Deutschsprachige Literatur

Herta Müller        „Niederungen“

Dies ist der Debütroman der deutsch-rumänischen Autorin, der erstmals 1982 in Bukarest erschienen ist und und in ihrer Heimat Banat für einige Unruhe gesorgt hat. In einzelnen Episoden erinnert sie sich darin an ihre Kindheit bei den Banatschwaben in Nitzkydorf, in den drei Generationen unter einem Dach leben. Erzählt wird aus der Perspektive des Kindes in knappen, atemlos aneinander gereihten Sätzen. Der Alltag des Kindes ist von Angst besetzt und es leidet unter Angstträumen. Beschrieben wird das Dorf und seine Bewohner im Lauf der Jahreszeiten. Idylle und Schrecken liegen eng beieinander und sind für das Kind immer präsent. Angst. Hass und Intoleranz prägen den Umgang untereinander.

Die literarische Qualität und die inhaltliche Aussage des Textes unterscheidet ihn von anderen Dorfbeschreibungen, z.B. Marie Luise  Kaschnitz „Beschreibung eines Dorfes“. Einerseits ist es eine sehr stimmungsvolle und bildreiche Beschreibung des Dorfes, der Tiere und der Landschaft, aber konterkariert von totgetretenen Hunden und von Mäusen, denen von der Katze der Kopf abgebissen wurde. Die spätere stilistische Qualität der Autorin ist bereits spürbar, wenn mache Episode auch noch als Stilübung durchgehen mögen. Dieses Dorfleben hat nichts Heimeliges und es verwundert nicht, dass sich die Autorin damit bei den Banat Schwaben keine Freunde gemacht hat.

Natürlich hat dieses Buch noch nicht die literarische Qualität der späteren Werke Herta Müllers. Wer sich aber mit der Autorin beschäftigen will, sollte es als Einstieg in ihr Werk und zum Verständnis ihrer Biographie unbedingt lesen.

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Richard Wagner         „Habseligkeiten“

Auch Richard Wagner ist als Autor und Lyriker im Banat in Rumänien groß geworden und 1987 mit seiner damaligen Ehefrau Herta Müller in den Westen ausgereist. Das vorliegende Buch erschien 2004 bereits im Westen, beschreibt aber inhaltlich das Leben in Rumänien. Werners Vater ist im Heimatdorf am Fluss Marosch gestorben und er ist zu dessen Beerdigung noch einmal in das Banat gefahren. Auf der Rückreise über Budapest und Wien rekapituliert er in Episoden das Leben seiner Familie, erinnert sich an seine Kindheit und  sein eigenes Leben. Er erzählt die Geschichte der Urgroßeltern, die nach Amerika ausgewandert sind und ihre Tochter Theresia zurück gelassen haben und dann nach zehn Jahren in der Fremde in das Dorf zurückgekehrt sind. Er erinnert sich an Großonkel Heinrich, der in Budapest gelebt hat und an das Familienalbum, das als Kostbarkeit gehütet wurde und an Feiertagen der Erinnerung diente. Er erinnert sich an seinen Vater Karl, der nach Kriegsende  als „Hitlerist“ von den Rumänen an die Russen überstellt und von diesen in ein Arbeitslager (Gulag) geschickt wird. Auch die Ausreise aus Rumänien und die Ehetrennung werden thematisiert. Und er blickt zurück auf seine Ankunft mit 32 Jahren in der BRD in Sandhofen.

Parallel zu diesen Erinnerungen begleiten wir Werner bei seinen Erlebnissen und Begegnungen auf der Rückreise nach Deutschland. In Budapest angekommen, trifft er auf die beiden Huren Clara und Sina, die er mit ins Hotel nimmt. Am folgenden  Tag trifft er sich ihnen und ihren Zuhältern Belá und Andi, die sich im Lauf der Zeit als gute Kumpel und Geschäftspartner herausstellen, zu einer fröhlichen Party.Das abenteuerliche Ende der illustren Gesellschaft in Deutschland sei hier nicht verraten, einem James Bond Film aber alle Ehre machen würde.

Stilistisch wird die Familiensaga von Werner in knappen und kurzen Sätzen berichtet. Das Familienalbum dient dabei als Zentrum der Erinnerung. Die Familienkonstellation ist dabei zu Beginn nur schwer zu durchschauen und verwirrend. Das Buch ist kein stilistisches Highlight, wir erfahren aber einiges über das damalige Leben im Banat, über die Ceaucescu Zeit in Rumänien und über die Straflager in Russland. Absolut komödiantischer, kitschiger Schluss, der alle Klischees bedient.

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Zsuzsa Bánk               „Die hellen Tage“

Die Autorin, die ihre Bücher auf Deutsch veröffentlicht,  wurde als Tochter ungarischer Eltern in Deutschland geboren.  Nach dem Ungarnaufstand 1956 flohen die Eltern in den Westen und ihre Tochter wuchs zweisprachig auf und lebt in Frankfurt.

Ort der Handlung dieses Entwicklungsromans ist ein Dorf bei Heidelberg. Im Mittelpunkt stehen zwei Dreierbeziehungen, die von drei Kindern und deren Müttern. Die Väter sind irgendwann abhanden gekommen. Zunächst freunden sich die beiden Mädchen Therese (Seri) und Aja, ein Zirkusmädchen, miteinander an, später auch deren Mütter, Evi und  Maria. Dann ergänzt der wohlerzogene Karl und dessen Mutter Ellen noch den jeweiligen Dreierbund. Wir begleiten die drei Freunde durch Kindheit, Jugend und die Pubertät bis zum Studium, bei dem Karl und Aja ein Paar werden. Es folgt noch eine gemeinsame Zeit in Rom, aber dann trennen sich die Wege. Parallel dazu entwickeln die drei Frauen eine gegenseitige Hilfsgemeinschaft. Jedes der drei Kinder hat einen Schicksalsschlag erlitten und sie sind Einzelkinder, das verbindet sie. Der Verlust ihrer Männer verbindet die Mütter. Und am Ende wird noch ein dunkles Geheimnis gelüftet.

Obwohl dies ein Buch über zwei Dreiecksbeziehungen ist, stehen doch zwei Personen ganz im Zentrum, Aja und ihre Mutter Evi, die ein Leben im Zirkuswagen hinter sich hat und deren Mann nur noch einmal im Jahr zu Besuch kommt. Sie ist „die Garantin für ein Leben voller Spontaneität, Kreativität und naiver Genialität, das dem Erwachsenen einer modernen zivilisierten Welt in hohem Maße verloren gegangen“ ist. In einer feinfühligen, sensiblen, poetischen und detailreichen Sprache werden die Ereignisse in epischer Breite schildert. Zsuzsa Bánk malt mit der Sprache farbige Bilder. Sie beschreibt eine idealisierte, romantische Freiheit eines Mikrokosmos weniger Personen, in dem das übrige Dorfleben keinen Platz findet und in dem kleinen Ereignissen  eine große Bedeutung zukommt. Ein Buch, das Ruhe und Harmonie ausstrahlt. Ein ruhiger, zarter, sich langsam entwickelnder Roman, dem es aber gelegentlich an Drive und Spannung fehlt. Das Buch mäandert mit schönen Sätzen vor sich hin und ist letztlich zu lang und zu langatmig.

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Robert Seethaler          „Ein ganzes Leben“

Ein allwissender Erzähler berichtet aus dem Leben von Andreas Egger, dem „Hinker“, einem sprachgehemmten Waisenkind, das 1902 in ein namenloses österreichisches Bergdorf zum Großbauern Hubert Kranzstocker kommt. Sein Leben, mit Ausnahme des zweiten Weltkriegs, verbringt er im Dorf und bleibt doch immer der Auswärtige.

