Südafrika

J.M. Coetzee       „Schande“

David, ein 52 jähriger Professor für Kommunikationswissenschaft und Byron Fachmann, zweimal geschieden, eine Tochter, leistet sich einmal wöchentlich ein Prostituierte und ist mit seinem bescheidenen Leben zufrieden. Seine Ehefrauen hat er immer betrogen, aber jetzt ist er alt und unattraktiv geworden. Er langweilt sich und beginnt eine Affäre mit Melanie, einer seiner Studentinnen, die in einer Katastrophe endet. Er wird angezeigt und   kommt vor dem Untersuchungsausschuss der Universität. Dort bekennt er sich schuldig und zeigt keine Reue, will keine Milde. Er beruft sich „auf das Recht zu begehren“ und vergleicht sein Begehren mit dem Instinkt eines Hundes. Alle Brücken, die ihm zu einem milden Urteil gebaut werden, lehnt er ab. Er wird wegen der „Schande“ von der Uni verwiesen. Er verlässt  sein altes Leben und fährt zu seiner zwanzigjährigen lesbischen Tochter Lucy aus erster Ehe, die allein eine abgelegene Farm bewirtschaftet und dort eine Hundepension betreibt. Dort freundet er sich mit einer alten einsamen Hündin an und hilft in der Tierklinik.

Das Leben ändert sich dramatisch als sie von drei Männern überfallen und beraubt werden. Lucy wird vergewaltigt, worüber sie aber schweigen will, ihr Vater soll der Polizei nur berichten, was ihm zugestoßen ist. Sie verschweigt der Polizei gegenüber die Vergewaltigung weil der Ort an dem sie passierte Südafrika ist. Sie zieht sich wegen der „Schande“ immer mehr zurück, ihr Vater dagegen will Rache und beschuldigt Petrus den Verwalter der Farm beteiligt gewesen zu sein. Lucy weigert sich die Farm zu verlassen. Sie glaubt sie zahlt mit der Vergewaltigung für eine Schuld und dafür, dass sie bleiben darf. Ihr Vater hingegen verlässt die Farm und kehrt erst zurück als Lucy schwanger ist und Petrus ihr einen Heiratsantrag macht und sie willigt ein. Petrus bekommt die Farm und sie den Schutz seiner Leute. Es ist demütigend, aber für sie der einzige Ausweg.

Dies ist ein vielschichtiges, beklemmendes, irritierendes Buch, das viele Fragen offen lässt, in dessen Zentrum ein Vater – Tochter Konflikt steht. So fragt sich der Leser:

  • Warum lehnt David jede Hilfe ab und beharrt darauf sich schuldig zu bekennen?
  • Welche symbolischen Hinweise gibt Davids Beschäftigung mit Byron?
  • Die Rasse und Hautfarbe der Vergewaltiger wird nicht erwähnt, welche haben wir automatisch vermutet?
  • Welche Rolle spielt Petrus in dem Buch?
  • Warum verschweigt Lucy die Vergewaltigung vor der Polizei? Ist sie überhaupt vergewaltigt worden?
  • Wessen Position können wir besser akzeptieren, die von Lucy oder David?

Dieses großartig geschriebene Buch mit offenem Ende lädt den Leser ein, sich diesen Fragen zu stellen und eigene Entscheidungen zu treffen.

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Nadine Gordimer       „Die Hauswaffe“

Duncan, Sohn wohlhabender Eltern, ermordet einen Freund, Carl Jespersen, den er zusammen mit seiner Freundin Natalie beim Sex überrascht. Er wurde gesehen, wie er aus dem Haus kam und etwas fallen ließ. Die Polizei fand im Gras eine Pistole, die „Hauswaffe“. Sein Vater Harald, Vorsitzender einer Versicherung und die Mutter Claudia, Ärztin in einer Klinik, sind ratlos. Es folgen Gefängnis und Gerichtsverhandlung. Die Eltern sind in Angst gefangen, denn die Todesstrafe ist in Südafrika zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschafft.In diesem ersten Teil des Buches berichtet eines allwissenden Erzählers über die die Vorfälle aus Sicht der Eltern, über die Auswirkungen auf ihr Alltagsleben und ihre Psyche, über die zunehmenden Spannungen zwischen ihnen. Sie sind nun gezwungen auch ihre eigene Beziehung zu hinterfragen. Sie erleben die soziale Ausgrenzung, aber auch wieder größere Nähe miteinander. Auch das Verhältnis zu ihrem Sohn und dessen Erziehung wird hinterfragt und damit auch ihr Anteil an der Tat. Auch sie sind zu Schuldigen geworden.

Im zweiten Teil erfahren wir von der Tat aus der Sicht von Duncan und von der Gerichtsverhandlung. Man hat das Gefühl, dass weder die Einschätzung des Verteidigers noch die des Staatsanwaltes die wahren Vorgänge im Innern von Duncan triffen. Es folgt die sehr ausführliche und differenzierte Urteilsbegründung des Richters, der Duncan unter Berücksichtigung mildernder Umstände für schuldig erklärt und ihn zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt.

