Nordafrika

Driss Chraibi       “Ermittlungen im Landesinneren”

Marokko

An einem heißen Julitag treffen ein Polizeichef und sein Inspektor in einem kleinen Dorf im Atlasgebirge ein. Sie sind in geheimer Mission unterwegs. Der Polizeichef und sein Inspektor Ali bilden ein klassisches literarisches Paar, ähnlich Sherlock Holmes und Dr. Watson, Dick und Doof, Pat und Pattachon, Don Camillo und Peppone, Don Quichotte und Sancho Pansa. Das Verhör – über was erfährt man zunächst nicht – soll beginnen, aber alle relevanten Dorfbewohner sind verschwunden. Der Rest stellt sich dumm. Die Ermittlungen stocken, es ist heiß und der Chef ist erschöpft. Er überträgt Ali die weiteren Ermittlungen, die dieser nun mit eigenen Metoden weiter führt, was zu unerwarteten Ergebnisse, auch für ihn, führt.

Der Chef will alle Probleme mit autoritärer Gewalt lösen. Er ist für Ali das, was der Staat für das Volk sein will, ein fürsorglicher Vater. Staat und Gesetz sollen den Bergbewohnern Angst einflößen. Da sie das Gesetz gar nicht und den Staat nur als Steuereintreiber kennen, haben sie aber keine Angst. Inspektor Ali kommt aus einfachen Verhältnissen und kennt das Verhalten und die Rituale der Bergbewohner. Er hat sich seine Bauernschläue bewahrt und kann mit den Dorfbewohnern in einer ihnen gewohnten Form kommunizieren. Die moderne Kultur und die Staatsgewalt trifft auf eine alte Stammeskultur an der sie letztlich scheitert. Die nomadischen Bauern müssen immer weiter in die Berge ausweichen, da der Staat ihnen auch die letzten Lebensgrundlagen, ihre Tiere als Steuer wegnimmt.

Dies ist ein archaisches, hintergründiges und poetisches Buch mit viel humorvollen Dialogen, erzählt in der blumigen Sprache der Araber. Es reflektiert die Situation der Berberstämme in Marokko, die aus der fruchtbaren Ebene immer höher in die Berge abgedrängt wurden und  zunehmend verarmen nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern auf eine amüsante, humorvolle Weise.

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Tahar Ben Jelloun         “Verlassen”

Marokko

Dies ist die Geschichte von Azel, der allabendlich im Café in Tanger sitzt, Haschisch raucht und sehnsuchtsvoll die Lichter von Tarifa an der spanischen Küste betrachtet. Er hat Jura studiert und keine Arbeit. Sein Vater, Zementarbeiter, ist früh bei einem Unfall gestorben. Seine Mutter Lalla Zohra ist Analphabetin und hält die Familie mit Schmuggel über Wasser. Seine Schwester Kenza arbeitet als Krankenschwester und unterstützt ihn finanziell. Sein einziger Wunsch ist es, das Land Richtung Spanien zu verlassen, obwohl sein Vetter sei der Überfahrt bereits ertrunken ist.

Seine Bekannten in Marokko gehören überwiegend dem kriminellen Milieu an. Seine Freundin Siham, der einzige Mensch, den er liebt prostituiert sich, um zu überleben und die kleine Nachbarin Malika muss Krabben pulen, anstatt zur Schule zu gehen. Der schwule Künstler Miguel mit besten Beziehungen zum Hof, der in Marokko und Spanien lebt hilft ihm , als er von der Polizei verhaftet und vergewaltigt wird und besorgt ihm ein spanisches Visum und eine Aufenthaltsgenehmigung. Sein Traum wird wahr und er kann Marokko verlassen.

Als Preis muss er in Spanien im Haushalt von Miguel arbeiten und wird zu seinem Geliebten. Auch seine Freundin Siham hat Arbeit in Marbella gefunden, wo sie das behinderte Kind einer saudischen Familie pflegt. Aber schon bald leidet er unter der Verachtung der Spanier für die geflohenen Marokkaner, den Moros. Dann setzt Miguel  Azel, der ihn hintergeht und Geld stiehlt auf die Straße und er landet bei einer marokkanischen Gruppe, die sich als Kleinkriminelle durchschlagen. Betrunken wird er von der Polizei aufgegriffen und  ist wieder dort angekommen, wo er zu Beginn des Buches in Marokko  war. Die Polizei akquiriert ihn als Spitzel für muslimische Fundamentalisten, was für ihn tödlich endet. Im Sarg kehrt er wieder zurück nach Marokko

