden Zeitebenen Personen und Stimmungen  detailliert  und mit großem Einfühlungsvermögen beschrieben. Banvilles Interesse an der Malerei wird an den zahlreichen Bildbeschreibungen von Bildern Bonnards  deutlich. Ein Buch in dem die Handlung in den Hintergrund tritt und Bannvilles Sprachkunst sich Themen wie Partnerschaftsbeziehung zuwendet und fragt: Wie gut kennen wir unseren Partner? Wollen wir ihn überhaupt so genau kennen und wenn ja, wartet dann nicht eine Enttäuschung auf uns?

Ein ruhiges, sehr poetisches Buch mit sprachlich brillanten Formulierungen und der letzten Erkenntnis eines einsamen Mannes, sein Leben vertan zu haben.

♥♥♥♥♥

Jane Gardam          „Ein untadeliger Mann“

Erzählt wird die Lebensgeschichte eines 80-jährigen pensionierten Richters. Seine Frau Betty ist verstorben. Wir erfahren anfangs so viel positive Eigenschaften von Old Edward Filth, dass deutlich ist, dass es einen derart perfekten Mann nicht geben kann und bei ihm noch andere Seiten im Dunkel schlummern müssen.Von sich selbst sagt er: „ich habe das Vergessen geübt, wie sollte ich sonst funktionieren“. Dank des auktorialen Erzählers erfährt der Leser aber auch etwas über diese vergessenen Seiten. Nach einem Leben als Kronanwalt in Hongkong, kehrt er nach der Pensionierung in sein Heimatland zurück und lässt sich mit seiner Ehefrau Betty in einem kleinen Haus in Dorset nieder. Dort ruft bei Betty eines Tages ein offensichtlich ehemaliger Liebhaber von ihr aus Hongkong an, um ihr mitzuteilen, dass sein Sohn gestorben ist. Es ist Edwards Intimfeind Veneering, der nach den Tod seiner Frau Betty beim Tulpenpflanzen, auch noch das Nachbarhaus bezieht. Trotz allem freunden sich die beiden Männer an und jeder ist dem anderen ein willkommener Gesprächspartner in der häuslichen Einsamkeit. Als Veneering dann ebenfalls auf einer Kreuzfahrt stirbt, gerät sein Leben vollends aus den Fugen.

Dank eines auktorialen Erzählers erfahren wir auf einer zweiten Ebene etwas aus Edwards Kinder- und Jugendzeit. Als Rai Waise wird er zunächst von einer Amme und dann in einer Pflegefamilie versorgt und beginnt früh zu stottern. Mit vier Jahren bringt man ihn in den nächsten größeren Ort um dort Englisch zu lernen und ein halbes Jahr später reist er in Begleitung einer Nonne nach Wales um die Schule zu besuchen. Mit acht Jahren kommt er in die Prep School und findet dort seinen ersten Freund Pat Ingoldy und er wird in dessen Familie aufgenommen. Die Freundschaft endet erst mit Beginn des zweiten Weltkriegs. Der Versuch zu seinem Vater nach Hongkong zurück zu kehren scheitert kriegsbedingt und er beginnt ein Jurastudium in England. Als junger Anwalt besucht ihn ein alter Freund und sein Leben nimmt eine neue Richtung.

Das Ende sei hier nicht verraten, denn das Buch ist auch eine Kriminalgeschichte, die erst am Schluss aufgelöst wird. Es ist ein sehr englischer Roman mit britischem Humor und vielen treffenden Beobachtungen. Jane Gardam kann mit wenigen Worten hervorragend Stimmungen, Situationen und Empfindungen beschreiben. Ein sehr lesenswertes Buch, das dem Leser sicher Lust auf ein weiteres Buch von ihr machen wird. In „Eine treue Frau“ wird das Leben des Paares aus der Sicht von Betty beschrieben.