Stilistisch werden und die Ereignisse in knappen, lakonischen Sätzen vermittelt. Dialoge werden vom Erzähler in der Rückschau oder der dritten Person wiedergegeben.Inhaltlich ist es die psychologische Analyse eines Mordes aus Sicht des Mörders, seiner Eltern und des Verteidigers. Ist dies ein Krimi? Definitiv nicht! Das Buch bietet keine Spannung, hat keine überraschenden Wendungen, Opfer und Täter sind von Beginn an bekannt und der Tatablauf spätestens ab Teil zwei.  Lediglich Duncans wirkliches Motiv bleibt unklar. Es ist ein Eisbergmotiv nur die Spitze ist sichtbar, der größere Teil bleibt im Dunkeln. Das Buch ist ist eher eine psychologische Studie über das Verhältnis zwischen Sohn und Eltern, der Eltern untereinander und über das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in Südafrika. Es ist langatmig und ohne Spannung. Die Charaktere sind schwach gezeichnet und bleiben farblos. Insbesondere Duncan und Natalie gewinnen keinerlei Profil.

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Zakes Mda       „Die Madonna von Exelsior“

Erzählt wird die Geschichte von Niki, der schwarzen Mutter einer hellhäutigen Tochter Popi mit blauen Augen und ihrm Brude Viliki. Vor 35 Jahren ist Niki von einem Farmer vergewaltigt worden, hat den Goldminenarbeiter Pule geheiratet und mit einem weißen Metzgermeister geschlafen um sich an seiner Frau zu rächen. Das Ergebnis ist das blonde Mädchen Püppchen=Popi. Den weißen Männern wird der Prozess gemacht, aber Schuld an allem ist der Teufel, der rechtschaffene Bürger in Gestalt schwarzer Frauen verführt hat.

Im zweiten Teil 1990 ist Popi 18 und ihr Bruder Viliki 22 Jahr alt. Popi schließt sich den Methodisten und  der Oppositionsbewegung an und wird als Schwarze in den Gemeinderat gewählt, gemeinsam mit ihrem Bruder Viliki, der zum Bürgermeister gewählt wird. Sie vertreten aber häufig gegensätzliche Positionen, er rechte, sie linke. Es kommt zum Streit um die Besitznahme von Land durch die arme schwarze Bevölkerung. Viliki verfügt den Abriss der Siedlung und gerät in die Kritik und wird als Bürgermeister abgesetzt. Popi verliebt sich in die Kunstbände der Bücherei und muss zunehmend auf Beerdigungen von AIDS Opfern singen. Das Leben ändert sich für beide: Viliki zieht durch das Land, musiziert und fühlt sich zum ersten Mal frei. Popi sucht sich Arbeit bei der Kirschenernte. Alle gewinnen eine innere Freiheit und können sich akzeptieren wie sie sind.

Erzählt wird auktorial in der Wirform, es sind die schwarzen Bürger von Excelsior. Die Autorin hat eine farbige, bildreiche Sprache mit ausdrucksstarken Landschaftsbeschreibungen, wie farbig gemalte Bilder. Die Zeit der Apartheid wird lebendig und wir erfahren viel über das Land, die Menschen und ihre Lebensumstände, z.B. den Drang der Frauen nach Cremes zur Hautaufhellung. Popi ist Symbol für das neue Südafrika, die Symbiose von Schwarz und Weiß. Die Stärke des Buches ist seine Authentizität. auf der anderen Seite ufert das Buch zum Ende hin zunehmend aus und verliert an Kontur. Trotzdem lesenswert, da der Leser viel über Südafrika erfährt.

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Bessie Head       „Maru“

Botswana

Margaret Cadmore, die Frau eines englischen Missionars, nimmt das Neugeborene einer Masarwa-Buschmann Frau auf, die bei der Geburt des Kindes gestorben ist, gibt ihr den Namen Margaret und zieht es auf, unterrichtet es als „ihr Experiment“. Das Mädchen wird eine gute Schülerin und später Lehrerin. Ihre erste Stelle bekommt sie in dem abgelegenen Dorf Dilepe. Dort triftt sie auf die engen Freund Moleka und Maru, beides Söhne von Clanchiefs, der eine ein Draufgänger, und Schürzenjäger, der andere sensibel und ernsthaft. Und Margeret findet in Dikeledi, der Tochter eines Chiefs und der Schwester Marus, eine Freundin mit der sie die gleichen Gefühle teilt. Unter diesen vier jungen Menschen entwickelt sich in der Folge ein Kampf um Zuneigung, Gefühle und Heirat, deren Ausgang hier nicht verraten werden soll.

Ein Buch, das den Leser in die Welt der Eingeborenen von Botswana zum Stamm der San, den ersten Bewohnern Afrikas, führt. Die Handlung ist einfach strukturiert, aber man spürt in der Erzählung den Atem Afrikas mit seinem Zauber und Aberglauben. Sprachlich wechselt der Text zwischen holprigen und einfachen Passagen und blumig-pathetischen, schwülstigen Beschreibungen. Die Bilder sind einfach und nicht immer gelungen, wie auch die Übersetzung. Zu loben ist der Verlag, der uns Literatur aus diesem Land zugänglich macht.

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