In einem ruhiger Erzählfluss, und einer einfachen, präzisen und gefühlvollen Sprache erzählt Seethaler wie der Egger durch Schläge vom Kranzstocker zum Mann geformt wird, bis er sich dagegen wehren kann und wie die Liebe durch die Berührung eines Ärmels zu ihm kommt. Wir erfahren von einem ungewöhnlichen Heiratsantrag an Marie und ihre kurze gemeinsame glückliche Zeit, bis eine Lawine Marie und ihr ungeborenes Kind verschüttet. Die moderne zieht mit dem Seilbahnbau in das Tal ein und bringt ihm Arbeit. Als der Weltkrieg vorüber ist kehrt Andreas Egger in ein ihm unbekanntes Dorf zurück, das vom zunehmenden Tourismus erobert wird. Aber auch damit arrangiert er sich, wird Fremdenführer, ist mit seinem Leben zufrieden und stirbt im Gedanken an Marie, seine einzige Liebe.

Robert Seethaler berichtet in einer sehr ruhigen, poetischen Sprache von der Wandlung eines Ortes im Laufe eines Menschenlebens. Das Dorf verändert sich, Egger bleibt sich ein Leben lang treu, er beklagt sich nicht und nutzt die Chancen, die ihm die Moderne bietet. Mit diesem Roman, der eher eine Novelle ist, führt Seethaler die österreichische Tradition des Heimatromans fort, die mit Franz Innerhofer und Gernot Wolfgruber in den siebziger Jahren begann und ihm ist damit ein berührendes Stück Prosa gelungen.

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Wilhelm Raabe          „Stopfkuchen“

Kann man einen 1891 veröffentlichten Roman auch heute noch mit Gewinn lesen? Man kann! Aber es erfordert Geduld und Muße für Betrachtungen und Abschweifungen und für Zitate von der Antike bis zum zeitgenössischen Volksmund. Zum Glück ist der schönen Ausgabe des Reclam Verlages dafür ein ausführliches Glossar beigegeben. Der Leser wird belohnt mit einem, in der damalige Zeit sicher modernsten und daher auch erfolglosesten Romane Raabes, der heute als einer seiner besten gilt.

Auf mehreren Zeitebenen wird die Geschichte der beiden Schulkameraden Eduard und Heinrich erzählt. Ersterer ist nach Südafrika ausgewandert und war nun nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder zu Besuch in seiner Heimatstadt. Auf der Rückreise mit dem Schiff notiert er das dort erlebte in sein Tagebuch. Heinrich, der ob seines guten Appetites und der sich daraus ergebenden Leibesfülle von allen Mitschülern als Stopfkuchen gehänselt wurde, hat inzwischen Valentine, die einzige Tochter des Großbauern Quarkatz geheiratet und es auf der Schanze zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Bei einem Besuch Eduards erzählt Heinrich ihm, auf welche Weise ihm dies gelungen ist und verschont auch den vermeintlichen Freund dabei nicht mit bitteren Wahrheiten: Eduard ihr habt meiner körperlichen Anlagen wegen, meine geistigen stets verkannt. Soweit die Seegeschichte.

Auf einer anderen Eben wird die Mordgeschichte erzählt. Vater Quarkatz wird von den Dorfbewohnern als Mörder des Viehhändlers Kienbaum angesehen, wenngleich ihm dies in mehreren Gerichtsverfahren nie nachgewiesen werden konnte. Heinrich gelingt es nach dem Tod seines Schwiegervaters den wahren Mörder ausfindig zu machen und das Geheimniss bis zu dessen Tod zu bewahren und es erst beim Besuch Eduards diesem und seiner Frau zu offenbaren.

Das alles wird berichtet in einer nahtlose Niederschrift ohne Gliederung durch Kapitel, in einer heute umständlich und weitschweifig anmutenden Erzählweise. Die Handlung zum einen bestimmt durch die Dualität zwischen Eduard und Heinrich, deren vermeitlich freundschaftliches Verhältnis sich im Verlauf relativiert. Andererseits durch die Beziehung von Heinrich und Valentine, zwei gehänselten Aussenseitern, die zueinander finden, gemeinsam etwas Neues schaffen und miteinander glücklich werden. Und dann spielen natürlich Vater Quarkatz, der gegen die zu Unrecht erhobene Beschuldigung als vermeintlicher Mörder kämpft und der Landbriefträger Störzer, der Eduard als Kind von den Afrikareisen Lavaillants berichtet hat und ihn dadurch nach Südafrika, dem Kaffernland, und dort zu Wohlstand gebracht hat, eine wesentliche Rolle.

Dies ist ein komplexer, raffiniert gebauter und bis zum Ende spannend zu lesender Roman. Es lohnt sich auch heute noch die Geduld dafür aufzubringen.

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Wilhelm Genazino    „Das Glück in glücksfernen Zeiten“

Dies ist die Biographie des Philosophen Dr. Gerhard Warlich, der uns in elf Kapiteln an seiner Gedankenwelt als Wäschereiangstellter teilhaben lässt. Einem – wie immer bei Genazino – entscheidungsschwachen, grüblerisch selbstmitleidigen, ängstlich klagenden Menschen, einem permaneten Beobachter der eigenen Befindlichkeiten, der an „melancholischer Verwilderung“ leidet und dessen einziger Halt – auch dies, wie immer bei Genazino – eine Frau ist, in diesem Falle Traudel, die ihn realistisch und entscheidungsfreudig versucht durch den Alltag zu steuern. Und es ist – wie immer bei Genazino – ein großes Lesevergnügen dem Protagonisten auf seinem Weg durch die Widrigkeiten seines Lebens zu begleiten.

So hat der philosophierende Wäschreifahrer und bekennender Busenfetischist (seiner Mutter und Traudels) es sich in seinem Leben recht gemütlich eingerichtet, bis seine „Lebensfortsetzungsbegleiterin“ dieses mit dem Wunsch nach einem Kind zunächst zum Wanken bringt, und ihn dann völlig aus der Bahn wirft. Letztlich endet Dr. Warlich in einer psychiatrischen Klinik, wo es ihm ebenfalls gelingt, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren und sich gedanklich mit Daueraufenthalt und Frühverrentung zu beschäftigen.

Wie alle Romane Genazinos, hat auch dieser eine melancholisch resignative Grundstimmung, die durch den hintergründigen Humor Genazinos und seinen Sinn für Situationskomik immer wieder konterkariert wird. Genazinos Markenzeichen ist eine Detailversessenheit in Beschreibungen von Nebensächlichkeiten, wie der Beobachtung einer zur Verwitterung auf den Balkon gehängten Hose, eines abgebissenen Kuchenstücks auf einem Autodach oder zu enger BH’s und eines Doppelkinns. Sein Manko ist , dass jeder neue Roman in Inhalt, Stil und Struktur immer nur eine Variante der vorherigen ist, was den Leser auf die Dauer langweilen und ermüden kann. Es soll aber auch solche geben, die das Erscheinen des nächsten lebensuntüchtigen Protagonisten auf der literarischen Bühne nicht erwarten können. Jeder prüfe sich selbst.

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Thomas Bernhard    „Die Ursache, Eine Andeutung“

In den beiden Teilen des ersten Bandes seiner autobiographischen Texte (weitere sind: „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ und „Ein Kind“) setzt sich Bernhard mit seiner Schulzeit in Salzburg auseinander. Hilfreich ist es, zuvor einige biographische Daten, wie die uneheliche Geburt, das gespannte Verhältnis zur Mutter, die ihn immer gehasst hat, weil er seinem Vater überaus ähnlich sah, den Vater, den er nur von einer Fotografie kannte und den von ihm verehrten und geliebten Großvater, den Schriftsteller Johannes Freumbichler, zu kennen.