In blumig ausschweifender Sprache gibt der Autor dem Leser eine sehr realistische Beschreibung davon, welchen Preis die Emigranten für die Flucht in den Westen zu zahlen haben und welchen Erniedrigungen sie ausgesetzt sind. Das Leben im Exil ist auch nicht besser, als das in der Heimat. Ein sehr aktuelles Thema, das spannend und unterhaltsam erzählt wird und er verkneift sich auch nicht den Hinweis, dass früher die Spanier vor Franco nach Marokko geflohen sind. Lesenswert!

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Boualem Sansal      “Das Dorf des Deutschen”

Algerien

Malrich Schiller erzählt seine Lebensgeschichte, die seines Bruders Rachel und die seiner Eltern anhand ihrer Tagebücher. Die Mutter ist Algiererin, der Vater Deutscher, der sich 1963 fünfundvierzig jährig  im kleinen Dorf Ayn Deb niederläßt und die 18 jährige Ayscha, die Tochter des Scheichs, heiratet. Ihre  Söhne werden beide in Algerien geboren. Beide emigrieren nach Frankreich. Dort erfährt Rachel  aus dem Fernsehen vom Tod seiner Eltern, die von islamistischen Fundamentalisten mit Duldung des Militärs ermordet wurden und auf der Opferliste nur verschlüsselt erscheinen. Er reist zurück in das Dorf seiner Jugend in dem sein Vater verehrt und seine Mutter als Selige angesehen wurde. Von dort kommt er verändert zurück. Aus dem Archiv seines Vaters erfährt er von  dessen NS Vergangenheit und von seiner Arbeit für den algerischen Widerstand . Er ist „der Sohn eines Kriegsverbrechers“ , der „Spross eines Ungeheuers“ begibt sich, wie in einer „Zwangsjacke“, auf die Spurensuche seines Vaters in Deutschland. Über Hamburg nach Uelzen, der Geburtsstadt des Vaters, der der SS angehörte, mit 19 Jahren zur Gestapo ging und in Konzentrationslagern eingesetzt war und weiter ins Elsass. Er besucht Frankfurt, wo der Vater bei der IG Farben an der Entwicklung von Zyklon B beteiligt war. Das Buch endet mit einem Höhepunkt des Grauens, Rachels Besuch in Auschwitz.

Malrich ist 17 Jahre, als sich sein älterer Bruder umbringt. Er lebt in Frankreich im algerischen Emigrantenslum, der Cité, hat wenig Kontakt zu seinem Bruder, den er erst nach dessen Tod in seinem Tagebuch begegnet und zu verstehen versucht. Letztlich fährt auch er zurück in das Heimatdorf nach Algerien, wo er am Grab seiner Eltern zusammenbricht. Nach der Rückkehr führt er ein Gespräch mit dem Imam über die Grausamkeiten der Islamisten, die er mit denen der Nazis vergleicht und denen er nun den Krieg erklärt.

Dies ist ein Roman, der sich aus zwei Tagebüchern mit zwei Icherzählern speist, die in unterschiedlicher Schrift und Sprache berichten. Malrich spricht die Straßensprache eines Jugendlichen und schildert das Leben in den Vorstädten von Paris, während Rachel eine gebildete akademische Sprache hat. Malrich spricht die Straßensprache eines Jugendlichen und schildert das Leben in den Vorstädten von Paris, während Rachel eine gebildete akademische Sprache hat. Rachel fragt sich ob die Söhne verantwortlich für die Handlungen ihrer Väter sind , oder ob sie befürchten aufgrund ihrer Veranlagung zu werden wie diese. Er stirbt einen Stellvertretertod. Auf der anderen Seite schildert Malrich uns die Probleme der algerischen Migranten in Frankreich in der Cité und den  Banlieus und ihreUnterwanderung mit Fundamentalisten.

Dies ist ein eindrucksvolles Buch, das den Leser betroffen und nachdenklich zurück lässt. Es ist ein Buch gegen Fanatismus und Fundamentalismus, das uns  auffordert  uns einzumischen und zu wehren, denn „..es ist nicht der Mektoub (das Schicksal), wir sind das Problem“.