♥♥♥♥


Julian Barnes       „Vom Ende einer Geschichte“

btb Taschenbuch, 182 Seiten, 8,99 Euro

Dies ist ein raffiniert gebauter Roman in zwei Teilen mit einem überraschenden Ende, das hier nicht verraten werden soll. Es geht, entsprechend einer antiken Tragödie um Eros und Thanatos und scheiternde Beziehungen. Und über allem steht die Frage, ob das, was wir erinnern den wahren Ereignissen entspricht.

Im ersten Teil begegnen wir dem Icherzähler Tony Webster und seinen Klassenkameraden Colin und Alex, die ein freundschaftliches Dreiergespann bilden, bis Adrian Finn neu hinzu kommt und mit seiner ironisch distanzierten Art ihr Interesse findet. Nach Ende der Schulzeit verliebt er sich in Tonys erste Freundin Veronica. Von einem längern Amerikaaufenthalt zurück, erfährt er durch einen Brief von Adrians Tod, der sich umgebracht hat. Im Zeitraffer begleiten wir Tony dann durch Karriere, Ehefrau, Kind und Scheidung bis ins Rentenalter.

Teil zwei führt den Leser dann zur Erklärung der Vorgänge aus der Jugendzeit. Durch eine Anwaltskanzlei, die das Erbe von Mrs.Sarah Ford, der Mutter von Veronica, verwaltet, erhält er etwas Geld und zwei Dokumente.In einen kurzen Brief von Mrs. Ford, verweist sie auf ein Tagebuch von Adrian, das aber noch in Besitz ihrer Tochter Veronica ist und nun ihm gehören soll. Sie treffen sie sich in London, Veronica behauptet das Tagebuch verbrannt zu haben und übergibt ihm einen bitterbösen, rachsüchtigen Brief, den er vor langer Zeit an Adrian und sie geschrieben, und an den er eine ganz andere Erinnerung hat. Darum vereinbart er ein weiteres Treffen. Veronica fährt mit ihm von einer U Bahn Station mit dem Auto zu einem unbekannten Ort, an dem ihm eine Gruppe behinderter Menschen entgegenkommt, die von einem jungen Mann begleitet wird. Und als er sie ratlos anschaut sagt Veronica nur: du kapierst wohl gar nichts? Der Leser vermutlich auch noch nicht und die Spannung bleibt bis zur letzten seite erhalten.

In diesem raffiniert gebauten Roman hat jeder Satz seine Bedeutung. Vordergründig wird eine traditionelle Lebensgeschichte erzählt und der Leser spürt, dass im Hintergrund etwas Ungeheuerliches lauert. Im Wechsel zwischen Handlung und Reflexion errichtet Barnes ein komplexes Beziehungsgeflecht und am Ende des Lebens „herrscht große Unruhe“ und man darf inne halten und sich fragen „was habe ich sonst noch falsch gemacht?“.

Ein großartiger Roman, der in bester angelsächsischer Tradition spannende Unterhaltung mit großer Literatur verbindet.

♥♥♥♥♥


Kazuo Ishiuro       „Alles was wir geben mussten“

Vordergründig ein englisches College, in dem sich harmlose Erlebnisse heranwachsender Mädchen ereignen und Eifersüchteleien untereinander ausgetragen werden. Unterschwellig wird aber immer wieder suggeriert, dass sich dort noch etwas anderes Geheimnisvolles abspielt. Ishiguro spielt mit derdem Gegensatz zwischen der vermeintlichen Wichtigkeit banaler Collegeabenteuer für die Schüler und ihrer eigentlichen Bestimmung als potentielle Organspender. In drei Teilen entführt der Autor uns zwar in eine irreale Parallelwelt, die aber nicht so weit entfernt ist, dass sie dem Leser nicht als Möglichkeit erscheint. Das Schreckliche begegnet uns als alltägliche Normalität. Uns vertrautes Verhalten findet an unwirklich erscheinenden Orten statt, Informationen bekommt der Leser nur bruchstückhaft. Erst im Lauf des Buches wird Schleier um Schleier gelüftet.

