Buchbesprechungen

Buchbesprechungen – Literaturkritik

Pavel Kohout         „Die lange Welle hinterm Kiel“

Zwei ungleiche Paare , die den weiteren Verlauf schon erahnen lassen, betreten ein Kreuzfahrtschiff. Zwei junge Menschen nach einem Verlust, Sylva, die verlassenen wurde und  sich umbringen will, und Siegfried, ein Studienabbrecher und Exjunkie. Dazu zwei Alte, Prof. Martin Burian und Margarete Kämmerer, die ein gemeinsames Schicksal verbindet. Daraus entwickelt sich eine überaus langweilige und vorhersehbare Geschichte , die in schlichter  Sprache und ohne jede stilistische Rafinesse erzählt wird. Es ist Teils unerträglicher Kitsch, voller Banalitäten, Phrasen und Plattitüden, ein Ein literarisches Leichtgewicht auf dem Niveau eines Groschenromans oder wie ein Kritiker schrieb die lange Weile hinter dem Kiel. Die handelnden Personen entsprechen Klischees und werden für den Leser nicht lebendig. Diesen beschleicht zunehmend das Gefühl, dass Kohout hier lediglich ein leicht überarbeitetes Drehbuch seines gleichnamigen Films veröffentlicht hat.

Da reicht es nicht mal zu einem roten Herz.

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Bohumil Hrabal   „Ich habe den englischen König bedient“

Der fünfzehn jährige Jan Dítě  beginnt seine Ausbildung als Pikkolo im Hotel Goldenes Prag und begreift sehr schnell: Geld regiert die Welt. Mit neuem Frack wechselt Jan in das edle Hotel Tichota in der Provinz, mit einem Chef im Rollstuhl, der mit einer Trillerpfeife sein Personal kommandiert. Ein surreales Hotel, in dem täglich alles vorbereitet wird für nur selten erscheinende reiche und prominente Gäste, die dort Orgien feiern und nebenbei ihre Geschäfte abwickeln. Er lernt dort:  nicht Arbeit, sondern Reichtum macht glücklich. Seine nächste Station ist das Hotel Paris in Prag, wo ihn der Oberkellner Skrivanek ins Herz schließt und er zum Platzkellner aufsteigt. Von ihm, der schon den englischen König bedient hat, lernt er die Gäste richtig einzuschätzen und die Fräuleins im Chambre sépareé genauer kennen. Hier lernt er, dass Kleider Leute machen und er kleidet sich neu ein. Damit serviert zum Festmahl Haile Selassie gefülltes und geröstetes Kamel und erhält dafür einen abessinischen Orden.

Sein Schicksal wendet sich, als er Lisa, ein deutsch-nationales Mädchen aus Eger kennenlernt. Seine nächste Station ist ein Nazi Hotel in den Bergen bei Tetschen in das Lisa ihn führt, das sich als Zuchtstation der edlen deutsche Rasse mittels nationalsozialistischem Beischlaf entpuppt. Angegliedert ist eine Gebärstation für den neuen deutschen Menschen. Hier lernt er, dass man nicht von großer Statur sein, sondern sich groß fühlen muss. Nach positiver rassenhygienischer Untersuchung, heiratet er Lisa, nur mit Zeugung ihres neuen deutschen Kindes will es nicht klappen, bis Söhnchen Siegfried  doch noch geboren wird, der sich als Monster herausstellt. Mit Beginn des Russlandfeldzuges wechselt er ins Hotel Körbchen in Böhmen, in dem sich die deutschen Offiziere ein letztes Mal mit ihren Frauen treffen, bevor sie an die Front nach Russland gehen. Dort lernt er, dass die innerlichste Beziehung zwischen zwei Menschen die Stille ist.

Nach Kriegsende erhält er eine kleine Strafe wegen Kollaboration mit dem Feind. Dann baut er sich mit dem Erlös aus einer jüdischen Briefmarkensammlung ein eigenes Hotel am Stadtrand von Prag in einem alten Steinbruch auf. All seine Erkenntnisse fließen darin ein und es  wird einzigartig und berühmt, bis der Kommunismus kommt und er lernen muss, dass es nicht einfach ist Millionär zu sein. Er kehrt nach Prag zurück und  meldet sich als Straßenarbeiter für ein abgelegenen Gebiet. Mit einem Pony, einer Ziege und einem Wolfshund zieht er mit vor Freude gewölbter Brust in die Einsamkeit um am Lebensende zu erkennen: das Wesen des Lebens besteht im ständigen Fragen nach dem Tod.

Den Reiz dieses großartigen Entwicklungsromans  macht die Diskrepanz zwischen schlichter Sprache des Erzählers und den tiefgründigen Inhalt aus. Hintergründiger Humor trifft auf reale Ereignisse. Immer wieder wird das Unglaubliche Wirklichkeit. In jedem Kapitel lernt Jan eine grundsätzliche Wahrheit und erlebt ein aufregendes Abenteuer. In jedem Unglück, das ihn trifft, sieht er das Positive und die Chance zum Neubeginn. Es ist die Geschichte eines Menschen, der es aus einfachen Verhältnissen zu großem Reichtum gelangt, um dann wieder ins einfache Leben zurückzukehren. Eine moderne Fabel, die den Leser beglückt und bereichert.

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Milan Kundera       „Die Identität“  

Ein auktorialer Erzähler berichtet in kurzen Kapiteln über die Beziehung von Chantal und Jean-Marc  und schildert ihre Gefühle wechselweise aus der jeweils anderen Perspektive. Am Beginn des Klimakteriums  reift in Chantal die Erkenntnis: die Männer werden sich nie mehr nach mir umdrehen. Und Jean Marc realisiert, dass er seine Frau nicht mehr erkennt, als er sie, auf der Suche nach ihr, am Strand mit einer anderen verwechselt. Um ihre Beziehung zu beleben beginnt er seiner Frau anonym Liebesbriefe zu schreiben, die ihr zunächst schmeicheln. Als sie den Briefschreiber errät fühlt sich überwacht und in eine Falle gelockt. Die Beziehung scheint endgültig zerstört, beide finden sich nicht mehr, weder real noch emotional. Sie sind in ihrem Konflikt nicht mehr fähig miteinander zu sprechen und erkennen: keine Liebe überlebt die Sprachlosigkeit.

Es wäre kein Buch  von Milan Kundera, würde der Partnerkonflikt nicht auch psychologisch-philosophisch beleuchtet.  So geht es um die Frage der eigenen Identität, um die Bedeutung von Freundschaft  und die  Beständigkeit von Liebe. Freunde braucht man, um sich an seine Vergangenheit zu erinnern,  Liebe in Form von Treue zu einem Menschen existiert nicht und wenn, wäre es ist ein „Liebeszuchthaus“. Und wie  soll man sich sicher sein, dass der Partner immer derjenige bleibt, den man liebt und und wie kann ein abhängiges Ich seine Identität bewahren? Diese Fragen werden behandelt und enden in einer kunstvollen Verschränkung von Realität und Traum in London, wo beide wieder aufeinander treffen. Für Jean-Marc liegt die Identität eines Menschen in seinen Augen und sein letzter Satz lautet: Ich werde den Blick nicht mehr von dir wenden. Ich werde dich immer ansehen.

Diese kleine Novelle ist ein meisterhaftes komponiertes Kammerstück für zwei Personen und das zweite Buch einer Trilogie, das Kundera 1995 in Paris auf Französisch veröffentlicht hat.

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Andrzej Stasiuk      „Hinter der Blechwand“

Das Buch beginnt mit der eindrücklichen Beschreibung einer sterbenden, trostlosen, namenlosen Stadt im Südosten Polens, in die Pawel, der Icherzähler geflohen ist, nachdem sein Leben in Stücke geflogen war und in der er nachts lediglich die erleuchtete Tankstelle sieht, das einzige Zeichen , dass noch Leben existiert. Ein Motiv, das im Buch immer wieder auftaucht. Dort lernt er Wladek kennen, der die nötigen Kontakte hat. Er selbst hat ein klappriges Auto aus dem heraus sie nun gemeinsam Gebrauchtkleidung verkaufen. Zigeuner sind ihre besten Kunden. Man wechselt über verlassene Grenzübergänge von einem im Zerfall begriffenen Land Osteuropas in das nächste. Die Einnahmen reichen gerade zum Überleben, die Ersparnisse noch für sechs Monate und man tröstet sich mit viel Wodka. Eine Pause und Abwechslung bringt nur der von drei tätowierten slowakischen Brüdern betriebene Jahrmarkt mit der schönen und schüchternen Eva an der Kasse des Riesenrads, in die Wladek sich verliebt. Ein neues Geschäftsfeld tut sich auf: Menschenschmuggel. Pawel will nicht mitmachen, bis Wladek im erklärt, dass er mit dem Erlös daraus Eva frei kaufen kann.  Das Buch endet mit einer langen Fahrt  Pawels  im Fiat Ducato von Polen nach Istanbul, wo er Pawel mit der hochschwangeren Eva auf dem Taksim Platz wieder trifft.

Dies ist ein brillant geschriebener road trip durch den wilden Ostens nach dem Zerfall der Sowjetunion, der Iwanunion, Anfang der 90 ziger Jahre. Erzählt wird in Zeitsprüngen und Rückblenden. Mehrere Erzählstränge laufen parallel und zeitlich versetzt auf drei Zeitebenen im Grenzgebiet von Polen-Ukraine-Slowakei und Ungarn ab. Der rote Faden der einzelnen Episoden wird an unterschiedlichen Stellen wieder aufgenommen und weiter erzählt. Ein hoch komplex gebautes Buch. Es ist aber auch ein Buch über Männerfreundschaften, die weit über Geschäftsbeziehungen hinaus gehen. Es ist ein brutaler und poetischer Roman zugleich mit rauem Umgangston in einer trocken, sachlichen Sprache mit viel Ironie und Witz. Lebendig erzählt, spannend, unterhaltsam. Unbedingt lesen!

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Stanisław Lem       „Solaris“                   

Es ist schwierig ein Buch, das dem Genre Science-Fiction angehört zu bewerten, ohne selbst eine Beziehung dazu zu haben. Science fiction  Fans haben mir versichert, dass dies ein großartiges Buch und ein Klassiker dieser Gattung ist.

Worum geht es? Ein Icherzähler, der Psychologe Kris Kelvin, fährt in der Raumkapsel Prometheus 16 Monate zum weit entfernten Planeten Solaris, auf dem es als einziges lebendes Gebilde den „Ozean“ gibt, der Geist und Bewusstsein hat. Etwas stimmt in der Station nicht, es herrscht große Unordnung, der Leiter Gibarian ist gestorben, sein Büro ist verwüstet. Zwei Mitarbeiter sind noch auf der Station: Snaut und Sartorius, der ihm den Zutritt zu seinem Laboratorium verweigert. Seine ehemalige Geliebte Harey, die er in den Selbstmord getrieben hat, erscheint bei ihm im Zimmer. Er schießt sie mit einer Rakete in eine Umlaufbahn um Solaris. Auch die beiden anderen Bewohner von Solaris erhalten ungebetenen Besuch von Wesen die sich ständig regenerieren und immer wieder erscheinen. Verursacher ist metamorphes Plasma in Form des Ozeans. Kris studiert Bücher über Solaristik, die mit pseudowissenschaftlichen Fantasienamen gespickt sind und führt absurd anmutende Experimente durch, um dem Geschehen auf den Grund zu gehen. Letztlich gibt Kelvin Harey ein Schlafmittel und verschwindet durch Destabilisation mittels eines von Sartorius gebauten Annihilators.

Was noch wie ein rätselhafter Krimi beginnt, entfernt sich rasch ins Reich der Fantasie, das mit pseudowissenschaftliche Begriffen, absurden Experimenten und unglaubwürdigen Zusammenhängen angefüllt wird. Was andere großartig fanden, hat mich gelangweilt, wozu auch die ausgiebigen theoretische Erörterungen über Solaristik anhand von aufgefundenen Büchern beigetragen haben. Für Freunde von Science-Fiction sicher lesenswert, alle anderen sollten die Finger davon lassen.


 Artur Becker       „Der Lippenstift meiner Mutter“

Dieser wohl autobiographisch geprägte Roman des auf Deutsch schreibenden Autors Artur Becker ist in der alten Heimat seiner Familie, in Masuren, in den frühen achtziger Jahren angesiedelt. Er erzählt die Geschichte des fünfzehn jährigen Bartek, der eine platonische Liebe zu Meryl Streep unterhält. Mittelpunkt des Romans, Stammtisch des Ortes und Barteks zweite Heimat ist  die Werkstatt des Schusters Lupicki, der eine schöne Tochter und einen behinderten Sohn versorgt. Auch der Mörder Baruch, die Hure Marzena und der Friseur Tschossnek besuchen die Werkstatt regelmäßig.