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Assia Djebar      “Das verlorene Wort”

Algerien

Der Roman beschäftigt sich in drei Teilen mit der Zeit des Algerienkrieges 1954-1962 und des nach der Unabhängigkeit folgenden Bürgerkrieges der ca. 1990 begann und bis heute andauert.

Berkane kehrt nach 20 Jahren aus Frankreich in sein Heimatland Algerien zurück und bezieht ein von seinem Vater geerbtes Ferienhaus am Meer. Dort beginnt er die Orte seiner Kindheit mit der Kamera neu zu entdecken. Er blickt zurück auf seine Jugendjahre 1960 in Algier. Vater und Bruder sind von den Franzosen verhaftet worden. Er wird fast der Schule verwiesen, weil er ein Bild mit algerischer Flagge gemalt hat. Er beteiligt sich am Aufstand in der Kasbah von Algier. 1961 wird er ebenfalls verhaftet und gefoltert.

Im Haus seines Bruders begegnet er Nadjia, die aus Oran stammt und in Frankreich lebt. Für drei Nächte  werden sie ein Liebespaar. Sie erzählt sie ihm die Geschichte ihrer Familie. Der Großvater wurde am 10.10.1957 von der FLN umgebracht und sie warnt ihn eindrücklich vor den Fundamentalisten. 

Im dritten Teil ist Berkane ist auf der Fahrt zum Ort seiner damaligen Gefangenschaft, dem “Marschallscamp” auf einer Strasse in der Kabylei verschollen. Sein Bruder Driss, der als Redakteur bei einer Zeitung arbeitet hat Todesdrohungen der Hisbollah erhalten. Seine Freundin Marise reist nach Algerien um ihn zu suchen, ohne Erfolg. Das Einzige, was ihr von ihm bleibt sind die Briefe, die Berkane an sie geschrieben, aber nie abgeschickt hat.

Dies ist ein poetischer und zugleich politischer Roman über die Vergangenheit und Gegenwart Algeriens erzählt auf unterschiedlichen Zeitebenen und aus verschiedenen Erzählperspektiven. Wechsel zwischen Icherzähler (Gegenwart 1990) und allwissendem Erzähler (Vergangenheit). Tagebucheinträge, Briefe und Erinnerungen sind  Teile eines Puzzles, das zu einem Lebensbild Berkanes zusammen gefügt wird. Sprachlich dient der arabische Dialekt als Sprache der Liebe und der Jugend, das Französisch als Sprache der Besatzer und Bürokraten. Die  Autorin beschreibt einfühlsam eine Männerwelt und die Heimatlosigkeit der Emigranten.

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Ibrahim al-Koni      “Das Herrscherkleid”

Libyen

Dies ist die Geschichte von Assanij, dem vom Führer ein Herrscherkleid mit dem Hinweis “Das Gewand feit die Guten gegen das Böse, aber die Bösen auch gegen das Gute“ überbracht wurde. Er liebt dieses Gewand über Gebühr, mehr als den Geber und träumt, dass es mit seiner Haut verwachsen ist. Einige Zeit später erscheint der Bote des Führers erneut um Assanaj mit seinem Fehlverhalten, wie Mord und Vergewaltigung zu konfrontieren und ihm das Herrscherkleid wieder abzunehmen. Als er erneut erscheint behauptet Assanaj der Führer sei nur eine Erfindung des Boten, e nimmt ihn gefangen und ermordet seine Helfer. Beim Treffen des Dorfrates ist ein Fremder ist anwesend, der vom gefangenen Boten als Satan bezeichnet wird. Assanaj erkrankt, magert ab und leidet an einem, vom Herrscherkleid hervorgerufenem, zehrenden Hautgeschwür bis er stirbt. Der Baumeister seines Sarkophages ist der Führer.

Ein handlungsarmes, philosophisches Buch in Form einer Parabel über die Mechanismen der Macht, über diejenigen, die die Wahrheit nicht hören wollen und diejenigen, die sie aussprechen, umbringen lassen. Die Verleihung der Macht ist keine Auszeichnung, sondern eine Prüfung. Große Teile des Buches sind im innerem Monolog und in Dialogen verfasst. Nicht ganz einfach zu lesen und zu verstehen.

