Zentralafrika

Joseph Conrad         “Herz der Finsternis”

Marlow, ein arbeitsloser Seemann heuert bei einer belgischen Handelsgesellschaft als Kapitän auf einem Binnengewässer im Kongo an. In der Folge wird kontinuierlich eine zunehmend bedrohliche Atmosphäre aufgebaut von der trostlose Anreise entlang der afrikanischen Küste über den erster Standort an der Flussmündung mit sterbenden Arbeitern und angeketteten Sklaven bis hin zum mühsamen Marsch durch den Urwald zur Zentralstation. Dort stellt sich heraus, dass das Schiff  gesunken ist und  in monatelanger Arbeit erst repariert werden muss.Dann bricht man auf, wird mit Pfeilen beschossen und erreicht endlich das Lager von Kurtz,dem erfolgreichsten Agenten bei der Ausbeutung der Menschen, der riesige Mengen Elfenbein angehäuft hat. In Kurtz war „die Wildnis eingedrungen und hatte seine Seele an sich gekettet“. Er hatte den Vorsitz bei nächtlichen Initiationsriten der Eingeborenen übernommen und wurde von ihnen wie ein Gott verehrt. Todkrank wird er an Bord gebracht und stirbt dort mit den Worten „Das Grauen, das Grauen“. Zuvor hat er Marlow ein Bündel privater Papiere übergeben. Zurück in London übergibt er diese seiner Freundin, die ihn vergöttert und tröstet sie mit der Mitteilung seine letzten Worte wären ihr Name gewesen.

Diese autobiographisch inspirierte Erzählung – 1890 unternahm Conrad eine Fahrt in den Kongo auf der er schwer erkrankte und fast gestorben wäre – ist eine Reise in das Herz unserer ungebändigten Triebe an deren Endpunkt die sinnlich aufgeladene Urmutter steht und Kurtz, der skrupellose Egoist, verkörpert die Mächte der Finsternis. Ob Conrad sich hier explizit mit dem Kolonialismus auseinandersetzt ist bei Literaturwissenschaftlern umstritten. Die Einwohner des Kongo werden Neger, Schwarze, Wilde, Feinde und Kannibalen bezeichnet und Marlow=Conrad fragr sich warum die zahlenmäßig überlegenen Kannibalen sie nicht fressen. Die Schwarzen „heulten und hüpften und schnitten grausliche Gesichter“ und die Vorstellung an eine „entfernte Verwandtschaft“ ist erschreckend. Andererseits äußert er Kritik an der Sklaverei und dem Verhalten der Weißen, die als als faule, unfähige, korrupte, geldgierige und grausame Menschen geschildert werden. Die Mitreisenden sind Pilger des hemmungslosen Fortschritts und Gewinnstrebens, Sinnbild des Kolonialismus.

Erzählt wird eine Geschichte in der Geschichte, die immer wieder  zur Ausgangssituation auf dem Boot in der Themse zurückkehrt. Eine Erzählung mit zwei Ebenen, einerseits sehr real, andererseits aus dem Unterbewussten kommend, beginnend  mit einem auktorialem Erzähler, der dann in einen Icherzähler wechselt. Überzeugend sind die guten und psychologisch einfühlsamen Personenbeschreibungun die detaillierten und poetischen Naturbeschreibungen. Auch im postkolonialen Zeitalter ein immer noch spannend zu lesendes Buch.

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T.C. Boyle                  “Wassermusik”