In den für Thomas Bernhard typischen, oft über mehr als eine Seite sich ausdehnenden, langen Schachtelsätzen, bei denen der Leser Mühe hat Anfang und Ende des Satzes stimmig zu verbinden, beginnt er jeden der beiden Teile des Buches mit einer wortreichen Beschimpfung. Zunächst der Stadt Salzburg und dann des dortigen nationalsozialistischen Internats mit seinem Direktor Grünkranz, das er besucht. Mit der Möglichkeit des Selbstmords, mit dem sein Großvater täglich drohte („Keine Unterhaltung, keine Unterweisung seinerseits, in welcher nicht unausweichlich die Feststellung folgte, daß es der kostbarste Besitz des Menschen sei, sich aus freien Stücken der Welt zu entziehen durch Selbstmord…“), aufgewachsen, bedrängen auch ihn der Gedanke daran, wofür er die „katholisch-nazistische Umwelt“ verantwortlich macht. Lediglich die Übungsstunden mit der Geige in einer Schuhkammer des Internats trösten ihn in dieser „Todeskrankheit“. Als Kind hat er bereits früh eine Faszination für Friedhöfe, Leichenhallen und Tote entwickelt. Die Leidenszeit im NS-Internat „Johanneum“ in Salzburg wird 1943 durch die Bombardierung der Stadt beendet. Eindrucksvoll beschreibt Bernhard seine traumatischen Erlebnisse in den Luftschutzstollen unter der Stadt und die Zerstörung ihm vertrauter Häuser. Nach dem dritten Bombardement Salzburgs holt ihn die Großmutter dann nach Ettendorf bei Traunstein, wo er in einer Gärtnerei arbeitet.

Auch der zweite Teil des Buches beginnt mit einer Beschimpfung, in diesem Fall der „verblödeten und unaufgeklärten“ Eltern und der Religionen, die den Nichtwissenden dann noch den Rest geben und die Seele der Menschen vernichten. Aus dem nationalsozialistischem Schülerheim ist inzwischen das „streng katholische“ Internat Johanneum geworden, dessen geistlicher Leiter „Onkel Franz“ , der noch einen verhassten Präfekten beschäftigt, die Inkarnation von Grünkranz ist. Die Züchtigungen im katholischen Internat unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im nationalsozialistischen- und auch der Tagesablauf nicht, nur die Lieder sind andere geworden. Im Vergleich der katholischen und nationalsozialistischen Rituale in denen er keinen Unterschied sieht („wo das Hitlerbild an der Wand war, hing jetzt ein großes Kreuz“), läuft Bernhard zu verbaler Hochform auf. Der „Erziehungshäftling“ Thomas B. wird in dieser „Geistesvernichtungsanstalt“ zunehmend zum Aussenseiter. Mit fünfzehn Jahren zieht er die Konsequenz, kehrt er dem Gymnasium den Rücken und beginnt eine Lehre bei einem Lebensmittelhändler, die dann im Bericht „Der Keller“ beschrieben wird.

Stilistisch bereiten dem Leser Bernhards verschachtelte Satzgebilde zunächst Mühe, mit zunehmender Dauer dann aber auch Lesegenuss. Die Erzählperspektive wechselt zwischen autobiographischem Ich-Erzähler und auktorialem Erzähler in der dritten Person. Bernhard behandelt nur wenige Themen, diese aber in immer neuen Variationen, wobei er sich mit Vorliebe des doppelten Plusquamperfekts bedient. Und natürlich hat er auch einen bissigen Humor. Die Beschreibung der Umstände der Bestattung seines Großvaters, der nicht beerdigt werden kann, weil er nicht kirchlich getraut wurde, ist von großer Komik, für Bernhard aber zugleich eine Gelegenheit Salzburg und der katholischen Kirche am Leder zu flicken.

Ein Lesegenuss für fortgeschrittene Leser!

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Annette Pehnt        „Hier kommt Michelle“

Mindestens so amüsant wie das schmale Büchlein, ist seineEntstehungsgeschichte, die zu inzwischen drei unterschiedlichen Vorworten geführt hat. Nachdem der Hausverlag (Piper) von Frau Pehnt den Text als nicht passend zum Autorinnenprofil abgelehnt hatte, wurde er in der Reihe „Text Mission“ der linksalternativen Freiburger Buchhandlung Jos Fritz veröffentlicht. Und er wurde ein überraschender Erfolg, so dass der Piper Verlag ab der dritten Auflage auf den fahrenden Zug aufsprang und den Text doch noch unter seine Fittiche nahm.

In vier Modulen erzählt uns ein selbstreflexiver auktorialer Erzähler, der das Geschehen immer wieder aktiv kommentiert, die Geschichte von Michelle, der Durchschnittsstudentin an der Pädagogischen Hochschule (an der die Autorin eine Dozentur hat) in Sommerstadt (Freiburg) mit seinem beschaulichen Flüsschen Springli (Dreisam). Michelle hatte gerade Stress, weil ihr Freund Manuel sie verlassen und mit seiner Didgeridoo nach Australien abgehauen ist. Sie möchte „etwas mit Kindern“ machen, ist brav, angepasst und ehrgeizig. Ein kleine Spießerin, die keine Haare in der Dusche und keine Fettschlieren in der Spüle mag und die Hochschule als Fortsetzung der Schule betrachtet, an der ihr gesagt wird, was sie zu tun hat. Davor steht aber die Dozentin Heike Blum, deren Arbeitsplatz vom Personalchef durch permanente Abmahnungen gefährdet ist, weswegen sie übelriechenden Kräutertee trinkt und sich liebevoll dem schon wegrationalisierten Keltologen Georg Hahnel zuwendet.Sie verlangt von ihren Studentinnen Eigeninitiative und Kreativität.

Auch das weitere Personal ist szenetypisch: der Rektor Klaus Maurer, der ständig Phrasen von sich gibt, die mit I wie Internationalisierung, K wie Kompetenz und G wie Globalisierung beginnen und für den es eine “Vorstufe zur Unsterblichkeit“ ist, möglichst oft mit seinem Foto in der lokalen Zeitung zu erscheinen. Sein übernächtigter Pressesprecher, der sein schreiendes Kleinkind nachts umhertragen muß, das ihm derweil auf seinen Pullover sabbert. Der Junganglist, von den Studentinnen bewundert, sportlich, modern, Internet affin und gut vernetzt, der immer mal wieder eine seiner Bewunderinnen abschleppt. Und Nina, die linksalternative, alles kritisierende Dauerdemonstrantin, die als Hilfskraft für Studienbelange endet. Und zu guter Letzt der Mittelbau, der sich namenlos, blaß und übernächtigt hinter Roibuschtee verschanzt.

Das Thema diese Campustextes ist die Kritik am Umbau der Hochschulen und deren „Bolognisierung“. Dabei werden ihre typischen Vertreter und deren Verhaltensweisen karikiert. Es ist eine überzeichnete Satire auf den Unibetrieb, komisch, ironisch, böse und höchst amüsant zu lesen. Als Schlüsselroman birgt der Text natürlich zusätzlich lokalen Sprengstoff. Das alles ist sicher keine große Literatur – und gibt auch nicht vor, es zu sein – sondern gute Unterhaltung. Und von welchem deutschen Roman können wir das so einfach behaupten.

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Robert Musil     „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“

dtv TB, 256 Seiten, 6,90 Euro

Seit vier Jahren besucht der junge Törleß den Konvikt in W. – eine Analogie zu der von Musil besuchten Militär-Unterrealschule in Eisenstadt – und hat ein furchtbares unbestimmtes Heimweh, „ein missglückter Versuch die Kräfte des Inneren zu entfalten“. Im Konvikt langweilt er sich und findet den Unterricht inhaltsleer, bis er neue Freunde findet, die übelsten des Jahrgangs. Ihre Wildheit imponiert ihm, aber die Beziehung ist für ihn nur ein Spiel. Gemeinsam finden sie im Mitschüler Basini, der den Kameraden Geld getohlen hat, ein willkommenes Opfer, das sie unter ihre „Kuratel“ stellen, sexuell bedrängen und quälen. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der erwachenden Sexualität in der beginnenden Pubertät beim vierzehn jährigen Törleß, der das Treiben seiner Kameraden distanziert betrachtet und selbst nicht eingreift. Es ist dann Basini, der sich ihm sexuell nähert und im „eine neue Welt erschließt“ und der ihn um Hilfe gegen die Quälerei durch seine Kameraden bittet. Mit den vier Schülern hat Musil eine charakteristische Typologie geschaffen:

Törleß ist der Beobachter im Spiel, weich, sinnlich, schüchtern, depressiv, unsicher und zögerlich im Charakter, verändert er sich im Laufe seiner Pubertät immer mehr zu einem „jungen Mann von sehr feinem und empfindsamen Geiste“. Bereits früh kennzeichnet ihn die unablässige Suche nach einer tieferen, hinter der Fassade des Normalen und Augenscheinlichen angesiedelten Wirklichkeit. Immer wieder stellt er fest, dass er anders ist als die übrigen Zöglinge.