Daneben gibt es eine umfangreiche und schwer zu durchschauende Verwandtschaft, ein Panoptikum von Figuren mit einem Flickenteppich von Biographien, deren wichtigster Protagonist Opa Franzose ist,  ein Geige spielender gebildeter Büchernarr, ein Reisender und Heimatloser. Als dieser nach langer Abwesenheit zurück ins Dorf kommt, fallen beim sonntäglichen Familienmahl seine drei Töchter über ihn her und halten ein Familiengericht ab, erklären sich dann aber doch bereit, sich um ihre inzwischen aufgetauchte uneheliche Halbschwester zu kümmern.

Der Leser fragt sich am Ende des Buches was Artur Becker eigentlich schreiben wollte, einen Familien- , Heimat- , oder Entwicklungsroman? Leider kann er sich nicht entscheiden und versucht alles zugleich. Eine einfache, schlichte Sprache und die lineare, zeitweise zähe und langatmige Erzählweise und das dümmliche Spiel mit der doppeldeutigen Bezeichnung des „Lippenstifts“ der Mutter nehmen ebenfalls nicht für das Buch ein. Dem Buch fehlen die überraschenden Momente, es fehlt an Spannung. Statt eines auktorialen hätte ein Icherzähler dem Roman gut getan.

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Daniel Odija          „Das Sägewerk“     

Dies ist die Geschichte von Jozef Mysliwskider, der nach dem Zerfall des Kommunismus in Polen  hat hart gearbeitet und mit einer Fuchspelzzucht erfolgreich war, was viele Neider im Dorf hervor ruft. Als die Pelzzucht sich nicht mehr lohnt und es Kredite gibt, errichtet er ein Sägewerk und kauft die Wälder der umliegenden Bauern auf. Er baut ein zu großes eigenes Haus und die Schulden wachsen ihm, auch durch Betrug eines Angestellten, über den Kopf. Verzweifelt und zornig zündet er sein Sägewerk an. Damit beginnt sein Abstieg. Er ist nicht mehr der Chef im Dorf, sondern nur noch ein Sack verfaulter Kartoffeln. Was bleibt ist die Erinnerung an den Vater bis die Polizei ihn wegen Brandstiftung verhaftet.

Es ist aber auch die Geschichte seiner Frau Maria und ihres gemeinsamen Sohn Krzysztof, der versucht sich von der erdrückenden Liebe der Eltern zu befreien und zu einem Scheißkerl wird, der Menschen erschlägt. Und es ist die Geschichte einzelner Dorfbewohner, wie Alek, der nach Amerika geht um sein Glück zu machen, aus Heimweh zurückkehrt und in der Dorfkneipe Zagroda Geschichten aus der Fremde erzählt. Und es ist die Geschichte des korrupten Politikers Pasieka, der  Geld für den Wahlkampf sammelt und  die Bauern gegen Jozef aufstachelt.

Insgesamt ein lesenswertes ein Buch über den Einzug des Kapitalismus in das postkommunistische Polen und wie er das Leben der einfachen Leute verändert. Eine deftige, dem Milieu angepasste Geschichte, erzählt in knappen Sätzen. Eine Zeit bezogene gut beobachtete Milieuschilderung und ein Sittenbild, das leider unter der stellenweise schlechten Übersetzung leidet.

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Olga Tokarczuk    „Der Gesang der Fledermäuse“  

Frau Janina Duszejko, die Icherzählerin dieser Geschichte, war früher Brückenbauingenieurin und lebt seit geraumer Zeit zurückgezogen als Englischlehrerin für die Dorfkinder eines kleinen Ortes im Glatzer Kessel in Schlesien, im Grenzgebiet zu Tschechien. Als fanatische Tierschützerin liegt sie mit der Ortspolizei in Dauerstreit. Interesse hat sie nur an Tieren, die Menschen werden mit wenigen Ausnahmen nur als ihre Peiniger wahrgenommen, bis auf wenige Ausnahmen, Außenseiter wie sie. Ihre sonstige Leidenschaft gilt der Astrologie und den Horoskopen und ihren beiden Mädchen.

Als zunächst ein Wilderer, dann ein Polizeikommissar, der kriminelle Besitzer einer  Fuchsfarm und später auch noch Vorsitzende der Jägervereinigung tot aufgefunden werden und die Leichen jeweils von Tierspuren umgeben sind, ist Janina davon überzeugt, dass die Tiere blutige Rache genommen haben, zumal der Stand der Sterne und die Horoskope auch dafür sprechen. Allerdings ist die Polizei anderer Ansicht. Mehr sei hier nicht verraten.

Was auf den ersten Blick wie ein Krimi daher kommt, erweist sich dann doch als spannungsarme, langatmige Geschichte, die sich nicht recht zwischen Esoterik, Astrologie und Mordkomplott entscheiden kann. Es gibt sehr gelungene Passagen, wie die Persiflage einer Hubertusmesse, in der die Kanzel zum Hochsitz mutiert, aber das Ende ist vorhersehbar und nicht wirklich überraschend. Dies ist vermutlich nicht das stärkste Buch der renommierten Autorin.

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Stefan Chwin          „Der goldene Pelikan“            

Erzählt wird die Lebensgeschichte und der damit einhergehende gesellschaftliche Abstieg des Juraprofessors Jakub.  Zu Beginn mit einem gerafften Rückblick auf seine Jugend, von der Geburt im Haus „Tannheim“ im kriegszerstörten Danzig bis zum gut situierten Leben mit seiner Ehefrau Janka, einer Physiklehrerin.

Der Einstieg in das aktuelle Geschehen beginnt mit einer Aufnahmeprüfung in der juristischen Fakultät. Jakub ist in der Prüfungskommission und verteilt die Noten mit seinem goldenen Pelikanfüller. Ein Mädchen fühlt sich von ihm ungerecht benotet und will ihn sprechen. Er ist abgelenkt und wimmelt sie ab, hält es nicht für sein Problem und sucht Entschuldigungen. Später hört er gesprächsweise, dass das Mädchen sich vielleicht umgebracht hat und diese Mitteilung erteilt ihm eine wichtige Lehre, die er gründlich erforschen sollte und er beschließt, sich etwas in sich selbst umzusehen. Er begibt sich auf die Suche nach dem Mädchen, aber weder die Polizei, noch ein Psychotherapeut oder Pfarrer kann ihm helfen. Auch Esoterik und Fasten erweisen sich als unwirksam auf dem Weg zu sich selbst.

Die Beziehung zwischen Janka und Jakub kühlt sich zunehmend ab.  Als von einem Mann in der Uni ein Messerangriff mit den Worten das ist für meine Tochter auf ihn verübt wird kommt es zu einer zunehmenden Persönlichkeitsveränderung mit der Trennung von Janka und Scheidung. Es folgt eine zunehmende Vereinsamung, Depressionen und sozialer Abstieg, der letztlich auf der Straße endet. Völlig verwahrlost und krank wird er von einer Frau aufgelesen und gesund gepflegt. Nicht unerwartet ist es Nadja, das Mädchen, das er durchs Examen fallen ließ und sich vermeintlich umgebracht hat, das ihn nun aus der Gosse zieht. Das gemeinsame Glück ist aber nur von kurzer Dauer.

Thematisch wird in diesem negativen Entwicklungsroman die alte Frage von Schuld und Sühne bearbeitet. Wirklich überzeugend gelingt Stefan Chwin das allerdings nicht. Sprachlich kommt es eher hölzern daher mit vielen nichtssagenden und banalen Sätzen. Inhaltlich ist Jakubs Selbstfindungsprozess nicht nachvollziehbar und es wird nicht deutlich, was er eigentlich sucht. Die Schlusspointe des Romans, in der Nadja, der Anlass seines sozialen Abstiegs, letztlich zu seiner Retterin wird ist so banal wie vorhersehbar. Ein Buch, das den Leser nicht zu fesseln vermag.

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Joanna Bator          „Sandberg“

Sandberg

Suhrkamp TB, 492 Seiten, 11,99 Euro

Dies ist ein furioser, sprachmächtiger Parforceritt durch vier Generationen. Zentrum der Ereignisse ist die Plattenbausiedlung Piaskowa Gora (Sandberg) in Walbrzych, ehemals Waldenburg in Niederschlesien. Hier wohnt Jadwiga Chmura, genannt Jadzia mit ihrem Mann Stefan und dem gemeinsamen Töchterchen Dominika. Während Jadzia ihrem Putzfimmel nachgeht, träumt sie  von einer Heiratsvermittlung für ihre Tochter an einen deutschen Ehrenmann in der BeErDe und ihr Mann, der alle hochfliegenden Träume inzwischen begraben mußte, wendet sich zunehmend dem Alkohol zu. Derweil entwickelt sich ihre Tochter zu einer mathematisch hochbegabten Zigeunerin auf Spinnenbeinen, die keinerlei Ähnlichkeit mit den Eltern aufweist. Damit kommen die Großeltern in die Geschichte, insbesondere die beiden Großmütter Halina und Zofia. Aber mehr sei hier nicht verraten. Die Geschichte ist so vergnüglich, dass man sie selbst erkunden sollte. Eine nicht unwichtige Rolle spielt auch Onkel Kasimierz, der Scheiße in Geld, in Form gehäkelter Babyausstattung, Geleebonbons, Champignons und Gartenzwergen verwandeln kann.

Angesiedelt ist der Roman in den siebziger Jahren in Polen und eingebettet in einen größeren zeitgeschichtlichen Kontext. Erzählt werden in Zeitsprüngen fragmentarische Erlebnisse der unterschiedlichen Generationen und der Leser erhält auf diese Weise ein authentisches Bild vom Leben der einfachen polnischen Menschen in dieser Zeit, ihrer naiven Religiosität und ihrer Wünsche und Träume. Das alles wird von der Autorin derart farbig, fantasievoll und bildreich in einer mal drastisch-derben, mal bunt schillernden Sprache  erzählt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Schon lange hat mich kein Buch derart gefesselt.

Dies ist ein sprachgewaltiges, autobiographisch inspiriertes Buch, prall gefüllt mit Leben. Vor allem aber ist es ein Buch über starke Frauen, in dem die Männer nur Randfiguren sind. Unbedingt lesen!

Eine Fortsetzung des Romans, die Überwindung der Enge des Sandberges durch ausgiebige Reisen, findet sich in dem 2010 erschienenen Buch „Chmurdalia“, auf Deutsch „Wolkenfern“, 2013 im Suhrkamp Verlag. Wie der Sandberg, wiederum großartig ins Deutsche übertragen von Esther Kinsky.

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Sylwia Chutnik       „Weibskram“     Weibskram

Vliegen Verlag, 192 Seiten, 12,90 Euro

Dieses Buch enthält vier Erzählungen über das Schicksal einfacher Menschen, die nur lose räumlich durch ein Mietshaus in der Opaczewska Straße in Warschau miteinander verknüpft sind,  das allen Unterschlupf bietet.

Als Mania auf die Oberschule gehen soll, bekommt sie von ihrer Mutter zu hören, dass die beste Schule der Markt sei. Also hilft sie ihrer Mutter dort Töpfe zu verkaufen und träumt von einer anderen Welt, die sich zunächst zu verwirklichen scheint: erst Verlobung, dann Hochzeit, aber auch bald wieder die Trennung. Was folgt ist ein permanenter Abstieg über autoagressive Verletzungen, Alkoholismus bis hin zur Pennerin, die im Müll lebt. Die einzige Hoffnung, die ihr bleibt, ist nach einer Fehlgeburt die Imagination eines eigenen Kindes, das sie im Kinderwagen durch die Stadt fährt und dabei zutode kommt. Die Lebensgeschichte eines Mädchens aus dem Prekariat, das im Leben nie eine Chance bekam.

Maria, 82 Jahre, Jüdin, die Meisterin der Krampfadern, sitzt im Wartezimmer einer Ambulanz. Erinnerung an den Warschauer Aufstand 1944 kommen hoch, den sie nur mit Glück überlebt hat. Die Erinnerungen an die Kriegsgräuel lassen sie nicht mehr los. Eine Bombe fiel damals in den Keller und tötet alle Mitbewohner, nur sie und ihr Mutter überlebeten, aber die Mutter nicht lange, beim Versuch ihre Tochter vor der Vergewaltigung durch Soldaten zu schützen, wird sie erschlagen. Marias wahre Krankheit sind nicht die Krampadern, sondern ist der schmerzende Aufstand. Nach dem Krieg wird sie Bibliothekarin mit einer Seele, die keine Ruhe findet. Sie fixiert die Vergangenheit und ignoriert den Alltag. Letztlich steigt sie in den Keller des Hauses, hält Hochzeit mit ihrer Vergangenheit, richtet sich dort unten zum Sterben ein und wartet darauf, dass die Mutter sie wieder zu sich holt.

Herr Marian ist ein lediger Künstler, er kann alles reparieren und fertigt Kunstwerke der Backkunst an, er näht Kleider und bestickt Wandbehänge, er ist ein Weibsmann, äußerlich ein Mann, im Herzen eine Frau und besonders die Frauen lieben ihn dafür und befürchten zugleich, er könne schwul sein. Keiner weiß, dass sein Vater ihn fast totgeschlagen hat, als er statt Mechaniker zu werde, wie der Vater, Konditor wurde. Er selbst wird nur einmal in seinem Leben gewalttätig, als ein Schwuler ihn bedrängt.