Erzählt wird die Geschichte des jungen  Mungo Parks , der sich in Begleitug eines ehemaligen Sklaven im 18. Jahrhundert von London aus auf zwei Reisen nach Afrika auf dem Niger begibt. Auf der ersten Reise sind die beiden auf einem lahmen Pferd und einem Esel unterwegs zur Entdeckung des Nigers. Zu Beginn sind sie Gefangene Alis, des Emirs von Ludamar im heutigen Mali/Mauretanien. Ein Fluchtversuch scheitert. Die Rettung ist Fatima, die übergewichtige Frau des Emirs, die Mungo in ihr Herz geschlossen hat. Bis sie am 22.12.1797 wieder zurückkehren, haben sie noch zahlreiche weitere Abenteuer zu bestehen. Parallel hierzu wird die Geschichte seiner Verlobten Ailie erzählt, die in London auf ihn wartet und von Heiratsanwärten bedrängt wird. Mungo wird in Londons high society von einer Party zur nächsten gereicht und soll einen Bericht über seine Reise verfassen. Dann gibt es noch den Kleinkriminellen Ned Rise, Sohn einer Säuferin der vom Stiefvater verstümmelt und zum Betteln auf die Straße geschickt wird, wo er von einem Musiker adoptiert wird, bei dem er lebt, bis dieser bei einem Duell getötet wird. Derweil lngweilt sich der inzwischen 33 jährige Mungo Parks in London und bricht im Auftrag der Regierung erneut auf, um den Niger zu erforschen. Der Beginn der Expedition steht unter einem unglücklichen Stern. Es findet sich kein Eingeborener, der die Truppe als Träger und Führer begleiteten will. Das Risiko ist ihnen zu hoch. Am Abend vor der Abreise kommt es zum Bruch mit Johnson, der sich weigert mit zu kommen und ihn bittet, bleiben zu dürfen, da er seinen sicheren Tod voraussieht, was sich bewahrheiten soll.

Ein allwissender Erzähler erzählt auführlich in bilderreicher, farbiger und teils derber Sprache. Das Leben in London im 18. Jahrhundert wird sehr gut beschrieben. Ortswechsel zwischen Afrika und London. Ironische Spannung zwischen dem Anspruch des unbedarften „heiligen Narren“ Mungo Park als „Entdeckungsreisender“und  „großer weißer Held“ und der harten Wirklichkeit, die er nur mit der Hilfe des „eingeborenen Sklaven“ Johnson meistern kann. Ein Buch, das auch für Jugendliche gur geeignet ist.

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Marie NDiaye           “Drei starke Frauen”

Dies ist ein Episodenroman in drei Teilen, die vordergründig nicht miteinander verbunden sind. Gemeinsam ist ihnen, dass es sich um Geschichten der Migration an den Nahtstellen zweier Kulturen handelt.  Es geht um das Ankommen in – und Zurückkommen aus einer anderen Kultur. Eine Frau bricht nach Europa auf, eine zweite kommt von dort zurück und die dritte bleibt dort.

Im ersten Teil geht es um die Wiederbegegnung einer Tochter mit ihrem Vater, die er zu sich nach Afrika zurückgerufen hat. Der Vater hat vor langer Zeit seine französische Ehefrau verlassen und seinen damals fünfjährigen Sohn Sony mitgenommen. Seine zwei Töchter hat er zurückgelassen, weil sie Mädchen und nicht weiß waren. Erzählt wird aus Sicht der Frau mit einer Neigung zu langen Schachtelsätzen. Der Text lebt vom Gegensatz der Erinnerung an die Vergangenheit und der Wirklichkeit, von Wahrheit und Fiktion. Er bezieht den Konfliktstoff aus der Verbindung unterschiedlicher Kulturkreise. Der zweite Teil schildert ein Leben im Rückblick als inneren Monolog eines Ehemannes, dessen Leben ist eine Häufung von Katastrophen ist. An einem Arbeitstag wird ein Leben rekapituliert. Gekonnte Verschränkung von Alltag und Reflexion. Eine subtile psychologische Studie. Im dritten Teil erzählt die Autorin die Geschichte von  Khady, deren Mann vor drei Jahre nach ihrer Hochzeit plötzlich gestorben ist, ohne dass sie schwanger geworden wäre. Ihr ganzes Eheleben war auf den Eintritt einer Schwangerschaft fixiert. Sie zieht in das Haus ihrer Schwiegereltern, leidet unter ihnen und den Schwägerinnen. Ohne Kinder hat sie keine Rechte und wird aus dem Haus gewiesen. Sie soll zu einer Verwandten in Frankreich gehen und die Familie von dort finanziell unterstützen.Die Flucht endet an einem Grenzzaun am Rande Europas und der mit einer selbst gebauten Leiter überwunden werden soll.Hier oben, an der Grenze zum vermeintlichen Paradies wird sie im strahlenden Scheinwerferlicht erschossen.

Die drei nur locker mit einander verbundenen Teile sind wortgewaltig und eindrucksvoll erzählt und voller Symbolik. Eine reine Lesefreude.

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