Beineberger ist der Mystiker, er ist schlank, hat schmale Hände und abstehende Ohren, ein stiller Denker und Okkultist, der vergeblich versucht Basini zu hypnotisieren. Er orientiert sein Denken und Handeln an den Erkenntnissen der indischen Religion und an deren Lehre vom Aufsteigen und Loslösen der Seele, womit er alle seine Experimente und Quälereien an Basini rechtfertigt.

Reiting ist der Tyrann. Er will zum Militär und Offizier werden. Ein machtbesessener Intrigant und Sadist, hinterhältig, gemein. Jeder, der sich ihm entgegenstellt, wird durch Drohungen, Züchtigungen oder öffentliche Erniedrigungen aus dem Weg geräumt. Basini stellt für ihn den Untergebenen dar, an dem er seine Wut auslassen und seine Macht ausüben kann.

Basini ist das Opfer. Er schuldet allen Geld, ist schwach, weich, weibisch, dumm, unterlegen und hilflos, aber freundlich. Ein Wichtigtuer. Basini wird zunächst als Sündenbock missbraucht, weil er gestohlen hat. Später wird er zu Törleß‘ wichtigster Komplementärfigur und akzeptiert zunächst bereitwillig seine masochistische Opferrolle.

Sprachlich bewegt sich Musil zwischen Heinrich Mann und Alfred Döblin, der heraufziehende Expressionismus ist bereits in Anklängen vorhanden. Heute erscheint der Text aber als ein emotional überfrachtetes, psychologisch-philosophisch unterlegtes Räsonieren und als romantische Gefühlsduselei. Permanente Gefühle von Ekel, Unlust, Übelkeit, Zweifel und Angst werden verbalisiert und Stimmungsschwankungen wortreich bebildert. Viele Satzgebilde mögen dem heutigen Leser pathetisch und inhaltsleer erscheinen.

In den Verwirrungen des Zöglings Törleß thematisiert Musil insbesondere die gesellschaftliche Moral und Prüderie gegenüber der erwachenden Sexualität in der Pubertät. Das Grundthema des Romans ist jedoch die Ichfindung , das Erwachen eines individuellen Selbstbewusstseins in einer autoritären Gesellschaft. Musil stellt in der Gestalt der Hauptfigur die Entwicklungskrise eines sensiblen Menschen dar, was zumindest teilweise auch sein eigenes Problem zum Zeitpunkt der Entstehung des Romans war. Durch die Erkenntnis seines eigenen Sexual- und Aggressionstriebs reift in Törleß schließlich ein ästhetisches Bewusstsein, das zwar von ihm noch nicht benannt werden kann, aber schon den späteren Künstler in ihm aufscheinen lässt: „diese Wortlosigkeit fühlte sich köstlich an, wie die Gewissheit eines befruchteten Leibes, der das leise Ziehen der Zukunft schon in seinem Blute fühlt“. „Eine Entwicklung war abgeschlossen. Die Seele hatte einen neuen Jahresring angesetzt wie ein junger Baum – dieses noch wortlose, überwältigende Gefühl entschuldigte alles, was geschehen war.“

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Judith Schalansky               „Der Hals der Giraffe“

Suhrkamp TB, 222 Seiten, 9,99 Euro

Das Darwin Gymnasiums in der ehemaligen DDR soll mangels Schülern geschlossen und in eine „Heimvolkshochschule“ umgewandelt werden. Inge Lohmark, der langjährigen Biologie- und Sportlehrererin, die sich bereits “ in der rosa Beule der Alterspyramide“ befindet, droht nun die Versetzung. Das letzte Schuhljahr an ihrer Schule beginnt für sie mit dem Biologieunterricht in der neunten Klasse. Durch dreißig Jahre Schulerfahrung hat sie einen verbitterten, ernüchterten Blick auf ihre Schüler. Sie ist hart, streng, gerecht und autoritär. Keine Lieblinge, keine Ausnahmen ist ihr Prinzip, dem sie mit einer erotisch gefärbten stillen Zuneigung zu einer Schülerin dann selbst untreu wird. Sie ist nicht abgehauen, wie die anderen, sondern immer schön da geblieben und beklagt jetzt den Verlust der guten alten Zeit. Als IM hat sie ein paar Berichte über ihre Kollegen geschrieben. Ihr Menschenbild ist von den Naturwissenschaften und von Lamarck und Lyssenko geprägt. Und ihre Schüler charakterisiert sie gerne mit Adjektiven aus der Tierzucht.

Der Gegenentwurf zu ihr ist „die Schwanneke“, die Kunstlehrerin aus dem Westen, die es wagt, das „sumpfige Geschmiere“ der Monet-Seerosen neben die Quallen von Ernst Haeckel zu hängen. Sie ist der Typ der mitfühlenden Lehrerin, die Verständnis für die Schüler aufbringt, jedem eine neue Chance gibt und sich mit allen duzt, während die Lohmark nur beißender Spott für die neue Generation Mädchen hat, die keine Kader mehr sind.

Zum einen lebt das Buch von dieser bewußt klischeehaften Darstellung der unterschiedlichen Schul- und Erziehungssysteme in der DDR und BRD. Zu recht weist die Autorin in einem Interview darauf hin, dass auch wissenschaftliche Erkenntnisse immer ideologisch geprägt sind:

„In den DDR-Biologiebüchern kann man das schon daran erkennen, dass alle Entdeckungen von Sowjet-Wissenschaftlern gemacht worden sind. Heute sind es meist amerikanische. Da schreibt sich natürlich auch die Zeitgeschichte mit hinein.“

Anhand von drei Biologiestunden, für die der Lehrplan von Mecklenburg-Vorpommern als Vorlage diente, entwickelt Inge Lohmark nun vor der Klasse in drei, mit „Naturhaushalte, Vererbungsvorgänge, Entwicklungslehre“ überschriebenen Kapiteln ihre biologistische Weltsicht. Zugleich gewährt sie dem Leser aber Enblick in ihr gescheitertes Privatleben, auf Ehemann Wolfgang, der eine Straußenfarm betreibt, und der mehr Zeit mit den Tieren, als mit seiner Frau verbringt und auf Tochter Claudia, 35 Jahre alt, die seit 12 Jahren „Auslandserfahrung“ in den USA sammelt und gerade eine Mail mit „just married“ geschickt hat. Wobei sich das wirkliche Familiendrama erst am Ende des Buches offenbart, als ein Mädchen aus ihrer Klasse gemobbt und misshandelt wird, während sie über die Entwicklung des Giraffenhalses doziert. Eine Parallele zu einem Erlebnis mit ihrer eigenen Tochter, die sie als ihre Lehrerin zurück gewiesen hat, als sie misshandelt und schutzbedürftig zu ihr in die Klasse kam. Aber diese Mädchen interessierten und interessieren sie nicht. Sie gehören in der Evolution zu den Verliererinnen. Nur die Sieger sind, wie beim Völkerball, die Fähigsten.

Was ist dies für ein Buch, ist es eine wissenschaftlich Abhandlung oder ein Roman? Ein Wenderoman, oder wie von der Autorin im Untertitel angegeben, ein Bildungsroman? Es hat von allem etwas und ist natürlich ein „negativer Bildungsroman“, denn es wird nicht die Entwicklung einer Person, sondern gerade die Verweigerung einer Entwicklung beschrieben. Wie Judith Schalansky selber sagt:

Nun, es steht ja Bildungsroman auf dem Buch aber es ist eine Negation des klassischen Bildungsromans. Wir haben alle Dinge umgekehrt, wir haben eine alte Heldin, nicht naiv sondern frustriert, nicht ahnungslos, sondern verbildet. Dieses Konzept von Entwicklung hat mich total gereizt, denn die Region entwickelt sich eben nicht mehr.