In der letzten Erzählung hat die elfjährige Marysia alle Probleme der beginnenden Pubertät.  Immer wieder fährt der Satan in sie. Sie bekommt dann den mörderischen Blick und entwickelt enorme Zerstörungswut. Was ihr fehlt ist eine echte Freundin, die sie auch in einer Punkerin nicht findet. Nachts geht sie in den Keller, um ihre Kindersachen zu zerstören, irrt durch die Stadt und legt Feuer auf dem Markt, womit sich der Bogen zur ersten Erzählung schließt.

Was inhaltlich als düster-trostlose Lebenschicksale imponiert, lebt bei Sylwia Chutnik durch die Sprache. In knappen, dem Milieu angepassten Worten werden bildreich und mit viel Witz und Ironie die Lebensumstände dieser Menschen entworfen. Hinter einem zunächst harmlos daher kommenden Beginn (großartig hier die Beschreibung des Marktes und des Wartezimmers), lauert jeweils eine menschliche  Katastrophe, die uns die Autorin mit eindringlichen Worten unter die Haut impft. Dabei changiert der Inhalt häufig zwischen harter Realität und Persiflage, wie die Beschreibung des Putzwahns der Mutter Manias, die feststellt: Kloputzen ist ein Quell der Ruhe, der vor allem Frauen zugänglich ist. Sylwia Chutnik ist eine fantastische und mitreißende Erzählerin, von der man hoffentlich noch mehr in deutscher Übersetzung zu lesen bekommt. Ein besonderes Lob geht auch an die Übersetzerin, und gleichzeitig Verlegerin dieses Buches, Antje Ritter- Jasinska, der eine großartige Übertragung aus dem Polnischen gelungen ist. Niemand sollte sich vom etwas düsteren Inhalt des Buches abhalten lassen, es ist reiner Lesegenuß!

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Pavel Huelle          „Mercedes-Benz“

dtv TB, 160 Seiten, 9,00 Euro    Mercedes

Der bereits ältere Icherzähler der Geschichte berichtet in einem Brief an den verstorbenen tschechischen Autor Bohumil Hrabal von seinen Erlebnissen als Fahrschüler und den Geschichten, die er dabei seiner Lehrerin Fräulein Ciwle erzählt hat. Diese sind derart anregend, dass die Fahrlehrerin beim Zuhören gelegentlich sogar vergisst den Schüler ans Steuer zu lassen. Die Erlebnisse von Großmutter Maria, Großvater Karol und den diversen Tanten sind einfach zu vergnüglich. Und auch der Leser ist davon gefesselt und amüsiert und liest mit Vergnügen, wie sich, wie aus einer Matrjoschka, ein amüsantes Abenteuer aus dem anderen ergibt.

In einem atemlosen, mitreißenden Erzählfluß, dere wohl seinem Vorbild Hrabal geschuldet ist, berichtet Huelle auf mehreren Zeitebenen von seinen Fahrstunden mit -, und seiner Zuneigung zu seiner Fahrlehrerin, die aber über eine flüchtige Annäherung nicht hinaus kommt, von den Familienereignissen im Danzig der dreißiger Jahre und von den Schwierigkeiten der Nachkriegsjahre in Polen. Der Bericht, wie hier Studenten der technischen Universität mit der Herstellung von Betonsteinen kaufmännisch erfolgreich sind und damit sogar eine Vernissage in New York gestalten, ist eine großartige Persiflage auf den Kunstbetrieb. Den Rahmen der Handlung bildet ein Brief an den Schriftsteller Bohumil Hrabal, der nach Meinung aller Stammtischbrüder den Nobelpreis verdient hätte, auch posthum, denn er ist unter ungeklärten Umständen in Prag (!) aus einem Fenster im fünften Stock eines Krankenhauses in den Tod gestürzt.

Huelle ist ein Fabulierkünstler, ein Freund langer Sätze, die er gerne mit einem Semikolon gliedert und damit gut lesbar macht. Fehlende Kapitel und Absätze unterstreichen den atemlosen Erzählfluß, und an dessen Ende, wenn das Leben im Brief an den lieben Herrn Bohumil wieder einen außerordentlichen Bogen geschlagen hat, kann auch der Leser sich beglückt zurücklehnen.

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Merle Hilbk            „Tschernobyl Baby“Tschernobyl

Eichborn Verlag

Welch ein Glück, dass die Autorin des Buches gerade drei Monate als Dorfschreiberin in Eisenbach verbracht hat. Die Gelegenheit eine Autorin direkt zum Buch zu hören und befragen zu können, ist nicht häufig.

2009 bereiste Merle Hilbk die Region um das im April 1986 in der Ukraine havarierte Kernkraftwerk, insbesonder die nächstgelegenen und heute durch eine Grenze getrennten Orte Pripjat in Weißrussland und Tschernobyl in der Ukraine. Man weiß nach der Lektüre des Buches nicht, was man mehr bewundern soll, den Mut der Autorin, sich in das immer noch verstrahlte Gebiet zu wagen, oder den intensiven Bericht ihrer Erlebnisse aus den  heute ganz unterschiedlichen Ländern. Aus verschiedener Perspektive berichten die Deutsche Lara und die Weißrussin Mascha aus dem „ökologischen Reservat“. Eine spannungsgeladene Begegnung, die die gegenseitigen Erwartungen nicht immer erfüllt. Sie besuchen gemeinsam vor Ort die heutigen Ausländer, Tschetschenen, Kasachen, Usbeken und Tadschiken, die die „radiazija“ mit Wodka aus dem Körper spülen.

Zurück in Deutschland beschäftigt sich die Autorin mit den damaligen Reaktionen der Bevölkerung nach dem GAU: „Die Nach-Tschernobyl Stimmung in Deutschland war an das Biotop gebunden“ und das Biotop war nicht nur grün, die Angst ging bei allen um. Sie besucht alte Aktivisten gegen Atomkraft, die ihr Haus nur noch mit Geigerzähler verließen genau so, wie die Organisatoren der Kindererholung, die den „Kindern von Tschernobyl“ viele Jahre lang einige Wochen gutes Essen und reine Luft in Deutschland verschafften.

Dies ist ein gut recherchiertes und in Romanform verpacktes Buch, nicht nur über die Reaktorkatastrophe von damals, sondern vor allem über die Lebensbedingungen der Menschen im verstrahlten Gebiet beidseits der Grenze heute. Und ganz nebenbei erfahren wir darin viel über ein Land, das vorerst wohl kein Leser bereisen wird: Belarus. Unbedingt lesenswert!

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 Artur Klinau           „Minsk, Sonnenstadt der Träume“           Minsk

edition Suhrkamp, 176 Seiten, 12 Euro, mit Fotografien des Autors

Übersetzungen weißrussischer Literatur ins Deutsche sind eine Rarität. Umso verdienstvoller ist es, dass der Suhrkamp Verlag den Autor Artur Klinau 2006, nach der Wiederwahl Lukaschenkos und der Niederschlagung der darauf folgenden Proteste, gebeten hat, einen „Reiseführer“ durch seine Heimatstadt zu verfassen.

In Anlehnung an Thomas Morus Utopia und Tommaso Campanellas Sonnenstaat hat Klinau ein ironisch-kritisches Essay über die Mechanismen im sowjetischen Staatenverbund im Allgemeinen und deren Auswirkungen auf seien Heimatstadt Minsk im Besonderen verfasst mit der Frage „War ich glücklich in Utopia?“. Die Stadt Minsk, seine Plätze und Paläste beschreibt der Autor satirisch als Verwirklichung einer kommunistischen Stadtutopie, als Monument des gescheiterten Strebens nach dem Unrealisierbaren.

Klinau beleuchtet die Stadt aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Mit Hilfe eines beigefügten Stadtplans führt er uns mit viel Ironie durch Strassen und über Plätze der Sonnenstadt, vorbei an den Fassaden proletarischer Häuserfronten, die in ihrer  überbordenden Dekoration und übersteigerten Monumentalität die Architektur der Stadt prägen. Im Wechsel damit beschreibt er seine Kindheitserlebnisse in der Stadt und seine Familiensituation. Seine Mutter, die als Programmiererin arbeitet und die geheimnisvoll faszinierende Welt ihres Computerraums. Den getrennt von ihr lebenden Vater, der sein Geld mit der Ausstaffierung der Stadt mit Skulpturen der Götter des Kommunismus verdient und seinen Schulunterricht in dem er lernt, eine Kalaschnikow in weniger als einer halben Minute zusammen zu bauen und eine Granate dreißig Meter weit zu werfen. Hier erfährt er auch, dass das wahre Leben sich nicht in den Palästen der Stadt, sondern in den Hinterhöfen der Häuserblocks abspielt und er verschweigt auch nicht das Glücksgefühl, das er als Kind bei den Aufmärschen am Tag der Revolution empfand. Der dritte Aspekt ist die Geschichte Weißrusslands und die der Stadt Minsk. In jeder Baugrube der Stadt stößt man auf einen Friedhof, den Klinau historisch Schicht für Schicht frei legt. So erfährt der Leser vom verschwundenen Fluß und dem dazugehörigen Stadtteil Njamiha und von Wilhelm Kube, Hitlers Generalkommisar  für Weißruthenien, der 1943 im Schlaf von einer Bombe getötet wurde, die sein Dienstmädchen, eine weißrussische Partisanin, unter seinem Bett plaziert hatte.

Der Leser lernt in diesem Buch viel über ein Land und seine Haupstadt, deren Besuch   in keinem Reisekatalog angeboten wird. Umso dankbarer sind wir für diesen „Reiseführer“.

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Wolfgang Büscher    “Berlin – Moskau: eine Reise zu Fuß”

rororo TB, 240 Seiten, ISBN-10: 349923677X, 8,99 €

Warum läuft jemand von Berlin nach Moskau, von Danzig nach Istanbul oder nach Santiago de Compostela? Zumindest Wolfgang Büscher vermittelt in seinem Reisebericht glaubhaft, dass er dies nicht nur tut, um hinterher ein Buch darüber zu schreiben. Er ist auf seiner Wanderung offen für überraschende Begegnungen, er kann den Menschen ohne Vorurteile zuhören und er hat offene Augen für die kleinen Dinge am Wegesrand. Das alles beschreibt er mit feiner Ironie und genauer Beobachtungsgabe, so, wenn er sich über die Namensgebung bei Martin Walser mokiert, die Szenerie des polnischen Dorfplatzes in Ostorog oder die Suche nach sauberen Toiletten in Weißrussland beschreibt. Und Büscher ist ehrlich zu sich selbst und seinen Lesern: “Die Meter waren mein Rosenkranz. Ich habe viele vor mich hingemurmelt östlich von Minsk.” Auch depressive Stimmungen und nicht enden wollende Wantertage im Regen haben ihren Platz.

Eine Reise gen Moskau ist auch immer eine Reise in die Vergangenheit, in unsere Geschichte. Man ist nie alleine unterwegs, immer begleiten Napoleon, die Heeresgruppe Mitte und die Landser den einsamen Wanderer. Sei es, dass er bis Küstrin auf der “Alle der Gehenkten” unterwegs ist, die Liebe einer polnischen Gräfn zu einem deutschen Offizier beschreibt, in Katyn im Waldboden auf die Knochen ermorderter Polen stößt, oder das “radiologisch-ökologische Reservat” von Tschernobyl besucht. Wolfgang Büscher ist mit neugierigem, wenn auch gelegentlich sehr subjektiven Blick, und wachem Sinn unterwegs und der Leser ist ihm dankbar dafür, an seinen Begegnungen teilhaben zu dürfen. Er ist aber auch froh, dies nur als “armchair traveller” tun zu müssen. Ein empfehlenswertes Buch, aus dem wir lernen können, was uns das Reisen  abseits von Pauschaltourismus und Reiseführern zu bieten hat. ♥♥♥♥


Olga Martynova        „Sogar Papageien überleben uns“ Papageien

Die in Russland geborene und nun in Frankfurt lebende Autorin hat einen Episodenroman geschrieben, der über mehrere Zeitebenen hinweg, auf deutscher, wie auf russischer Seite die Beziehung zwischen der Ich-Erzählerin Marina und ihrer großen Liebe Andreas in ihrem jeweiligen Umfeld beschreibt. Dabei ist es durchaus hilfreich, mit Hilfe einer über jeder Episode angebrachten Zeitleiste, nicht die Orientierung zu verlieren, denn es gilt, bei einem wilden Galopp durch die Zeitebenen, von der Belagerung Leningrads bis zur Reise der Erzählerin zu einem Vortrag über Daniil Charms und die Oberiuten 2006 nach Deutschland, nicht vom Pferd zu fallen. Dort wird sie Andreas, den sie vor zwanzig Jahren als Andrjuschka und Student der Slawistik in Leningrad kenen und lieben gelernt hat, und der sie nicht geheiratet hatte, weil es zu kompliziert war eine Russin zu heiraten, wieder begegnen.