Ishiguro beschreibt in dem für mich eindrucksvollsten seiner Werke eine Kleinfamilie ohne Eltern, die versucht unter den gegebenen Umständen zu leben und ihr Schicksal nie in Frage stellt. Was zunächst als harmlose englische Collegegeschichte beginnt, entpuppt sich im Verlauf als Erziehungsanstalt geklonter Schüler, deren Lebensziel es ist, als organisches Ersatzteillager zu dienen. Letztlich beschreibt das Buch die Bilanz eines nicht gelebten Lebens angesichts des Todes. Ein Szenario, das dem Leser einen Schauer über den Rücken laufen lässt, auch weil er spürt, dass dergleichen uns in nicht allzu ferner Zukunft drohen könnte. Und Ishiguro beweist sich auch in diesem Buch wieder als sprachlicher Meister der langsamen Enthüllung. Großartig!

 ♥♥♥♥♥ 


Colum McCann            „Zoli“

Auf einer Konferenz in Paris 2003 erzählt Zoli ihrer Tochter ihre Lebensgeschichte, die in den dreißiger Jahren begann. Von ihrer Flucht mit dem kommunistischen Großvater vor den Hlinka Garden, die den Rest der Familie ermordete, bis sie zu einer neuen Kumpanija mit polnischen Roma gelangten. Zoli ist acht Jahre, als der Großvater sie gegen den Willen des Dorfes zur Schule schickt. Sie lernt Lesen und Schreiben und liebt Bücher. Der zweite Weltkrieg mit seinen Einschränkungen und Bedrohungen für die Roma wirft seine Schatten voraus und sie verlassen das Lager. Mit 14 heiratet Zoli den um viele Jahre älteren Musikers Petr, was sie klaglos akzeptiert, weil er sie weiter lesen und schreiben lässt. Als sie 16 ist, geht der Krieg zu Ende und die Roma werden gleichberechtigt in die kommunistische Gesellschaft aufgenommen und sollen in Plattensiedlungen umziehen.

Auf einer zweiten Erzählebene wird das Schicksal von Stephen Swann berichtet, der 1948 als  Übersetzer für eine Literaturzeitschrift nach Bratislava in die Slowakei reist und dort auf Zoli trifft, die Lieder der Roma übersetzt hat , die nun veröffentlicht werden sollen. Es war als wäre in meiner Brust eine Stimmgabel angeschlagen worden, sagt er nach dem Zusammentreffen. Als ihr Mann Petr gestorben ist, gibt sie sich Swann hin, eine bei den Roma verbotene Liebe. Swann aber verrät sie, indem er gegen ihren Willen ihre Gedichte veröffentlicht und sie damit den Gesetzen des Stammes ausliefert. Sie wird mit 29 Jahren durch das Kris wegen Verrats von Roma-Angelegenheiten an Fremde verurteilt und aus dem Stamm ausgestoßen. Sie flieht nach Österreich und trifft nach langer Odyssee in Norditalien den Schmuggler Enrico, wo sie endlich wieder Ruhe findet.

Das Buch orientiert sich am Leben von Bronisława Wajs, genannt Papusza, einer polnischen Roma-Dichterin und -Sängerin, die von 1910 bis 1987 lebte. Sie stammte aus der Gruppe der polnischen Tiefland-Roma. Lesen und schreiben lernte Papusza mit ca. 12 Jahren von den Kindern der Bauern. Ihre Familie hatte sich geweigert sie zur Schule zu schicken. Auch sie heiratete einen sehr viel älteren Musiker und traf später einen Wissenschaftler, der sie ermutigte ihre Gedichte und Lieder zu veröffentlichen. Dafür wurde sie für mahrime (rituell unrein) erklärt und aus der Gemeinschaft der Roma ausgeschlossen. Colum McCann hat ihr Leben kongenial in einem spannend zu lesenden Roman verarbeitet, der auch das politische Schicksal der Roma in Osteuropa einschließt, die per Gesetz zivilisiert und umgesiedelt werden sollten. Ein informatives, gut geschriebenes und spannend zu lesendes Buch

 ♥♥♥♥♥