Formal, stilistisch und sprachlich ist dies ein gelungenes Buch. Die Autorin ist eine Formulierungskünstlerin, der es gelingt mit ihrem Text eine Verbindung von Literatur und Naturwissenschaft zu schaffen. Sprachlich werden biologische Begriffe wie Aufzucht, Frohwüchsigkeit oder Duldungstier im literarischen Kontext verwendet und die jeweils ungrade Seitenzahl ist mit einem dieser Begriffe überschrieben, was Assoziationen zu einem Lehrbuch der Biologie weckt. Nicht unerwähnt bleiben darf die Gestaltung des Buches, denn nicht umsonst hat die Autorin Kommunikationsdesign studiert und mit ihrem Erstlingswerk „Fraktur mon amaour“ eine Liebeserklärung an die Frakturschrift veröffentlicht. Vom Einband und dessen Gestaltung, bis hin zu den im Buch zahlreich enthaltenen Zeichnungen, ist alles vom Feinsten und von der Autorin eigenhändig gestaltet. Es ist ein Genuß dieses Buch zur Hand zu nehmen. Judith Schalansky gehört zweifellos zu den interessantesten jungen deutschen Autorinnen.

In diesem Roman gelingt ihr ein furioser Beginn, der den Leser sofort fesselt und mitreißt. Leider geht der Schwung im Lauf des Romans etwas verloren und der Text gleitet zum Ende hin in ein (gewollt) pädagogisches Dozieren ab, was dem Leser einiges an Geduld und biologischen Interesse abverlangt. Trotzdem sehr lesenswert!

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Heinrich Mann           „Professor Unrat“

rororo TB, 240 Seiten, 7,99 Euro

Dieser 1905 erschienene Roman Heinrich Manns war sein erster großer literarischer Erfolg und wurde durch die spätere Verfilmung als „Blauer Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings weltberühmt. Von einem allwissenden Erzähler wird die Geschichte des Professors Raat, Gymnasiallehrer und Mensch ohne „bürgerliches Laster“, der sich von allen Seiten von „Feinden“ bedroht sieht, die ihn mit seinem Spitznamen „Unrat“ rufen, erzählt. Sein Motto ist: „Das Wahre ist nur die Freundschaft und die Literatur“. Aber Freunde hat er keine und Literatur, das sind für ihn nur die alten Griechen. Er behandelt seine Schüler als Feinde, manche sogar als Erbfeinde und die Güte eines Schuljahres hängt davon ab, ob Unrat einen „fassen“ konnte, der seinen Spitznamen rief. Er ist ein Menschenfeind, der sich von Feinden umgeben sieht und sie erbarmunglos verfolgt.
Seine Gegenspieler sind drei Schüler, von denen er insbesondere Lohmann als Feind ausgemacht hat, da er ihn nicht einmal mit seinem Spitznamen anredet. Dieser ist es auch, der ihn letztlich mit einem, in sein Aufsatzheft gekritzeltem Gedicht, gerichtet an die „hehre Künstlerin Rosa Fröhlich“, ins Verderben schickt. Denn Unrat begibt sich nun auf die Suche nach dieser „Künstlerin“, findet sie in einer Nachtbar und verfällt ihr. Die offene und einfache Herzlichkeit und Unbekümmertheit von ihr und den weiteren zwei Künstlern trifft auf die unbedarfte Verklemmtheit Unrats, des „einsamen Allerweltfeinds“. Standesunterschiede sind aufgehoben und es entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit: Unrat nutzt die Beziehung zur Rache an seinen Schülern, Rosa für den gesellschaftlichen Aufstieg („Ich werd‘ sie doch nicht laufen lassen, Alterchen“). Es entsteht aber auch auf menschlicher Ebene eine Nähe zwischen den beiden einsamen Einzelgängern. Rosa, die bisher nur flüchtige Beziehungen mit wechselnden Partnern hatte aus denen eine Tochter stammt, spürt zum ersten Mal, dass jemand ernsthaft Verantwortung für sie übernimmt. Unrat, der verklemmte Menschenfeind, der einmal verheiratet war und ebenfalls ein Tochter hat, spürt vielleicht zum ersten Mal Zuneigung und Nähe. Nach einem Prozeß, in dem Rosa ehrlich von einer Beziehung zu einem seiner Schüler spricht, ist Unrat tief enttäuscht von ihr und fühlt sich hintergangen. Und als er, als Folge des Prozesses um ein geschändetes Hühnengrab, im Kollegium und der Stadt geächtet wird und aus dem Gymnasium entlassen wird, bricht eine Welt für ihn zusammen.

Leider hat Heinrich Mann es versäumt, den Roman an dieser Stelle, nach dem 11.Kapitel, enden zu lassen. Es wäre ein großartiger und logischer Schluss gewesen. Es folgen aber noch fünf weitere Kapitel eines sich in die Länge ziehenden „zweiten Teils“ in dem die Heirat mit der „Künstlerin Fröhlich“, ihr gemeinsamer zweifelhafter gesellschaftlicher Aufstieg, trotz permanenten Geldmangels, und letztlich die Verhaftung Unrats stehen. Sprachlich und inhaltlich vermag der Roman heute nicht mehr zu überzeugen, wenngleich die geschilderten Charaktere zeitlos sind.

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Wolfgang Herrndorf               „Tschick“

rororo TB, 256 Seiten, 8,99 Euro

Maik Klinkenberg, vierzehn Jahre, achte Klasse Hagecius Gymnasium Berlin, erzählt in diesem Buch die Geschichte einer gemeinsamen Reise mit seinem Klassenkameraden Tschick in die Walachei. Auf den ersten vierzig Seiten beschreibt Maik dann seine bisherige „Schulkarriere“, denn damit hat er ein Problem: er gilt in der Klasse als ein Langweiler und er leidet unter einer platonische Liebe zu Tatjana Cosic, die ihn nicht zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen hat. Sein Leben ändert sich radikal, als Andrej Tschichatschoff, genannt Tschick in seine Klasse kommt, der mit Mongolengesicht und Alkoholfahne antritt und eine Plastiktüte als Schultasche trägt. Beide sind einsame Außenseiter in der Klasse, die sich nur zögerlich anfreunden und sich bei gemeinsamen Computerspielen langweilen. Bis Tschick mit einem gestohlenen klapprigen Lada Niva auftaucht und nach einhundert einleitenden Seiten die Reise beginnt: Sommerferien in der Walachei, was sich ohne Landkarte als schwierig erweist. Und die Polizei ist ihnen auch bald auf den Fersen. Mehr sei nicht verraten, man muss diesen großartige Stoff für ein Roadmovie selber gelesen haben!

Die einleitende Beschreibung der Schulzeit, die abenteuerliche Reise im gestohlenen Wagen und letztlich die Rückkehr ins Elternhaus gliedern das Buch grob in drei Teile. Die beiden Protagonisten Maik und Tschick, flankiert von den beiden sehr unterschiedlichen Mädchen Tatjana und Isa, sind nicht sehr differenziert gezeichnet. Sie entsprechen den Klischees des schüchternen, häuslich vernachlässigten, reichen Langweilers (Graf Koks von Klingenberg) und des asozialen Ausländers aus dem Vorstadt Ghetto, dem Hochhaus-Asi. Auch das Klischee vom ständig betrunkenen Russen und dem Elternhaus, in dem der Vater zur Sekretärin und die Mutter zum zum Alkohol greift, werden bedient.

Trotzdem gelingt es dem Autor den Leser sowohl mit der Handlung, als auch sprachlich zu fesseln. Verknappte Sätze in schnoddrig-flapsiger Sprache und Worte wie „endbescheuert“, „endgeil“, „endgestört“ sollen eine Jugendsprache suggerieren, die es als solche nicht gibt. Jugendsprache ist komplex, zeitlich begrenzt und szenetypisch vom Migrationshintergrund geprägt. Trotzdem gelingt es Herrndorf mit seiner Pseudo- Jugendsprache, zumindest den älteren Lesern glauben zu machen, dass Jugendliche so sprechen.