So begleitetet der Leser Marina von den Erzählungen ihrer Großmutter über die Belagerung von Leningrad, wo man Katzen gegessen hatte, über eine Tramperreise 1988 mit Freunden, als es offenbar auch in Russland Hppies und Hasch gab, bis in ein buddhistisches Kloster in Burjatien und weiter nach Berlin, wo Andreas ihr im Zoo nun doch einen Heiratsantrag macht. Das alles wird nicht chronologisch erzählt, sondern selbst innerhalb einer Episode findet häufig ein mehrfacher Wechsel der Zeitebenen statt. Mal befindet sich der Leser in Deutschland, mal in Russland, mal in Leningrad, mal in Petersburg, mal hat er es mit Andreas, mal mit Andrjuschka zu tun. Dies, wie auch die vielen, zum Teil mehrfach, geklammerten Sätze, macht das Buch zu einer nicht einfachen Lektüre. Man spürt, insbesonder in den kürzeren Episoden, dass Olga Martynova zuvorderst Lyrikerin ist, kommen sie doch gelegentlich wie freie Langgedichte daher und auch der absurd-groteske Stil der Oberiuten aus den zwanziger Jahren ist ihr offensichtlich nicht fremd. So hält  die Protagonistin Marina einen Vortrag über Daniil Charms in Berlin, während die Autorin Artikel über ihn schreibt.

Den Leser lässt das Buch auf der Suche nach einem roten Faden etwas ratlos zurück, und ob Marina und Andreas sich am Ende nun doch noch kriegen, hätte er zu gerne gewusst.

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Polina Daschkowa          „Für Nikita“Nikita

In diesem Krimi werden drei Handlunsstränge auf verschiedenen Zeitebenen parallel erzählt, miteinander verflochten und zusammengeführt. Es sind die Geschichten von Nikita Rakitin, der sich als Krimiautor Viktor Godunow nennt, und der sich als Detektiv betätigt, die des Ingenieurs Jegorow, der seine Familie an den  Guru Shanli, Missionar der Sekte Maya, Licht und Freude, verloren hat und nun versucht sich zu rächen und die des mächtigen Gouverneurs von Sinedolsk, Petrowitsch Russow mit seiner Frau Nika, deren Biographie und Beziehung zu Nikita erzählt wird. Damit nicht genug, es gibt  auch drei Ermittler in diesem Krimi, Nikita Rakitin, Nika Russow und Hauptmann Leontjew von der Polizei, der nicht jede offizielle Tatversion glaubt. Diese Trinität der Dinge macht die Handlung und den Personenbezug anfangs etwas verwirrend. Hat man die Zusammenhänge aber erkannt, ist es ein spannend und abwechslungsreich erzählter Krimi, bei dem der Leser mit seinen Kenntnissen den Ermittlern immer einen Schritt voraus ist.

Thema des Buches sind die Korruption und der Einfluss der Sekten in Russland in den achtziger Jahren. Nebenbei erfährt der Leser aber auch eine ganze Menge über das russische Alltagsleben. Informative und spannende Unterhaltung.

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VenushaarMichail Schischkin          „Venushaar“

btb Verlag, 560 S., 11,99 €

Dieser komplexe Roman verfolgt auf unterschiedlichen Zeitebebenen drei wesentliche Handlungsstränge:

  • in der Jetztzeit ist der Erzähler als Dolmetscher für Russisch im „Ministerium für Paradiesverteidigung“ in der Schweiz tätig. Er führt die Befragungen von Asybewerbern, so genannten „Gesuchstellern“  durch. Vergewaltigung, AIDS, politisches Engagement, Antisemitismus und der Tschetschenienkrieg sind Asylgründe. Die Befragungen ergeben zumeist einen „Prioritätsfall“ , was ein „beschleunigtes Verfahren in Anbetracht naheliegender Abweisung“ bedeutet.
  • in der nahen Vergangenheit berichtet der „Dolmetsch“ in Form von Briefen an einen fiktiven Nabuccosaurus, König von Babylon, über seine persönliche Vergangenheit  und seine Tätigkeit in der Schweiz. Er beschreibt Erinnerungen an die Kindheit und Schulzeit in Rostow am Don und an seiner Zeit als Junglehrer und als vergeblicher Autor der Biographie einer alten russischen Romanzensängerin. Später dann den Besuch mit seiner Frau Isolde in Rom, die mir ihrem ersten Mann Tristan auch dort gewesen ist und die Trennung der Ehe.
  • in einer weiter zurückliegenden Zeit wird in Form eines Tagebuchs des zwanzigsten Jahrhunderts die Biographie der russischen Romanzensängerin Bella erzählt, die sich eng an die der Sängerin Isabella Danilowna Jurjewa (*1899 – +2000) anleht,die ebenfalls, wie der Autor, in Rostow am Don geboren wurde. In größeren Zeitsprüngen wird über das russische Alltagsleben, vor allem über das gläubige und abergläubige Kindermädchen Njanja, über ihren Vater, der Hautarzt ist, ihren Bruder Sascha, ein Judenpogrom, den Eintritt ins Gymnasium und ihre erste Liebe berichtet. 1926 erfolgt die Flucht über Berlin nach Paris, ein typischer Schicksalsweg vieler russischer Emigranten wie Nabokov und Gasdanov und 1931 die Rückkehr nach Russland und eine späte Karriere als gefeierte Estraden-Sängerin und Volkskünstlerin Russlands.

Dies ist ein typischer postmoderner Roman, insbesondere im Interviewteil. Es fehlt eine lineare Erzählstruktur, es gibt wechselnde Erzählperspektiven und zahlreiche intertextuellen Bezügen zur Antike. So wird das Verhältnis von Daphnis und Lykainion und Chloe und Pan beschrieben und mit aktuellenErlebnissen der Asylsuchenden kombiniert. Ebenso die antike Berichterstattung Xenophons von Dareos und Parysatis und ihrer Söhne Kyros und Ataxerxes. So wird das Buch zu einem großen Bildungsrätsel und einem literarischen Wimmelbild.

Ein sehr komplexes, verschachteltes und postmodern konstruiertes Buch, aber auch ein Buch, in dem es unendlich viel zu entdecken gibt, wenn man sich denn die Mühe macht. Dem Leser fehlt ein roter Faden und etwas Spannung erzeugt lediglich die Biographie der Sängerin in der sich ein Jahrhundert russischer Geschichte spiegelt. Dem Autor scheint  die Form wichtiger als der Inhalt zu sein. Eine nicht ganz leichte Lektüre für ausdauernde Leser, die gerne auf literarische Entdeckungsreise gehen.

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Alexander Solschenizyn       „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“

Denissowitsch

Droemer Knaur TB, 192 Seiten, 7,95 Euro

Dieser 1962 in der Zeitschrift „Nowy Mir“ veröffentlichte Text schildert einen exemplarischen Tag im Leben des Gefangenen Iwan Denissowitsch Schuchow in einem Arbeitslager in Sibirien. Der weitgehend auf eigenen Erfahrungen des Autors beruhende Roman konnte nur veröffentlicht werden, da es in den 1960 ziger Jahren unter Chruschtschow zu einer vorsichtigen Öffnung für eine kritische Auseinandersetzung mit der Stalinära gekommen war, die allerdings mit dem Sturz Chruschtschows 1964 endete. Mehrere unterschiedliche Übersetzungen sind noch im Handel erhältlich, von denen die von Max Hayward und Christoph Meng empfohlen werden können.

Schuchow wurde 1941 verhaftet und zu 12 Jahren Lagerhaft verurteilt, von denen er zehn abgesessen hat. Beschrieben wird ein Tag im Jahr 1951 an dem er Arrest für zu spätes Aufstehen bekommt. Er versucht im Krankenrevier unter zu kommen, wird abgelehnt und marschiert, mit seiner Brigade 104, nachdem sie gefilzt wurden, aus dem Lager zur Baustelle eines neuen Kraftwerks. Sie ziehen in der Kälte eine neue Mauer hoch und erörtern dabei die philosophische Frage „wohin verschwindet der Mond?“ Es folgen endlose Zählappelle und ein Wettlauf der Kolonnen um den besten Platz in der Kantine.  Es wird beschrieben, wer alles vom Kochen der Grütze profitiert und welches Ritual das Essen ist, ebenso der Kampf um die Kohlsuppe am Abend. Detailliert erfahren wir, wer alles von einem eintreffenden Paket mit Nahrungsmitteln geschmiert werden muß. Aber am Ende blickt Schuchow auf einen fast glücklichen Tag zurück und weiß nicht, ob er sich wirklich die Freiheit wünschen soll. In der minutiösen Beschreibung eines einzigen Tages spiegelt sich  eindrucksvoll die gesamte Haftzeit.

Beschrieben wird die Mühsal des Lagerlebens und der tägliche Kampf um Essen, Überleben und kleine Vergünstigungen. Aber auch die winzigen Ruhemomente und kleinen Freiheiten der Gefangenen. Die Art und Weise, wie Schuchow sich mit seinen Umständen zu arrangieren versucht, sein inneres Glück, das geschildert wird, wenn er eine zusätzliche Schüssel Suppe ergattert, berühren den Leser mehr, als es die bloße Beschreibung von Demütigungen und Grausamkeiten vermocht hätte. Solschenizyn stellt die Härte des Lebens in den Lagern ohne jegliche Vorwürfe dar. Trotz aller Unmenschlichkeit dieses Lebens bleibt immer noch Raum für einen Rest Nächstenliebe unter den Gefangenen, von Menschlichkeit, die den Schwächeren nicht vergißt. Was den Roman aus der Masse der Gefangenenliteratur heraushebt, ist die Menschlichkeit, die er ausstrahlt. Es ist ein zutiefst humanes Buch, vergleichbar nur mit Primo Levi „Ist das ein Mensch?“.

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Viktor Jerofejew        „Die Moskauer Schönheit“    Moskauer Schönhei 2t.odt

Bloomsbury TB, 350 S., 9,90 €

Irina Tarakanowa, genannt Ira, ist einst als junges Mädchen aus der Provinz nach Moskau gekommen um ihr Glück zu machen. Dafür setzt sie zielstrebig und erfolgreich ihre körperlichen Reize ein. Den Gipfel des Erfolges erklimmt sie mit der Eroberung des schon älteren, reichen und einflussreichen Apparatschiks Wladimir Sergejewitsch, der als Prototyp des Systems auftritt, dessen konkrete Funktion aber unklar bleibt. Wider Erwarten wird Ira bei einem letzten sado-masochistischem Liebesakt mit ihm, bei dem der von ihr so genannte Leonardik  „an Entzücken“  stirbt, schwanger. In Briefen an ihre in Frankreich lebenden Freundin Ksjuscha beschreibt sie nun in Form eines inneren Monologs und mit verwirrenden Zeit- und Gedankensprüngen ihr bisheriges Leben. Als Kind wurde sie von ihrem kriminellen Vater missbraucht und mit 23 Jahren war sie bereits zwei Mal verheiratet. Sie berichtet von ihren bisherigen Liebhabern, dem Musiker Dato und dem südamerikanischen Diplomaten Carlos und von einem provokativen Auftritt in der Moskauer Oper, bei dem sie den Dirigenten im Beisein von Leonardik mit Apfelsinen bewirft um sich bei ihm dafür zu rächen, dass er sie nicht heiraten will.

Nachdem wir Irina einhundert Seiten eher mühsam durch ihr bisheriges Leben gefolgt sind, das sie dann retrospektiv auch noch zum „alkoholbedingten Blödsinn“ erklärt, landen wir wieder in der Gegenwart. Sie wird auf Veranlassug der Witwe Leonardiks vor ihr Arbeitskollektiv geladen und aus einer nicht näher bezeichneteten Tätigkeit entlassen. Sie rächt sich mit einem Interview, in dem sie ihre Beziehung zu Wladimir Sergejewitsch öffentlich macht, und offenherzigen Fotos in einem amerikanischen Magazin. In der Folge wird sie auf der Strasse von einem betrunkenen Autofahrer angefahren und ihre neuen intellektuellen Freund aus der Gruppe der Dissidenten machen ihr deutlich, dass dies kein Zufall war. In einem wahnhaften Zustand begibt sich Ira daraufhin auf ein Schlachtfeld ausserhalb Moskaus, das „Tartarenfeld“, um dort im Beisein dieser Freunde als neue russische Jeanne d‘ Arc durch Vergewaltigung für ihr Vaterland zu sterben. In einer surrealistischen Szene geht sie dreimal nackt über das Feld, wobei ihr der „Vergewaltiger“ in Form eines gefühlten klebrigen Gelees begegnet und kehrt dann enttäuscht und von ihren Freunden verlassen nach Moskau zurück.

Der Rest ist Zauber und Hexerei im Delirium. Ihr Körper wird zum „Kampfplatz höherer Mächte“. In einem Fiebertraum begegnet ihr noch einmal Leonardik, der ihr zu multiplen Orgasmen verhilft. Sie geht in die Kirche und hält Zwiesprache mit Gott. Zum Schluss möchte sie Leonardik noch ein mal sehen, um ihn doch noch zu heiraten. Dazu will sie ihn herbei zaubern lassen und verfasst eine „Erklärung“, Leonardo da Vinci heiraten zu wollen. Im Wahn ziehen noch einmal alle Freunde und Bekannte in Bildern an ihr vorbei. Dann erhängt sie sich im Bad und feiert am Strick eine mystische Vereinigung mit Leonardo.