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Nagib Machfus      “Die Midaq Gasse”

Ägypten

Beschreibung des Mikrokosmos einer einzigen Gasse in Kairo. Die Besucher des Kaffeehauses, der Bäcker, der regelmäßig von seiner Frau verprügelt wird, der Friseur, der sich in ein junges Mädchen verliebt und zum Militär geht um Geld zu verdienen, der Bonbonverkäufer, der sein Leichentuch versetzen will, der Zahnarzt, der den Leichen nachts die Gebisse klaut, die Bettler und Frommen der Gasse, die Kupplerin und die Hausbesitzerin, die wieder heiraten möchte und sich dafür ein goldenes Leichengebiss einsetzen lässt, das junge Mädchen auf der Suche nach einem reichen Mann.

Man erfährt wie Wahlen manipuliert werden. Gewählt wird, wer am meisten verspricht und zahlt. Wie die Zuhälter junge Mädchen als Prostituierte für englische Soldaten abrichten und wie die Unterwelt nach Mitternacht Gesunde zu Bettlern macht,  von ihren Einnahmen die Hälfte kassiert. Die vortrefflichste Eigenschaft der Gasse aber ist es, vergessen zu können. Das Leben geht weiter!

Anhand des Mikrokosmos einer Gasse in Kairo werden uns die Lebensprobleme, Wünsche und Begierden aller Menschen vorgeführt, der Einzelne steht für alle, pars pro toto. Erzählt wird unterhaltsam mit einfachen Worten, etwas holzschnitzartig bis kitschig, Gut und Böse sind klar zugeordnet. So, wie im Buch beschrieben, hat sich der Leser den Orient schon immer vorgestellt. Zur Erinnerung: 1947, als dieses Buch geschrieben wurde, hatte die Gruppe 47 hatte ihr erstes Treffen. Paul Celan veröffentlichte die “Todesfuge”, Thomas Mann “Dr. Faustus” und Heinrich Böll seine ersten Kurzgeschichten.

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Chalid al-Chamissi      “Im Taxi”

Ägypten

Episodisch und anekdotisch beschreibt uns der Autor den Alltag in Ägypten aus der Sicht eines Taxifahrers. 2007  in Ägypten erschienen, war es dort ein Bestseller, weil es die Nöte der Menschen aufgriff. Der Taxifahrer Abu Fadhl, repräsentiert Stimme des Volkes. Durch die diversen beschriebenen Episoden bekommen der Leser einen guten Eindruck vom Leben und den Problemen der Ägypter. Darunter sind auch durchaus prophetische Episoden, wie der Wunsch, dass die Muslimbrüdern an die Macht kommen.

Literarisch ist das Buch schlicht, da es die Sprache des Volkes wieder gibt. Der Erzähler selbst ist der wohlhabende Kunde Ibn Hischam, dessen Kinder ein College besuchen. Man kann diesen Episodenroman als Vorspiel zur ägyptischen Revolution lesen.

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Miral al-Tahawi      “Die blaue Aubergine”

Ägypten

Erzählt wird in drei Teilen die Geschichte der Ägypterin Nada. Der erste Teil schildert ihre Kindheit als Tochter einer wohlhabenden Familie. Die Mutter Nariman lehnt das Kind ab, der Vater liebt sie. Sie ist wild und hässlich und in der Schule nicht die Beste. Im zweiten Teil ist sie in der Pubertät in einem Internat der Uni. Vier Jahre lang träumt sie dort von Männern und zieht sich immer mehr zurück und wird schließlich religiös. Das Gegenteil ist ihre emanzipierte Zimmergenossin Safa. Im letzten Teil hat Nada sich verliebt und wird wieder verlassen weil sie ihre Unschuld, religiös indoktriniert, hartnäckig verteidigt hat. Die erste sexuelle Erfahrung hat  in ihr eine Revolution entfacht. Von einer keuschen Muslimin wandelt sie sich zu einer Vorkämpferin der sexuellen Freiheit der Frauen. Sie will sofort heiraten. Jetzt aber zieht sich der Geliebte zurück.

Erzählt wird aus wechselnden Erzählperspektiven Die Icherzählerin, spricht von sich als „die Aubergine“ in der dritten Person und spricht sich selbst als „Du“ an. Dann berichtet wieder ein auktorialer Erzähler Traumgeschichten.  Vorausschauend wird vom Tod ihres Mannes erzählt und in der dritten Person von ihrem Bruder in Form von Briefen und es gibt Geschichten in der Geschichte. Das macht die Handlung verwirrend und unübersichtlich und dem roten Faden ist nur schwer zu folgen. Das Mädchen Nada soll in seiner ganzen inneren Zerrissenheit geschildert werden was es für den Leser zu einer mühsamen Lektüre macht.

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