Natürlich ist „Tschick“ nicht der Roman „…den wir auch in fünfzig Jahren noch lesen wollen…“, wie Franziska von Lovenberg auf dem Buchumschlag apodiktisch erklärt. Was das Buch aber heute für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen lesenswert macht, ist die gelungene Balance zwischen Komik und Ernst, zwischen Lachen und Weinen. Szenen von großer Situationskomik, die dem Alltag genau abgeschaut sind, stehen sehr stille und nachdenkliche Passagen gegenüber, in denen altersentsprechende Probleme reflektiert werden und in denen eine große menschliche Nähe aufscheint, wenn die beiden Jungen sich vor dem absehbaren Ende gestehen, dass dies die tollste und aufregendste Woche ihres Lebens war. Es ist diese Kombination aus Situationskomik und Nachdenklichkeit, die das Buch zu einem wirklich guten und lesenswerten Roman macht.

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Siegfried Lenz          „Schweigeminute“

dtv TB, 128 Seiten, 7,90 Euro

Einer der großen deutschen Autoren der Nachkriegszeit hat dieses Buch 2008 mit 82 Jahren veröffentlicht, zwei Jahre nach dem Tod seiner langjährigen Ehefrau Liselotte und kurz nachdem er erneut geheiratet hatte. Man darf sicher davon ausgehen, dass dieser Text Teil der Bewältigung des Todes seiner ersten Frau war, der ihn schwer getroffen hatte.

Bereits auf der ersten Seite der kapitellosen Novelle erfährt der Leser, im Rahmen schulischen Abschiedsfeier für die verstorbene Lehrerin Stella, viel über den Inhalt der Novelle. Das mindert einerseits die Spannung, andererseits wird Neugier geweckt zu erfahren, wie es zum Tod der beliebten Lehrerin gekommen ist.

Das Geschehene wird von Christian, Schüler des Gymnasiums und Liebhaber von Stella, während der Schulfeier in Rückblenden erzählt. Immer wieder hält er mit Stella Zwiesprache und spricht sie auch direkt als Du in der zweiten Personen an. Die Handlung spielt in den siebziger Jahren und wechselt zwischen der Gegenwart der Abschiedsfeier und der Erinnerung an die gemeinsame kurze Vergangenheit.

Christians Vater ist „Steinfischer“ und er reparieren eine Mole, als Stella auftaucht zuschaut und aufs Boot kommt und dort ihren Schüler Christian trifft. Bei einem Strandfest in Hirtshafen kommen sie sich näher und es kommt zu einer gemeinsamen Nacht im Hotelzimmer. Bei einem Bootsausflug zur „Vogelinsel“ kommt es zu einer Liebesszene am Strand. Während Christian bereits pubertäre Zukunftspläne für sie beide macht, unternimmt Stella mit Freunden für einige Tage einen Segeltörn. Christian plant derweil die gemeinsame Zukunft. Ein Sturm kommt auf, Stelle kommt mit dem Segelboot zurück, es läuft im Sturm auf den Steinwall und kentert. Stella wir zwischen Bootswand und Steinwall eingeklemmt und schwer verletzt. Christian und andere Schüler besuchen sie im Krankenhaus. Stella stirbt an den erlittenen Kopfverletzungen und wird auf See bestattet. Soweit die überschaubare Handlung.

Es handelt sich um eine schlichte Handlung in ebensolcher Sprache.Lenz Sätze sind, zum Beispiel verglichen mit denen in der „Deutschstunde“, sehr einfach geworden, wirken gelegentlich unbeholfen und hölzern. Gelungen sind die beiden Liebesszenen des Buches, die sehr zart und keusch nur Angedeutungen geben und keine Detailschilderung. Andererseits erfährt der Leser erfährt nicht, wie, wann und vor allem warum Stella und Christian sich überhaupt ineinander verlieben. Welche Gründe sie hat, was der der Auslöser für ihre Zuneigung ist, bleibt ungesagt. Von den Empfindungen, den Bedenken Stellas, in der immerhin für sie sehr riskanten Beziehung, erfährt man nichts. Die Beziehung hätte auch in einer gesellschaftlichen Katastrophe enden können. Die Lehrerin-Schüler-Beziehung wird mit ihrem Risiko von Christian nicht erkannt. Dieser Aspekt bleibt unerwähnt, gehört vielleicht auch nicht in eine Novelle.

Es gibt in dem Buch keine Passage, die einen wirklich mitnimmt, ergreift oder berührt. Es entsteht keine Spannung, es weckt keine Neugier. Christian und Stella bleiben als Personen schwach und ihre Charaktere nicht fassbar. Die einzige Person, von der wir vielleicht ein Bild vor Augen haben, ist Stellas gebrechlicher Vater. Zudem werden die Seiten mit, für den Fortgang der Handlung unerheblichen Ereignissen gefüllt, wie einer Konferenz von Fischereiexperten oder einem festgefahrenen Kutter.

Dies ist eine „altmodische“ Erzählung in einfacher Sprache. Kein schlechtes Buch, aber eines mit vielen Mängeln. Siegfried Lenz hat das Buch im hohen Alter geschrieben, das weckt Bewunderung, man merkt es ihm aber auch an. Vielleicht ist es das Buch eines Seniors für Seniorinnen. Vielleicht aber auch eine Hommage des Verlages Hoffmann und Campe an einen großen Schriftsteller.

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Sibylle Lewitscharoff               „Apostoloff“

Suhrkamp TB, 248 Seiten, 8,99 Euro

Eine „schwäbische Bulgarenclique“ reist in die alte Heimat, um die Überreste der Vorväter der heimischen Erde zu übergeben. Die Töchter eines der Überführten machen im Anschluss eine Rundreise durch das Land.

1945 sind zwanzig Bulgaren nach Stuttgart gekommen, der „Bulgarenverein“, um sich die „erstbesten Blondinen“ zu schnappen, darunter Vater Lewitscharoff und Alexander Iwailo Tabakoff. Letzterer macht mit undurchsichtigen Geschäften viel Geld und wandert nach Amerika aus. Als fast alle der Clique gestorben sind, kommt er auf die Idee, ihre sterblichen Überreste in einem Autokorso – „halb Staatsbesuch, halb Rosenmontagszug“ – von Stuttgart nach Sofia zu bringen um sie in der Heimat zu bestatten .

Die Icherzählerin, ihre zwei Jahre ältere Schwester – Kinder dieser deutsch-bulgarischer Liaison – sind gemeinsam mit dem Fahrer Rumen Apostoloff auf den Spuren ihres verstorbenen Vaters Kristo, gewesener Frauenarzt in Stuttgart, unterwegs, um zunächst die Überreste des Vaters, der Suizid beging, zu begleiten und im Anschluß auf einer Rundreise dessen Heimatland kennen zu lernen. Die ältere Schwester dient dabei als Projektionsfläche der Gedanken und Gefühle der Icherzählerin und kommt selbst nur in indirekter Rede zu Wort.

Erzählt wird dies mit viel Witz in einer miteinander verwobenen doppelten Reiseerzählung in zwei Zeitebenen. Zum einen begleitet der Leser die Vorbereitungen und die Durchführung des Leichenzugs bis nach Sofia und die anschließende einwöchige Rundreise des Trios durch Bulgarien, und zum anderen erfährt er im Rückblick von der Ankunft des „Bulgarenvereins“ 1945 in Stuttgart und den Erinnerungen an die eigene Jugend und die Eltern. Dabei bekommen alle reichlich Lewitscharoffsches Fett ab, die Eltern, Degerloch und vor allem Bulgarien.

Sibylle Lewitscharoff ist eine wortmächtige Autorin, der amüsant-skurrile Beschreibungen gelingen, so, wenn sie die Begegnung mit dem Adel oder ihren Vater im Himmel beschreibt. An den besten Stellen des Buches gelingen ihr wunderbar bildhafte Darstellungen von Landschaften oder Personen in einer hochpoetischen Sprache. Dann bedienst sie sich wieder einer gekünstelten Sprache mit eigenen Wortschöpfungen wie „leibgeniale Mutter, fiebernder Rotmund“, oder beschreibt einen „aufgetummelter Zustand, aufgezwickte Grillenmusik und weggedämmerte Zeiten“. Das wirkt alles ein wenig gewollt und zwanghaft, wie auch der gelegentlich eigenwillige und sperrige Satzbau, der den Text zwar originell, aber nicht leicht lesbar macht.