Dies ist ein schwierig zu lesendes und zu verstehendes Buch. Dazu trägt die Form des inneren Monologs bei, dem der Leser als atemlos dahin strömende Suada nur schwer folgen kann, zumal permanente Zeitsprünge ihn zusätzlich verwirren. Am ehesten ist der Monolog Iras mit dem der Molly Bloom aus James Joyce „Ulysses“ zu vergleichen. Der Autor gibt neben Nabokov, Bulgakow und de Sade auch Joyce als sein literarisches Vorbild an. Die dem westlichen Leser, insbesonder am Ende des Buchs, doch sehr befemdliche irreale und okkultistische Handlung mag ihre Erklärung darin finden, dass Okkultismus, Aberglaube und Hexerei in Russland weit verbreitet sind und auf breite Akzeptanz stossen.

Das Buch, dessen Originaltitel „Russkaja Krasawiza“, „Die russische Schönheit“ lautet, führt uns einige für russche Verhältnisse typische Personengruppen vor Augen. Da ist zum einen die kluge, selbstbewuste und zielstrebige Mätresse Irina Tarakowa, die erkannt hat „meine Macht liegt in meiner Schönheit“ und dies zielstrebig umsetzt. Ihre Provokationen werden heute von den Musikerinnen von „Pussy Riot“ und den Aktivistinnen von „Femen“ fortgeführt. Der Apparatschik Wladimir Sergejewitsch, genannt Leonardik, steht für die Gruppe der gut vernetzten Funktionäre des Systems, zu der heute die „Oligarchen“ hinzu gekommen sind. Und die Gruppe der intellektuellen Dissidenten, die viel redet und wenig bewegt, gibt es wohl immer noch. Das Buch, von dem im Russland innerhalb weniger Tage die gesamte Erstauflage verkauft wurde, erschien 1990 als Gorbatschow gerade Staatspräsident geworden war, zur Zeit von Perestroika und Glasnost. Dies und die darin erstmals geschilderte sexuelle Freizügigkeit mag das grosse Interesse an diesem Buch in Russland, aber auch im westlichen Ausland, erklären. Inzwischen ist die Zeit darüber hinweg gegangen und in Zeiten von „The shades of grey“ locken auch angedeutete russische sado-maso Spielchen niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. So quält sich der Leser nur noch durch eine spannungslose, schwer verständliche Handlung und langweilt sich. Laut Marcel Reich-Ranicki, eine Todsünde.

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Vladimir Sorokin       „Der Zuckerkreml“Zuckerkreml

Heyne Taschenbuch, 239 Seiten, 8,99 Euro

In fünfzehn Kurzgeschichten versucht der Autor ein Bild Russlands im Jahr 2028 zu zeichnen. Das einzig  verbindende Element der Kapitel ist dabei ein Kreml aus Zuckerguß, der in unterschiedlicher Form in jeder der Geschichten auftaucht. Als Fortsetzung seines Erfolgsromans „Der Tag der Opritschniks“ , handelt es sich beim „Zuckerkreml“ ebenfalls um einen Science Fiction Roman, der allerdings ironisch-satirisch und in drastischen Worten die aktuelle Situation, die Regierung und Behörden karikiert und persifliert, die das Volk mit Zuckerwerk gefügig zu machen versucht. Das Buch steht damit in der Tradition der politisch motivierten Zukunftsliteratur von George Orwell, Aldous Huxley, Ray Bradbury und Anthony Burgess.

Jede der Erzählungen steht für sich und Sorokin hat versucht sie auch stilistisch von einander zu unterscheiden. So stehen Weihnachtsgeschichten neben Einaktern, derbe Kneipenszenen neben zarten Liebesgeschichten. Handlung und Sprache sind manchmal schwer erträglich. Insgesamt ein inhomogenes Buch, bei dem es sich eher um gesammelte Erzählungen als einen Roman handelt. Wer aber gerne politische Satire verpackt in Form von Science-fiction liest, wird daran vielleicht Gefallen finden.

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Gaito Gasdanow       „Das Phantom des Alexander Wolf“Gosdanow

Hanser Verlag, 192 S., ISBN-13: 978-3446238534 , 17,90 €

Dieser 1947 veröffentlichte Roman, der nach Form und Handlung eher eine Novelle ist, ist erst 2012 in deutscher Übersetzung erschienen. Darin berichtet ein namenloser Icherzähler, wie er als sechzehnjähriger Weißgardist im russischen Bürgerkrieg in Notwehr einen Menschen erschossen hat. Viele Jahre später stößt er in Paris auf ein Buch des englischen Autors Alexander Wolf mit drei Erzählungen. In der letzten dieser Erzählungen „Abenteuer in der Steppe“, wird genau diese Szene aus dem russischen Bürgerkrieg beschrieben. Offenbar hat der Totgeglaubte überlebt und der Icherzähler begibt sich auf die Suche nach dem Autor des Buches. Aber das Einzige, was er bei dessen Verleger in Erfahrung bringt ist, dass Wolf offenbar kein angenehmer Mensch ist. Erst als er in einem russischen Restaurant in Paris die Bekanntschaft Wosnessenskis macht, der mit Wolf bei den Partisanen gekämpft hat, erfährt er mehr über dessen Vorleben.

Bei einem Boxkampf lernt er die gebürtige Russin Jelena Nikolajewna kennen und er spürt, dass ihm „… eine neue seelische Reise“ bevor steht. Sie wird seine Geliebte, von der er aber das Gefühl hat, dass sie sich ihm nie vollständig öffnet und etwas vor ihm verbirgt. Erst als sie Vertrauen gefasst hat, berichtet sie ihm von einem Mann, den sie zwei Jahre zuvor in London kennen gelernt, und der eine eigenartige Faszination auf sie ausgeübt hat. Er gewann ihre Liebe, aber auch psychische Macht über sie, der sie sich im im letzten Moment nur durch die Flucht nach Paris entziehen konnte.

Während der Leser weiß, dass es sich bei dem Londoner Liebhaber von Jelena  um Alexander Wolf gehandelt hat, bleibt der Icherzähler ahnungslos. Er trifft dann aber unvermutet im russischen Restaurant persönlich auf Wolf, der seinen alten Freund Wosnessenski besucht und er offenbart ihm ihre frühere Begegnung im Bürgerkrieg und seine Gewiisheit, ihn damals getötet zu haben. In einem langen Gepräch tauschen sie sich darüber aus, wie dieses Ereignis ihr Leben und ihre Persönlichkeit verändert hat.

Wolf ist aber noch aus einem anderen Grund nach Paris gekommen, er will seine Geliebte Jelena zurück gewinnen. Und so kommt es am Ende zu einem dramatischen Show-down, bei dem sich die drei Protagonisten gegenüberstehen, der Erzähler wieder seine Pistole zieht und Alexander Wolf nun doch noch tödlich trifft.

Somit hat diese, ohne Kapitel, nur mit Absätzen gegliederte Dreiecksgeschichte eine Ringstruktur, bei der die Schlussszene der zu Beginn gleicht, mit dem einzigen Unterschied, dass der Schuss des Erzählers beim zweiten Mal tödlich ist. Dies ist aber nicht nur eine spannend erzählte Geschichte,  die Handlung dient dem Autor auch zu einer Reflexion über den Tod, das Töten und getötet werden und wie das Gefühl diesen Ereignissen im Leben begegnet zu sein den Menschen verändert. In inneren Monologen, Reflexionen und Gesprächen wird immer wieder dieses Thema umkreist. Denn „wenn wir nichts vom Tod wüssten, wüssten wir auch nichts vom Glück“.

Dies wäre eine nahezu perfekte Novelle, eines auch stilistisch großartigen Erzählers, wenn da nicht am Ende, im vorletzten Absatz noch einmal eine Nebenhandlung mit neuem Personal aufgemacht würde. Wozu die Geschichte der Verfolgung des kleinen Gauners Pierrot dienen soll, bleibt unklar, aber sie stört den bisher so harmonischen und stimmigen Ablauf der Handlung erheblich. Wir verzeihen es Gasdanow, freuen uns über den Rest der Erzählung und die großartige Übersetzung von Rosemarie Tietze.

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Hans Joachim Schädlich     „Kokoschkins Reise“       Kokoschkin

rororo TB, 192 S., 8,99 Euro

Zwei ältere Herren verabschieden sich am 7.9.2005, am Ende einer gemeinsamen dreiwöchigen Reise. Der eine reist zurück nach Prag, der andere, Fjodor Kokoschkin, weiter nach London und Southampten, um dort die Queen Mary 2 zur Rückfahrt nach New York zu besteigen. Im Folgenden werden im Wechsel zwei Geschichten erzählt:

In der einen berichtet ein allwissender Erzähler in der Gegenwart vom Leben auf See, den Personen des „Sechsertisches“ im 1349 Plätze umfassenden „Britannia Restaurant“, der Zuneigung Kokoschkins zu Olga Noborra, einer mitreisenden Botanikerin (Spezialgebiet Dachbegrünungen). Im Mittelpunkt stehen die Restaurantbesuche, deren Speisefolgen minutiös dokumentiert werden. Ansonsten schlägt man auf dem „schwimmenden Seniorenheim“ die Zeit tot, streitet sich und beendet den Abend in der Karaoke Bar. Das alles wird unterhaltsam, ironisch-spöttisch bis zynisch beobachtet und beschrieben.

Die zweite Handlungsebene, die, so darf man vermuten, dem Autor eigentlich am Herzen liegt, berichtet von der stattgehabten Reise des jetzt über 90 jährigen Kokoschkin zurück an die Orte seiner Kindheit und Jugend. Begleitet wird er dabei von einem alten Freund, dem Bibliothekar Jakub Hlaváček aus Prag, der die Rolle des Fragenden und Stichwortgebers übernimmt. Die Reise beginnt mit dem Besuch von Petersburg, das Kokoschkin 1918 verlassen hat. Im Mariinskaja-Hospital wurde im Januar 1918 sein Vater, Mitglied der verfassunggebenden Versammlung, von den Bolschewiken ermordet. Die Mutter flieht mit ihm ins multikulturelle Odessa. Als die Bolschewiken auch diese Stadt besetzen, flieht die Familie nach Berlin. Er erinnert sich an seine Ankunft 1922 in Berlin als Zwölfjähriger in der Pension Crampe, zur damaligen Zeit eine Anlaufstelle für russische Emigranten. Hier treffen sie auch auf Iwan Bunin, Nina Berberowa und Wladislaw Chodassewitsch und man macht einen Besuch bei Maxim Gorki in Bad Saarow. Fjodor kommt als 13 jähriger in ein Internat, das Joachimsthalsche Gymnasium in Templin, in dem er eine „Freistelle“ bekommt und sechs Jahre bis zum Abitur bleibt. Anfang 1930 beginnt er ein Biologiestudium in Berlin. 1933, er ist im sechsten Semester, fühlt er sich zunehmend unwohl in Berlin und reist nach Prag.  Er stellt einen Antrag auf ein Stipendium in Amerika. Dieses wird dank der Stellungnahmen von Kerenski und Chodassowitsch bewilligt und er erhält ein Visum für Amerika. Im März 1934 sticht er von Cherbourgh aus in See, Richtung Amerika.

So werden im Buch die aktuelle Reiseerlebnisse  mit historischen Ereignissen verknüpft und wir haben eine Geschichte in der Geschichte. Geschildert wird ein typisches russisches Emigrantenschicksal um die Jahrhundertwende, wie es auch Nabokov (auch dessen Vater wurde erschossen, allerdings in Berlin) und andere erlebt haben. Der Zeitrahmen reicht von der russischen Oktoberrevolution bis zum Attentat auf das World Trade Center. Das Buch ist einfach zu lesen, da Schädlich stilistisch eher kurze und knappe Feststellungen als lange beschreibende Sätze verwendet, ein Reportagestil. Viele Erlebnisse und Gefühle werden nur angedeutet, etwa wenn Kokoschkin von Hlaváček nach seiner großen Jugendliebe Aline  gefragt wird:  „Haben sie Aline wiedergesehen?“ und er mit einem einfachen „Nein“ antwortet. Dies ist ein absolut lesenswertes Buch und gut geeignet zum Einstieg in die russische Literatur des 20. Jahrhunderts.

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António Lobo Antunes      „Elefantengedächtnis“Elefantengedächtnis

btb TB, 224 S., 8,50 €

Dies ist der erste Roman des portugiesischen Autors, geschrieben 1979 nach seiner Rückkehr aus dem Angolakrieg, und auf Deutsch erst 2004 in der vorzüglichen Übersetzung von Meralde Meyer-Minnemann erschienen.