Ein Buch, in das man sich einlesen muss, da man erst häppchenweise und mit Verzögerung den skurrilen Reisegrund erfährt, welches man dann aber mit viel Freude und einem permanenten Schmunzeln um die Lippen liest, und in dem man nebenbei auch eine Menge über die Zustände im heutigen Bulgarien erfährt. Dafür vier „verschlierte Herzkammern“.

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Hans Joachim Schädlich      „Kokoschkins Reise“

rororo TB, 192 S., 8,99 Euro

Zwei ältere Herren verabschieden sich am 7.9.2005, am Ende einer gemeinsamen dreiwöchigen Reise. Der eine reist zurück nach Prag, der andere, Fjodor Kokoschkin, weiter nach London und Southampten, um dort die Queen Mary 2 zur Rückfahrt nach New York zu besteigen. Im Folgenden werden im Wechsel zwei Geschichten erzählt:

In der einen berichtet ein allwissender Erzähler in der Gegenwart vom Leben auf See, den Personen des „Sechsertisches“ im 1349 Plätze umfassenden „Britannia Restaurant“, der Zuneigung Kokoschkins zu Olga Noborra, einer mitreisenden Botanikerin (Spezialgebiet Dachbegrünungen). Im Mittelpunkt stehen die Restaurantbesuche, deren Speisefolgen minutiös dokumentiert werden. Ansonsten schlägt man auf dem „schwimmenden Seniorenheim“ die Zeit tot, streitet sich und beendet den Abend in der Karaoke Bar. Das alles wird unterhaltsam, ironisch-spöttisch bis zynisch beobachtet und beschrieben.

Die zweite Handlungsebene, die, so darf man vermuten, dem Autor eigentlich am Herzen liegt, berichtet von der stattgehabten Reise des jetzt über 90 jährigen Kokoschkin zurück an die Orte seiner Kindheit und Jugend. Begleitet wird er dabei von einem alten Freund, dem Bibliothekar Jakub Hlaváček aus Prag, der die Rolle des Fragenden und Stichwortgebers übernimmt. Die Reise beginnt mit dem Besuch von Petersburg, das Kokoschkin 1918 verlassen hat. Im Mariinskaja-Hospital wurde im Januar 1918 sein Vater, Mitglied der verfassunggebenden Versammlung, von den Bolschewiken ermordet. Die Mutter flieht mit ihm ins multikulturelle Odessa. Als die Bolschewiken auch diese Stadt besetzen, flieht die Familie nach Berlin. Er erinnert sich an seine Ankunft 1922 in Berlin als Zwölfjähriger in der Pension Crampe, zur damaligen Zeit eine Anlaufstelle für russische Emigranten. Hier treffen sie auch auf Iwan Bunin, Nina Berberowa und Wladislaw Chodassewitsch und man macht einen Besuch bei Maxim Gorki in Bad Saarow. Fjodor kommt als 13 jähriger in ein Internat, das Joachimsthalsche Gymnasium in Templin, in dem er eine „Freistelle“ bekommt und sechs Jahre bis zum Abitur bleibt. Anfang 1930 beginnt er ein Biologiestudium in Berlin. 1933, er ist im sechsten Semester, fühlt er sich zunehmend unwohl in Berlin und reist nach Prag. Er stellt einen Antrag auf ein Stipendium in Amerika. Dieses wird dank der Stellungnahmen von Kerenski und Chodassowitsch bewilligt und er erhält ein Visum für Amerika. Im März 1934 sticht er von Cherbourgh aus in See, Richtung Amerika.

So werden im Buch die aktuelle Reiseerlebnisse mit historischen Ereignissen verknüpft und wir haben eine Geschichte in der Geschichte. Geschildert wird ein typisches russisches Emigrantenschicksal um die Jahrhundertwende, wie es auch Nabokov (auch dessen Vater wurde erschossen, allerdings in Berlin) und andere erlebt haben. Der Zeitrahmen reicht von der russischen Oktoberrevolution bis zum Attentat auf das World Trade Center. Das Buch ist einfach zu lesen, da Schädlich stilistisch eher kurze und knappe Feststellungen als lange beschreibende Sätze verwendet, ein Reportagestil. Viele Erlebnisse und Gefühle werden nur angedeutet, etwa wenn Kokoschkin von Hlaváček nach seiner großen Jugendliebe Aline gefragt wird: „Haben sie Aline wiedergesehen?“ und er mit einem einfachen „Nein“ antwortet. Dies ist ein absolut lesenswertes Buch und gut geeignet zum Einstieg in die russische Literatur des 20. Jahrhunderts.

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Christoph Ransmayr „Der fliegende Berg“

Fischer TB, 368 S., 9,95 €

Das Buch erzählt die Geschichte zweier ungleicher Brüder. In Rückblenden wird ihre Kindheit in Irland erzählt und als Erwachsene begleiten wir sie in Osttibet auf dem Weg zur Besteigung eines über 6.000 Meter hohen Gipfels. Der Ältere, der sein Leben wie ein Computerprogramm plant, und zielstrebig einen bisher unbestiegenen Himalayagipfel im Land Kham im Osten Tibets besteigen will, um dann wieder nach Irland, auf seinen einsamen, vor der Südwestküste auf einer Insel gelegenen Hof, und an seine Computer zurück zu kehren. Der jüngere, namenlose, aus der Rückschau berichtende Icherzähler, der zur See fährt, Zeit und Muße hat und dem Drängen seines Bruders zur Reise nach Tibet nur widerwillig folgt. Er findet sein Ziel in der Liebe zu einer jungen Frau vom Clan der Khampas, ein Ziel, das sein homosexueller Bruder auch herbeisehnt, aber im konservativ-katholischen Irland nicht verwirklichen kann. Unterschiede im Charakter, die bereits in der Kindheit deutlich werden, wenn der Ältere mit seinem gewalttätigen, IRA begeisterten Vater in die Caha-Mountains zum „Manöver“ zieht, während der Jüngere sich mit Fluchtgedanken beschäftigt.

Die Besteigung des „Fliegenden Berges“ endet tödlich für einen von ihnen. Zwar wird der Gipfel gemeinsam erreicht, aber beim Abstieg verliert man sich im Schneesturm aus den Augen. Der Jüngere der Brüder ist so erschöpft, das er die Nacht in einer Schneehöhle verbringt und zu sterben glaubt. Das Buch beginnt dann auch mit seiner Nahtoderfahrung und der wundersamen Rettung durch seinen Bruder, der ihn findet und im Abstieg begleitet bei dem er dann selbst in einer Lawine umkommt. Es ist vielleicht folgerichtig, dass der entschiedenere, der entschlossenere, der zielstrebigere der beiden Brüder am Ende sein Leben lassen muss. Darin unterscheidet sich die Handlung auch vom Schicksal der beiden Messner-Brüder bei denen der jüngere Bruder Günther im Juni 1970 bei der Besteigung des Nanga Parbat über die Rupalwand ums Leben kam, ein bis heute nicht vollständig geklärtes tragisches Ereignis. Nun ist Christoph Ransmayr mit Reinhold Messner gut befreundet und sie haben viele gemeinsame Bergtouren, auch im Himalaya, unternommen und es liegt nahe, dass Ransmayr das Schicksal der Messner-Brüder als Vorlage für seinen Roman genutzt hat, zumal Details, wie der vorzeitige Aufbruch des älteren Bruders zur Gipfelbesteigung identisch sind. Ransmayr weist dies allerdings von sich und erklärt, eine allgemeingültige Tragödie über das Schicksal von Brüderpaaren geschrieben zu haben: „….die Entdeckungsgeschichte ist voller Tragödien von Brüdern, die zu irgendeinem Ziel, einem geographischen oder politisch utopischen Ziel, aufbrechen und nur einer von beiden kehrt lebend zurück.“

Die Besonderheit des Buches ist die „gebundene Rede im Flattersatz“, ein Schriftbild mit ungleich langen Zeilen, wie wir es nur noch von Gedichten gewohnt sind. Zu recht fragt Ransmayr: „Wo steht denn geschrieben, dass nur Lyrik im Flattersatz, also in Strophen aus verschieden langen Zeilen, erscheinen darf?“. So befremdlich uns das Schriftbild im ersten Moment erscheinen mag, erweist sich doch nach wenigen Seiten, dass der Lesefluß dadurch nicht gehemmt, sondern beflügelt wird. Der Leser gerät in einen meditativen Zustand, der das Lesen zur Lust werden läßt, auch wenn der Text weder Reim noch Versmaß hat. Da der Roman zunächst nur als gelesener Text, als Hörbuch, geplant war, ist das Versmaß der Atemrhythmus des vortragenden Autors. Ransmayr folgt mit dieser Erzählform dem Epos, das in der Antike zumeist mündlich vorgetragen wurde und häufig, wie die Odyssee, in Hexametern gesetzt war. Weitere Beispiele sind das „Niebelungenlied“ und „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach. Die Form des Langgedichtes in gebundener Rede ist zwar selten geworden, ist aber aus der Literatur der Neuzeit nicht verschwunden, wie das 2004 erschienene Versepos „Fredy Neptune“ des australischen Lyrikers Les Murray zeigt.

Ransmayrs Buch beschenkt uns nicht nur mit einem Bergsteigerepos, einem Bruderkonflikt und einer wunderbaren Liebesgeschichte, sondern verschafft uns auch einen ungewohnten Lesegenuß. Dafür gibt es fünf Herzen.

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Martin Mosebach           „Die Türkin“

ISBN-139783423136747, dtv Verlag, Taschenbuch, 286 Seiten

Der Icherzähler; Mitte Dreißig, steht am Beginn einer viel versprechenden Karriere. Beim Besuch im Städel Museum trifft er mit dem berühmten amerikanischen Kunstsammler und Antiquar Hirsch zusammen, dessen Assistent und Nachfolger er werden soll. Er bereitet seine Abreise in die USA vor und kämpft derweil mit der türkischen Wäscherei, die wieder einmal seine Hemden nicht finden kann. Dort trifft er erstmals auf die Angestellte Jasmin/Pupuseh, beschimpft sie, hat darob ein schlechtes Gewissen und will sie vor seiner Abreise noch einmal sehen, um sich zu entschuldigen. Sie übermittelt ihm eine Botschaft durch Zeichen für ein Treffen. Ihre Cousine Zeynab, eine Friseuse, spielt die Vermittlerin, aber Pupuseh kommt nicht zum Stelldichein, sie wurde inzwischen in die Türkei gebracht. Eigentlich der richtige Zeitpunkt die Affäre zu beenden. Aber statt nach New York, fliegt der Protagonist in die Türkei, nach Antalya und versucht der „Wäschefrau“ in ihr kleines lykisches Dorf zu folgen. Soweit die Ausgangssituation.

Nach vielen archäologischen Wanderungen, Opferritualen und Erfahrungen des Erzählers mit dem türkische Dorfleben, taucht plötzlich ein Rivale um Pupusehs Gunst, der „Wäschetürke“ aus Frankfurt auf, und es kommt zum „showdown“ an einem lykischen Sarkophag, der einem shakespearschen Drama entnommen sein könnte, und bei dem der „Wäschetürke“ einem Herzinfarkt erliegt. Das Glück ist dem Helden dennoch nicht hold, denn Pupuseh ist längst einem türkischen Ingenieur versprochen. Ihm bleibt nur, nach deren Hochzeit nach Frankfurt zurück zu kehren und sich von der Friseuse Zeynab trösten zu lassen.

Ein Geschehen an zwei Orten also, zunächst in Frankfurt, dann in Lykien. Der Leser fragt sich allerdings schon früh, was einen jungen Mann mit vielversprechender internationaler Karriere dazu bringt, einer ihm nahezu unbekannten Türkin nach Lykien zu folgen. Ist er in sie verliebt? Vordergründig hat er nur ein schlechtes Gewissen. Von Liebe ist erstmals nach 200 Seiten die Rede und ein „Ich liebe Dich“ folgt erst am Ende des Buches und selbst das misslingt. Es geht in diesem Buch wohl nicht um Liebe, sondern eher um die Sehnsucht nach Liebe. Der wahre Grund der Reise bleibt dem Leser verschlossen, oder sollte sie dem Autor nur eine Plattform bieten, um seine profunden Kenntnisse der antiken archäologischen Funde in Lykien auszubreiten? Den Hang dazu belegen die ausführlichen Beschreibungen des Inneren indischer Paläste in “ Das Beben“ von ihm.

Sympathisch am Roman ist, dass die starken Persönlichkeiten der Handlung Frauen sind. Weniger Pupuseh selbst, die sich vom Geschehen mehr treiben lässt, als aktiv zu agieren. Aber ihre Cousine Zeynab und seine Gastgeberin Seliha bieten ein starkes Gegengewicht zum Dorfpatriarchen Muzafer.

Mosebach ist zweifellos einer der größten sprachlichen Ästheten in Deutschland – die Beschreibung eines herbstlichen Ahornblattes zu Beginn des Buches ist grandios – , aber sprachverliebt präsentiert er allzu häufig nur sein profundes Wissen. Der größte Mangel des Buches ist, dass man den Eindruck gewinnt, der Icherzähler sei mehr an antiken Stieren, lykischen Grabkammern und Ziegenopfern interessiert, als an der Beziehung des Erzählers zu Pupuseh.

Die Türkin ist sicher nicht das stärkste Buch von Martin Mosebach. Man lese besser „Der Mond und das Mädchen“ oder „Was davor geschah“

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Wolfgang Büscher       „Berlin – Moskau: eine Reise zu Fuß“

rororo TB, 240 Seiten, ISBN-10: 349923677X, 8,99 €

Warum läuft jemand von Berlin nach Moskau, von Danzig nach Istanbul oder nach Santiago de Compostela? Zumindest Wolfgang Büscher vermiitelt in seinem Reisebericht glaubhaft, dass er dies nicht nur tut, um hinterher ein Buch darüber zu schreiben. Er ist auf seiner Wanderung offen für überraschende Begegnungen, er kann den Menschen ohne Vorurteile zuhören und er hat offene Augen für die kleinen Dinge am Wegesrand. Das alles beschreibt er mit feiner Ironie und genauer Beobachtungsgabe, so, wenn er sich über die Namensgebung bei Martin Walser mokiert, die Szenerie des polnischen Dorfplatzes in Ostorog oder die Suche nach sauberen Toiletten in Weißrussland beschreibt. Und Büscher ist ehrlich zu sich selbst und seinen Lesern: „Die Meter waren mein Rosenkranz. Ich habe viele vor mich hingemurmelt östlich von Minsk.“ Auch depressive Stimmungen und nicht enden wollende Wantertage im Regen haben ihren Platz.

Eine Reise gen Moskau ist auch immer eine Reise in die Vergangenheit, in unsere Geschichte. Man ist nie alleine unterwegs, immer begleiten Napoleon, die Heeresgruppe Mitte und die Landser den einsamen Wanderer. Sei es, dass er bis Küstrin auf der „Alle der Gehenkten“ unterwegs ist, die Liebe einer polnischen Gräfn zu einem deutschen Offizier beschreibt, in Katyn im Waldboden auf die Knochen ermorderter Polen stößt, oder das „radiologisch-ökologische Reservat“ von Tschernobyl besucht. Wolfgang Büscher ist mit neugierigem Blick und wachem Sinn unterwegs und der Leser ist ihm dankbar dafür, an seinen Begegnungen teilhaben zu dürfen, er ist aber auch froh, dies nur als „armchair traveller“ tun zu müssen.

Ein rundum empfehlenswertes Buch, aus dem wir viel lernen, nicht zuletzt, was uns das Reisen abseits von Pauschaltourismus und Reiseführern zu bieten hat.

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