Ein Psychiater ist “ ganz unten angekommen“ und blickt traumatisiert auf sein bisheriges Leben zurück. Als „Höhlenforscher der Depression“, beginnt er im Laufe eines Arbeitstages sich Rechenschaft über sein verpfuschtes Leben abzulegen, über seine gescheiterte Ehe mit der immer noch geliebten Frau, seine Sehnsucht nach den für ihn unerreichbaren beiden Töchtern, über seine Unzufriedeheit mit der Arbeit als Psychiater in einer  Klinik, in der schon sein Vater als Arzt gearbeitet hat. Es tauchen Erinnerungsbilder an seine Kindheit und seine Erlebnisse im Angolakrieg auf, in dem er 27 Monate als Arzt im Einsatz war. Darin verwoben werden die Ereignisse eines Arbeitstages in der Klinik und auf der Irrfrahrt  durch die Stadt Lissabon, an das gemeinsame Mittagessen mit einem Freund, dem er sein Herz ausschüttet, an einen Besuch beim Zahnarzt und in einer Psychotherapiegruppe. Die Fahrt endet im Casino, wo er auf „die dicke Frau, das Reptil“, trifft. Verbunden in Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe, verbringen sie die Nacht gemeinsam. Der nächste Morgen findet den Protagonisten  am Beginn eines neuen Lebens als verantungsvoller Erwachsener „den meine Mutter sich wünscht und meine Familie erwartet“. Offen bleibt, ob dies tatsächlich ein beabsichtigter Neubeginn, oder nur  ironisch gebrochener Fatalismus ist

Der Zeitrahmen des Romans von einem Tag, erinnert zunächst an James Joyce „Ulysses“. Im vorliegenden Buch werden allerdings die Erlebnisse des Tages verwoben mit Erinnerungen, Reflexionen und Assoziationen. Berichtet wird in der dritten Person von einem allwissenden Erzähler in mehreren Zeitebenen. Formal und sprachlich ist der Roman ungewohnt und einzigartig. In einer dichten, bild- und metaphernreichen poetischen Sprache  gelingen Lobo Antunes eindrucksvolle, wahnhafte Bilder von barocker Sprachgewalt, deren Dechiffrierung in den oft seitenlangen Schachtelsätzen  nicht immer einfach ist und das Buch zu einer mühsamen Lektüre machen. Selbstkritisch fragt der Autor: „…warum bloß kann ich meine Liebe nur mit theatralischen Umschreibungen und Metaphern und Bildern ausdrücken,…wo doch dies alles rein, klar, direkt ist, keine Verniedlichung braucht, aufs Wesentliche reduziert ist wie eine Statue von Giacometti…?“. Gelegentlich schleichen sich auch schiefe Bilder und mißlungene Metaphern ein. Neologismen wie „Filigrankaravellengerede“ oder „Christkindkrippen-kuhatem“ überzeugen nicht  und ein permanentes „namedropping“, dem landesfremden Leser weitgehend unbekannter portugiesischer Autoren nervt. Hilfreich sind hier die von der Übersetzerin angefügten Anmerkungen.

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José Saramago      „Die Stadt der Blinden“Stadt der Blinden

rororo TB, 400 S., 9,99 €

Das apokalyptisches Szenario dieses Buches verlangt in erster Linie nach einer Interpretation der darin geschilderten Ereignisse. Dem Leser wird schnell klar, dass die zunehmend um sich greifende Erblindung einer ganzen Stadt, in der plötzlich alle vom „weißen Übel“ befallen werden, nicht als Realereignis, sondern als lange Parabel zu lesen ist. Die Blinden erleben kein „schwarzes Nichts“, sondern eine „weiße Blindheit, wie ein Licht, das angeht“, die ihnen das Sehen anderer Dimensionen ermöglicht. Die weiße Blindheit vielleicht als Metapher für die „Blindheit der Seele und des Herzens“.

Die Blinden werden vom Staat isoliert und in einer psychiatrischen Klinik interniert. Dort spielen sich beispielhafte Szenen menschlichen Umgangs in Extremsituationen ab. Es beginnt ein Verteilungskampf um die rationierten Lebensmittel, die bald von einer Gruppe gewalttätiger Krimineller für sich beansprucht und nur für Gegenleistungen in Form von Wertgegenständen und sexuellen Dienstleistungen der Frauen herausgegeben werden. Auf der anderen Seite spielen sich Szenen großer Solidarität, menschlicher Nähe und Fürsorge innerhalb einer Gruppe von Blinden ab, zu der auch die Frau eines Augenarztes gehört, der Einzigen, die ihre Sehkraft nicht verloren hat. Sie ist einerseits „Die Königin mit Augen in einem Land der Blinden„, andererseits aber „die Einzige, die den Horror sieht“. Auch das Sehen wird hier zu einer zweischneidigen Angelegenheit. Sie ist es, die die kleine Gruppe letztlich, nachdem auch die Bewacher erblindet sind, in eine verwüstete Stadt führt, für eine sichere Bleibe sorgt, ihr Überleben sichert und an dieser Verantwortung fast zerbricht. Sie ist die „sehende Beobachterin“ für den Leser, eine Identifikationsfigur für ihn. Als am Ende des Buches alle Blinden, um viele Erfahrungen reicher, ihr Augenlicht zurück erlangen, überlässt der Schlussabsatz des Romans das Schicksal der Frau der Interpretation des Lesers.

„Der Inhalt ist sehr hart und der Stil muss sich dem Inhalt anpassen“, hat Saramago zu seinem Buch gesagt. Er tut dies mit verknappten und gedrängten Sätzen und einer klaren und drastischen Sprache. Direkte Rede ist im Textverlauf lediglich durch eingeschobene Großbuchstaben kenntlich gemacht. Die Erzählperspektive ist überwiegend die der Frau de Arztes, wechselt aber auch zu anderen Beteiligten und zu einem auktorialem Erzähler, gelegentlich auch mitten im Satz. Alle Protagonisten sind namenlos und werden nur mit ihrem Beruf, körperlichen Eigenschaften oder bestimmten Ereignissen verknüpft. Dadurch entsteht der Eindruck einer anonymen Gruppe von „Jedermännern“, die ein universell gültiges Schicksal erleiden.

Dies ist ein tiefgreifender, vielschichtiger Roman, der existenzielle Fragen berührt, wie die, ob wir für eine vermeintlich gerechte Sache einen Mord begehen dürfen. Es ist ein philosophisches Buch, das nach den Folgen unseres Handelns fragt und uns an unsere subjektive Weltsicht erinnert. „Wahrscheinlich sind die Dinge nur in der Welt der Blinden das, was sie wirklich sind.“. Es ist natürlich auch ein politisches Buch. Saramago, der bis an sein Lebensende 2010 der kommunistischen Partei angehörte, stellt in der Extremsituation der Internierung der Macht des kriminellen Kapitalismus die Solidarität der Unterdrückten gegenüber. Und es ist zuletzt auch ein religiöses Buch, wenn der gläubige, aber mit der Amtskirche im Dauerkonflikt liegende Autor, Gott und alle Heiligen mit einer weißen Augenbinde versieht und auch sie zu Blinden werden lässt, die sich von den leidenden Menschen abgewandt haben.

Fünf Herzen für einen tief beeindruckenden Roman, den jeder gelesen haben sollte!

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Eduardo Mendoza     „Die Stadt der Wunder“

Stadt der Wundersuhrkamp TB, 503 Seiten

Ein Barcelona Roman, der zwischen den beiden Weltausstellungen 1888 und 1929 den Aufstieg und das phantastische Ende von Onofre Bouvila beschreibt. Aus ärmlichen Verhältnissen kommend, steigt er durch Klugheit, Geschäftstüchtigkeit, Gewalttätigkeit und Korruption zum reichsten und mächtigsten Mann der Stadt und des Staates auf, um am Ende in einem Zustand von Depression und Größenwahn mit der letzten Geliebten im Meer zu versinken.

Dies ist ein häufig ironisch gebrochener Roman über die Geschichte Barcelonas und Spaniens um die Jahrhundertwende, eine Beschreibung der Entstehungsgeschichte der beiden Weltausstellungen, eine Geschichte von Korruption und Kapitalismus, ein Aufbruch in die Moderne mit den ersten Filmen, Autos und Flugobjekten und die Biographie eines ehrgeizigen, hartherzigen und skrupellosen Emporkömmlings, der geschäftlich erfolgreich und familiär ein Versager ist.

Mendoza packt viel in die 500 Seiten seines Buches, ich meine zu viel. Die Handlung entwickelt sich nur zäh und wird immer wieder durch lange historische Exkurse unterbrochen, so dass es schwer fällt den roten Faden zu behalten. Die historischen Ereignisse werden mit fiktiven Personen und deren Erlebnissen verwoben. Auch der eher schlichte, wenig elegante, etwas hölzerne Schreibstil trägt zur Ermüdung des Lesers bei. Obwohl es in dem Buch um Macht und Liebe, um Freundschaft und Verrat geht, fehlt dem Buch ein Spannungsbogen, was das Lesen zu einem mühsamen Unterfangen macht. Es soll ein Panorama der spanischen Geschichte um die Jahrhundertwende entstehen, das man sich aber hart erarbeiten muss, daher nur zwei Herzen für die Stadt der Wunder.

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Carlos Ruiz Zafón     „Der Schatten des Windes“Der Schatten des Windes

ISBN-13: 978-3596196159, 576 Seiten,Fischer Taschenbuch

2001 auf Spanisch unter dem Titel La sombra del viento und 2003 im Insel Verlag in der Übersetzung von Peter Schwaar auf Deutsch veröffentlicht.

Zu Beginn des Sommers 1945 wird der zehnjährige Daniel Sempere Martín von seinem Vater, einem auf Liebhaberausgaben und antiquarische Bücher spezialisierten Buchhändler in Barcelona, zum Friedhof der Vergessenen Bücher geführt, einer geheimnisvollen, labyrinthartigen Bibliothek, die von Isaac Monfort bewacht wird. Bei seinem ersten Besuch darf Daniel sich, einem Brauch gemäß, selbst ein Buch aussuchen, für das er  dann allerdings auch sein ganzes Leben lang verantwortlich ist. Er wählt einen Roman des unbekannten Autors Julián Carax mit dem Titel „Der Schatten des Windes“, oder vielmehr erwählt das Buch ihn. Daniel ist von diesem Buch fasziniert, bemerkt aber bald, dass ein Anderer aus ganz anderen Gründen ebenfalls an dem Buch interessiert ist. Stück für Stück trägt Daniel dann in den folgenden Jahren alle verfügbaren Informationen über Julián Carax zusammen.

Der Roman erzählte nun die spannende Geschichte der Jagd nach diesem Buch und seinem Autor, bei der ein kluger, von der Straße aufgelesener Bettler hilft. Er erzählt aber auch die Geschichte eines Mannes auf der Suche nach seinem richtigen Vater, den er nie kennen gelernt hat und von dem er nur Dank der letzten Worte erfuhr, die seine Mutter auf dem Totenbett sprach. Die Geschichte dieser Suche wird zu einer rastlosen Odyssee, und zur Suche nach einer verlorenen Liebe.

Mehrere Handlungsstränge sind über einen Zeitraum von über fünfzig Jahren miteinander verwoben. Zwei Lebensläufe werden in diesem Buch zusammen geführt, der eine nimmt 1914, der andere 1945 seinen Anfang, bis einer der Protagonisten zusammenhängend berichtet, was tatsächlich geschehen ist. Es geht um Paarbeziehungen, alte Schulfreundschaften, enttäuschte Liebe und das Begleichen alter Rechnungen. Bis zum „showdown“ in einem alten Palast, bei dem der Tod des Bösewichts und die Heirat der Liebendenden den versöhnlichen Schluss bilden.

Das Buch vermittelt es ein gutes Bild der Francozeit in Spanien, in der missliebige Personen wahllos ins Gefängnis geworfen und gefoltert wurden, sowie des Lebens im Barcelona der fünfziger Jahre. Ein Buch über die Liebe zu den Menschen und den Büchern. Aber auch ein Buch über den Hass auf Büchern.

Ein richtig spannender, leicht zu lesender Schmöker! Das Buch weist aber auch deutliche Längen auf. Es gibt viele Nebengeschichten, die die Seiten füllen, ohne für den Fortgang und das Verständnis der Handlung nötig zu sein. Trotzdem bleibt der Spannungsbogen immer erhalten. Manches ist sehr klischeehaft: die Schöne ist das Biest, die Arrogante wandelt sich zur Nachdenklichen, es gibt den bösen Inspektor und den guten Bettler.

Eine Empfehlung für Alle, die ein spannendes, leicht zu lesendes Buch mit „happy end“ suchen.

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Robert Seethaler        „Ein ganzes Leben“     Seethaler

Ein  allwissender Erzähler berichtet aus dem Leben von Andreas Egger, dem „Hinker“, einem sprachgehemmten Waisenkind, das 1902 in ein namenloses österreichisches  Bergdorf zum Großbauern Hubert Kranzstocker kommt. Sein Leben, mit Ausnahme des zweiten Weltkriegs, verbringt er im Dorf und bleibt doch immer der Auswärtige.

In einem ruhiger Erzählfluss, und einer einfachen, präzisen und gefühlvollen Sprache erzählt Seethaler wie der Egger durch Schläge vom Kranzstocker zum Mann geformt wird, bis er sich  dagegen wehren kann und wie  die Liebe durch die Berührung eines Ärmels zu ihm kommt. Wir erfahren von einem ungewöhnlichen Heiratsantrag an Marie und ihre kurze gemeinsame glückliche Zeit, bis eine Lawine Marie und ihr ungeborenes Kind verschüttet. Die moderne zieht mit dem Seilbahnbau in das Tal ein und bringt ihm Arbeit. Als  der Weltkrieg vorüber ist kehrt Andreas Egger in ein ihm unbekanntes Dorf zurück, das vom zunehmenden Tourismus erobert wird. Aber auch damit arrangiert er sich, wird Fremdenführer, ist mit seinem Leben zufrieden und stirbt im Gedanken an Marie, seine einzige Liebe.

Robert Seethaler berichtet in einer sehr ruhigen, poetischen Sprache von der Wandlung eines Ortes im Laufe eines Menschenlebens. Das Dorf verändert sich, Egger bleibt sich ein Leben lang treu, er beklagt sich nicht und nutzt die Chancen, die ihm die Moderne  bietet. Mit diesem Roman, der eher eine Novelle ist, führt Seethaler die österreichische Tradition des Heimatromans fort, die mit Franz Innerhofer und Gernot Wolfgruber in den siebziger Jahren begann und ihm ist damit ein berührendes Stück Prosa gelungen.

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 Wilhelm Raabe          „Stopfkuchen“Stopfkuchen

Kann man einen 1891 veröffentlichten Roman auch heute noch mit Gewinn lesen? Man kann! Aber es erfordert Geduld und Muße für Betrachtungen und Abschweifungen und für Zitate von der Antike bis zum zeitgenössischen Volksmund. Zum Glück ist der schönen Ausgabe des Reclam Verlages dafür ein ausführliches Glossar beigegeben. Der Leser wird belohnt mit einem, in der damalige Zeit sicher modernsten und daher auch erfolglosesten Romane Raabes, der heute als einer seiner besten gilt.

Auf mehreren Zeitebenen wird die Geschichte der beiden Schulkameraden Eduard und Heinrich erzählt. Ersterer ist nach Südafrika ausgewandert und war nun nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder zu Besuch in seiner Heimatstadt. Auf der Rückreise mit dem Schiff notiert er das dort erlebte in sein Tagebuch. Heinrich, der ob seines guten Appetites und der sich daraus ergebenden  Leibesfülle von allen Mitschülern als Stopfkuchen gehänselt wurde, hat inzwischen Valentine, die einzige Tochter des Großbauern Quarkatz geheiratet und es auf der Schanze zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Bei einem Besuch Eduards erzählt Heinrich ihm, auf welche Weise ihm dies gelungen ist und verschont auch den vermeintlichen Freund dabei nicht mit bitteren Wahrheiten: Eduard ihr habt meiner körperlichen Anlagen wegen, meine geistigen stets verkannt. Soweit die Seegeschichte.

Auf einer anderen Eben wird die Mordgeschichte erzählt. Vater Quarkatz wird von den Dorfbewohnern als Mörder des Viehhändlers Kienbaum angesehen, wenngleich ihm dies in mehreren Gerichtsverfahren nie nachgewiesen werden konnte. Heinrich gelingt es nach dem Tod seines Schwiegervaters den wahren Mörder ausfindig zu machen und das Geheimniss  bis zu dessen Tod zu bewahren und es erst beim Besuch Eduards diesem und seiner Frau zu offenbaren.

Das alles wird berichtet in  einer nahtlose Niederschrift ohne Gliederung durch Kapitel, in einer heute umständlich und weitschweifig anmutenden Erzählweise. Die Handlung zum einen bestimmt durch die Dualität zwischen Eduard und Heinrich, deren vermeitlich freundschaftliches Verhältnis sich im Verlauf relativiert. Andererseits durch die Beziehung von Heinrich und Valentine, zwei gehänselten Aussenseitern, die zueinander finden, gemeinsam etwas Neues schaffen und miteinander glücklich werden. Und dann spielen natürlich Vater Quarkatz, der gegen die zu Unrecht erhobene Beschuldigung als vermeintlicher Mörder kämpft und der Landbriefträger Störzer, der Eduard als Kind von den Afrikareisen Lavaillants berichtet hat und ihn dadurch nach Südafrika, dem Kaffernland, und dort zu Wohlstand gebracht hat, eine wesentliche Rolle.

Dies ist ein komplexer, raffiniert gebauter und bis zum Ende spannend zu lesender Roman. Es lohnt sich auch heute noch die Geduld dafür aufzubringen.

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John Berger           „King“         King

Dies ist eine Parabel über obdachlose, und am Rand der Gesellschaft gestrandete Menschen, erzählt aus der Sicht eines Hundes. Eine Erzählperspektive, die John Berger schon in dem Kapitel Warum sehen wir Tiere an in seiner Abhandlung über die Kunst des Sehens beschäftigt hat. Beschrieben wird aus der Sicht des Hundes  King, der ihnen zugelaufen ist, ein Tag im Leben des Neapolitaners Vico und  der Holländerin Vica, die beide schon bessere Zeiten gesehen haben und seit dreißig Jahren ein Paar sind. Nun leben sie in einer Gemeinschaft mit anderen in „Saint Valéry“, einer Obdachlosensiedlung auf einer Müllhalde an der M 1000 in einem namenlosen Land. In zwei Zeitebenen erfahren wir von besseren Zeiten in Zürich und Neapel und von ihrem momentanen Alltag in der Großstand, in der sie nun um ihr Überleben kämpfen.

In sieben Kapitel, die mit der Uhrzeit voran schreiten, berichtet King von einem besonderen Tag ihres Lebens. Als sie am Abend ins Lager zurückkehren, erwartet sie dort die Polizei mit Baggern, um die illegale Siedlung dem Boden gleich zu machen, nicht ohne über das Megaphon zu verbreiten: „kein Grund zur Besorgnis, wir bringen sie in bessere Unterkünfte“. Aber die Bewohner wehren sich und haben doch keine Chance. So ist es am Ende King, der sie als Zerberus an den Acheron führt, an dessen jenseitigem Ufer ihnen  Sicherheit winkt. Aber als er sich umschaut, ist ihm niemand gefolgt.

„Es gibt wenig zu reden, wenn man keine Zukunft hat“, sagt Vico und daran hält sich auch der Autor. John Berger ist ein genauer Beobachter, der uns in knappen Sätzen am Leben dieser Schicksalsgemeinschaft teilhaben lässt. Es ist trauriger, aber auch sehr menschlicher Text. Ein Buch über die Würde einer Gruppe von Habenichtsen und nicht zuletzt eine anrührende Liebesgeschichte. Ob es sich, wie die FR schrieb, um „karitativer Kitsch“ und „Solidaritätsprosa“ handelt, mag der Leser selbst entscheiden. Wie bei John Berger, diesem vielseitigen und sozial engagierten Autor nicht ander zu erwarten, ist es zweifellos eine Littérature engagée.

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Wilhelm Genazino          „Das Glück in glücksfernen Zeiten“  Glück

Dies ist die Biographie des Philosophen Dr. Gerhard Warlich, der uns in elf Kapiteln an seiner Gedankenwelt als Wäschereiangstellter   teilhaben lässt. Einem – wie immer bei Genazino – entscheidungsschwachen, grüblerisch selbstmitleidigen, ängstlich klagenden Menschen, einem permaneten Beobachter der eigenen Befindlichkeiten, der an „melancholischer Verwilderung“ leidet und dessen einziger Halt  – auch dies, wie immer bei Genazino – eine Frau  ist, in diesem Falle Traudel, die ihn realistisch und entscheidungsfreudig versucht durch den Alltag zu steuern. Und es ist – wie immer bei Genazino – ein großes Lesevergnügen dem Protagonisten auf seinem Weg durch die Widrigkeiten seines Lebens zu begleiten.

So hat der philosophierende Wäschreifahrer und bekennender Busenfetischist (seiner Mutter und Traudels) es sich in seinem Leben recht gemütlich eingerichtet, bis seine „Lebensfortsetzungsbegleiterin“ dieses mit dem Wunsch nach einem Kind zunächst zum Wanken bringt, und ihn dann völlig aus der Bahn wirft. Letztlich endet Dr. Warlich in einer psychiatrischen Klinik, wo es ihm ebenfalls gelingt, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren und sich gedanklich mit Daueraufenthalt und  Frühverrentung zu beschäftigen.

Wie alle Romane Genazinos, hat auch dieser eine melancholisch resignative Grundstimmung, die durch den hintergründigen Humor Genazinos und seinen Sinn für Situationskomik  immer wieder konterkariert wird. Genazinos Markenzeichen ist eine Detailversessenheit in Beschreibungen von Nebensächlichkeiten, wie der Beobachtung einer zur Verwitterung auf den Balkon gehängten Hose, eines abgebissenen Kuchenstücks auf einem Autodach oder zu enger BH’s und eines Doppelkinns. Sein Manko ist , dass jeder neue Roman  in Inhalt, Stil und Struktur immer nur eine Variante der vorherigen ist, was den Leser auf die Dauer langweilen und ermüden kann. Es soll aber auch solche geben, die das Erscheinen des nächsten lebensuntüchtigen Protagonisten auf der literarischen Bühne nicht erwarten können. Jeder prüfe sich selbst.

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Alina Bronsky         „Scherbenpark“

KiWi Taschenbuch, 289 Seiten, 8,99 Euro   Scherbenpark

Sascha (Alexandra) Naimann, 17 Jahre alt und seit 7 Jahren in Deutschland, zwei jüngere Geschwister, Alissa und Anton, wohnhaft im Russenhochhaus „Solitär“, berichtet zunächst in Zeitsprüngen und später linear aus ihrem Leben. Sie kommt aus Novosibirsk in Russland und da hochbegabt geht sie in Berlin auf ein katholisches Elitegymnasium. Sie hat zwei Träume: ihren Stiefvater Vadim zu ermorden, der sie sexuell verfolgt und den sie hasst, und ein Buch über ihre Mutter zu schreiben, die bewundert und liebt. Die Bewältigung des traumatischen Mords ihrer Mutter durch Vadim bildet das narrative Rückgrat des Romans

Aus diesem Leben eines frühreifen, altklugen und verletzlichen Mädchens läßt  Alina Bronsky Sascha aus der Ichperspektive, in einer gehetzten, atemlosen Erzählweise berichten. Dabei ist die Sprache ist lediglich Transportmittel der Handlung. Der Satzbau ist einfach, jede zweite Zeile direkte Rede. Erst nach einer Weile bemerkt man, wie kalkuliert dieser Ton ist, eine Art artifizielle Schnodderigkeit. Im Gegensatz zu „Tschick“ klingt die Jugendsprache bei Bronsky authentischer. Natürlich werden auch Klischees transportiert über gewalttätige russische Männer, die alle Trainingsanzüge tragen und doch entkommt der Leser dem Sog dieses Buches nicht.

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Richard Yates         „Eine gute Schule“          Schule

Der Autor, der zu seinen Lebzeiten (1926 – 1992) nie die literarische Berühmtheit seiner Zeitgenossen John Updike, J.D.Salinger oder John Cheever erreichte, erlebt seit der der Verfilmung seines frühen Romans „Revolutionary Road“ 2007 mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet unter den Titel „Zeiten des Aufruhrs“ auch in Deutschland eine Renaissance. Der weitgehend autobiographische Roman „A good school“ erschien 1978 in den USA und wurde 2012 in der Übersetzung von Eike Schönfeld erstmals auf Deutsch veröffentlicht.

In einem persönlichen Vor- und Nachwort wendet sich der Erzähler, den wir in diesem Falle mit dem Autor gleichsetzen dürfen, an den Leser und berichtet, wie er als fünfzehnjähriger schlechter Schüler auf die „Dorset Academy“ gelangte (im Falle von Yates war es die „Avon Old Farms School) und dreißig Jahre später blickt der Autor zurück und denkt an seinen Vater, der immer etwas anderes als Handelsvertreter werden wollte und dankt ihm innerlich dafür, dass er das Schulgeld aufgebracht hat für eine Schule, die seinen Sohn zum Schriftsteller werden ließ.

Im Hauptteilberichtet dann ein auktorialer Erzähler von Groves Eintritt in die Schule, ein Junge in der Pubertät, mit fettigem Haar und indiskutablen Anzügen, wo er aufgrund seines Aussehens und seiner Herkunft von den Mitschülern Ziggi, Zigeuner, genannt wird und nachdem er seine ersten beiden Prügeleien kläglich verloren hat, gequält und erniedrigt wird. Die Situation eändert sich erst, nachdem aufgrund eines guten Aufsatzes in die Redaktion der Schulzeitung berufen wird und dort bis zum leitenden Redakteur aufsteigt und im Schreiben sein Talent entdeckt und Selbstbestätigung findet. Daneben werden gleichberechtigt seine Mitschüler und die Lehrer der Schule mit ihren Konflikten und Problemen beschrieben. In den letzten Kriegsjahren 1943/44 ziehen viele von ihnen direkt in den Krieg.

Dies ist ein Buch nicht nur über einen jungen Mann, der auf der Schule, die am Ende wegebn Geldmangels geschlossen wird, seine Berufung zum Schriftsteller entdeckt, sonder auch eine genaue und einfühlsame psychologische Beschreibung sozialer Unterschiede und sexuellen Erwachens. Sowohl Schüler wie auch die Lehrer haben mit ihren sexuellen Bedürfnissen zu kämpfen. Die mitfühlend-komische Beschreibung, wie der von Kinderlähmung behinderte Chemielehrer mit einem Selbstmordvesuch scheitert, weil es seinem gelähmten Bein nicht gelingt den Tisch umzustoßen auf dem er steht und sich darufhin wieder mit seiner Frau versöhnt, ist einer der schönsten Stellen des Buches.

Yates ist ein genauer Beobachter und beschreibt seine Protagonisten mit  feinem  psychologischem Einfühlungsvermögen. Stilistisch schreibt er kurze, klare und einfache Sätze. Die lineare Erzählweise ist arm an Höhepunkten und der Leser, der auf eine überraschende Wendung hofft, wird enttäuscht sein und das Buch vielleicht als langweilig empfinden. Die Stärke des Romans liegt in der einfühlsamen und detaillierten Beschreibung sozialer Konflikte, sexueller Spannungen und spannungsgeladener Beziehungen.

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Thomas Bernhard     „Die Ursache, Eine Andeutung“     Ursache

In den beiden Teilen des ersten Bandes seiner autobiographischen Texte (weitere sind: „Der Keller“, „Der Atem“, „Die Kälte“ und „Ein Kind“) setzt sich Bernhard mit seiner Schulzeit in Salzburg auseinander. Hilfreich ist es, zuvor einige biographische Daten, wie die uneheliche Geburt, das gespannte Verhältnis zur Mutter, die ihn immer gehasst hat, weil er seinem Vater überaus ähnlich sah, den Vater, den er nur von einer Fotografie kannte und den von ihm verehrten und geliebten Großvater, den Schriftsteller Johannes Freumbichler, zu kennen.

In den für Thomas Bernhard typischen, oft über mehr als eine Seite sich ausdehnenden, langen Schachtelsätzen, bei denen der Leser  Mühe hat Anfang und Ende des Satzes stimmig zu verbinden, beginnt er jeden der beiden Teile des Buches mit einer wortreichen Beschimpfung. Zunächst der Stadt Salzburg und dann des dortigen nationalsozialistischen  Internats mit seinem Direktor Grünkranz, das er besucht. Mit der Möglichkeit des Selbstmords, mit dem sein Großvater täglich drohte („Keine Unterhaltung, keine Unterweisung seinerseits, in welcher nicht unausweichlich die Feststellung folgte, daß es der kostbarste Besitz des Menschen sei, sich aus freien Stücken der Welt zu entziehen durch Selbstmord…“), aufgewachsen, bedrängen auch ihn der Gedanke daran, wofür er die „katholisch-nazistische Umwelt“ verantwortlich macht. Lediglich die Übungsstunden mit der Geige in einer Schuhkammer des Internats  trösten ihn in dieser „Todeskrankheit“. Als Kind hat er bereits früh eine Faszination für Friedhöfe, Leichenhallen und Tote entwickelt. Die Leidenszeit im NS-Internat „Johanneum“ in Salzburg wird 1943 durch die Bombardierung der Stadt beendet. Eindrucksvoll beschreibt Bernhard seine traumatischen Erlebnisse in den Luftschutzstollen unter der Stadt und die Zerstörung ihm vertrauter Häuser.  Nach dem dritten Bombardement Salzburgs holt ihn die Großmutter dann nach Ettendorf bei Traunstein, wo er  in einer Gärtnerei arbeitet.

Auch der zweite Teil des Buches beginnt mit einer Beschimpfung, in diesem Fall der „verblödeten und unaufgeklärten“ Eltern und der Religionen, die den Nichtwissenden dann noch den Rest geben und die Seele der Menschen vernichten. Aus dem nationalsozialistischem Schülerheim ist inzwischen das „streng katholische“ Internat Johanneum geworden, dessen geistlicher Leiter „Onkel Franz“ , der noch einen verhassten Präfekten beschäftigt, die Inkarnation von Grünkranz ist. Die Züchtigungen im katholischen Internat unterscheiden sich nicht wesentlich von denen im nationalsozialistischen-  und auch der Tagesablauf nicht, nur die Lieder sind andere geworden. Im Vergleich der katholischen und nationalsozialistischen Rituale in denen er keinen Unterschied sieht („wo das Hitlerbild an der Wand war, hing jetzt ein großes Kreuz“), läuft Bernhard zu verbaler Hochform auf. Der „Erziehungshäftling“ Thomas B. wird in dieser „Geistesvernichtungsanstalt“ zunehmend zum Aussenseiter. Mit fünfzehn Jahren zieht er die Konsequenz, kehrt er dem Gymnasium den Rücken und beginnt eine Lehre bei einem Lebensmittelhändler, die dann im Bericht „Der Keller“ beschrieben wird.

Stilistisch bereiten dem Leser Bernhards verschachtelte Satzgebilde zunächst Mühe, mit zunehmender Dauer dann aber auch Lesegenuss. Die Erzählperspektive wechselt zwischen autobiographischem Ich-Erzähler und auktorialem Erzähler in der dritten Person. Bernhard behandelt nur wenige Themen, diese aber in immer neuen Variationen, wobei er sich mit Vorliebe des doppelten Plusquamperfekts bedient. Und natürlich hat er auch einen bissigen Humor. Die Beschreibung der Umstände der Bestattung seines Großvaters, der nicht beerdigt werden kann, weil er nicht kirchlich getraut wurde, ist von großer Komik, für Bernhard aber zugleich eine Gelegenheit Salzburg und der katholischen Kirche am Leder zu flicken.

 Ein Lesegenuss für fortgeschrittene Leser!

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Julian Barnes      „Vom Ende einer Geschichte“

Vom Ende

btb Taschenbuch, 182 Seiten, 8,99 Euro

Dies ist ein raffiniert gebauter Roman in zwei Teilen mit einem überraschenden Ende, das hier nicht verraten werden soll. Es geht, entsprechend einer antiken Tragödie um Eros und Thanatos und scheiternde Beziehungen. Und über allem steht die Frage, ob das, was wir erinnern den wahren Ereignissen entspricht.

Im ersten Teil begegnen wir dem Icherzähler Tony Webster und seinen Klassenkameraden Colin und Alex, die ein freundschaftliches Dreiergespann bilden, bis Adrian Finn neu hinzu kommt und mit seiner ironisch distanzierten Art ihr Interesse findet. Nach Ende der Schulzeit verliebt er sich in Tonys erste Freundin Veronica. Von einem längern Amerikaaufenthalt zurück, erfährt er durch einen Brief von Adrians Tod, der sich umgebracht hat. Im Zeitraffer begleiten wir Tony dann durch Karriere, Ehefrau, Kind und Scheidung bis ins Rentenalter.

Teil zwei führt den Leser dann zur Erklärung der Vorgänge aus der Jugendzeit. Durch eine Anwaltskanzlei, die das Erbe von Mrs.Sarah Ford, der Mutter von Veronica, verwaltet, erhält er etwas Geld und zwei Dokumente.In einen kurzen Brief von Mrs. Ford, verweist sie auf ein Tagebuch von Adrian, das aber noch in Besitz ihrer Tochter Veronica ist und nun ihm gehören soll. Sie treffen sie sich in London, Veronica behauptet das Tagebuch verbrannt zu haben und übergibt ihm einen bitterbösen, rachsüchtigen Brief, den er vor langer Zeit an Adrian und sie geschrieben, und an den er eine ganz andere Erinnerung hat. Darum vereinbart er ein weiteres Treffen. Veronica fährt mit ihm von einer U Bahn Station mit dem Auto zu einem unbekannten Ort, an dem ihm eine Gruppe behinderter Menschen entgegenkommt, die von einem jungen Mann begleitet wird. Und als er sie ratlos anschaut sagt Veronica nur: du kapierst wohl gar nichts? Der Leser vermutlich auch noch nicht und die Spannung bleibt bis zur letzten seite erhalten.

In diesem raffiniert gebauten Roman hat jeder Satz seine Bedeutung. Vordergründig wird eine traditionelle Lebensgeschichte erzählt und der Leser spürt, dass im Hintergrund etwas Ungeheuerliches lauert. Im Wechsel zwischen Handlung und Reflexion errichtet Barnes ein komplexes Beziehungsgeflecht und am Ende des Lebens „herrscht große Unruhe“ und man darf inne halten und sich fragen „was habe ich sonst noch falsch gemacht?“.

Ein großartiger Roman, der in bester angelsächsischer Tradition spannende Unterhaltung mit großer Literatur verbindet.

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Annette Pehnt     „Hier kommt Michelle“Michelle

Mindestens so amüsant wie das schmale Büchlein, ist seineEntstehungsgeschichte, die zu inzwischen drei unterschiedlichen Vorworten geführt hat. Nachdem der Hausverlag (Piper) von Frau Pehnt den Text als nicht passend zum Autorinnenprofil abgelehnt hatte, wurde er in der Reihe „Text Mission“ der linksalternativen Freiburger Buchhandlung Jos Fritz veröffentlicht. Und er wurde ein überraschender Erfolg, so dass der Piper Verlag ab der dritten Auflage auf den fahrenden Zug aufsprang und den Text doch noch unter seine Fittiche nahm.

In vier Modulen erzählt uns ein selbstreflexiver auktorialer Erzähler, der das Geschehen immer wieder aktiv kommentiert, die Geschichte von Michelle, der Durchschnittsstudentin an der Pädagogischen Hochschule (an der die Autorin eine Dozentur hat) in Sommerstadt (Freiburg) mit seinem beschaulichen Flüsschen Springli (Dreisam). Michelle hatte gerade Stress, weil ihr Freund Manuel sie verlassen und mit seiner Didgeridoo nach Australien abgehauen ist. Sie möchte „etwas mit Kindern“ machen, ist brav, angepasst und ehrgeizig. Ein kleine Spießerin, die keine Haare in der Dusche und keine Fettschlieren in der Spüle mag und die Hochschule als Fortsetzung der Schule betrachtet, an der ihr gesagt wird, was sie zu tun hat. Davor steht aber die Dozentin Heike Blum, deren Arbeitsplatz vom Personalchef durch permanente Abmahnungen gefährdet ist, weswegen sie übelriechenden Kräutertee trinkt und sich liebevoll dem schon wegrationalisierten Keltologen Georg Hahnel zuwendet.Sie verlangt von ihren Studentinnen Eigeninitiative und Kreativität.

Auch das weitere Personal ist szenetypisch: der Rektor Klaus Maurer, der ständig Phrasen von sich gibt, die mit I wie Internationalisierung, K wie Kompetenz und G wie Globalisierung beginnen und für den es eine “Vorstufe zur Unsterblichkeit“ ist, möglichst oft mit seinem Foto in der lokalen Zeitung zu erscheinen. Sein übernächtigter Pressesprecher, der sein schreiendes Kleinkind nachts umhertragen muß, das ihm derweil auf seinen Pullover sabbert. Der Junganglist, von den Studentinnen bewundert, sportlich, modern, Internet affin und gut vernetzt, der  immer mal wieder eine seiner Bewunderinnen abschleppt. Und Nina, die linksalternative, alles kritisierende Dauerdemonstrantin, die als Hilfskraft für Studienbelange endet. Und zu guter Letzt der Mittelbau, der sich namenlos, blaß und übernächtigt hinter Roibuschtee verschanzt.

Das Thema diese Campustextes ist die Kritik am Umbau der Hochschulen und deren „Bolognisierung“. Dabei werden ihre typischen Vertreter und deren Verhaltensweisen karikiert. Es ist eine überzeichnete Satire auf den Unibetrieb, komisch, ironisch, böse und höchst amüsant zu lesen. Als Schlüsselroman birgt der Text natürlich zusätzlich lokalen Sprengstoff. Das alles ist sicher keine große Literatur – und gibt auch nicht vor, es zu sein – sondern gute Unterhaltung. Und von welchem deutschen Roman können wir das so einfach behaupten.

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Robert Musil     „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“

Törleßdtv TB, 256 Seiten, 6,90 Euro

Seit vier Jahren besucht der junge Törleß den Konvikt in W. – eine Analogie zu der von Musil besuchten Militär-Unterrealschule in Eisenstadt –  und hat ein furchtbares unbestimmtes Heimweh, „ein missglückter Versuch die Kräfte des Inneren zu entfalten“.  Im Konvikt langweilt er sich und findet den Unterricht inhaltsleer, bis er neue Freunde findet, die übelsten des Jahrgangs. Ihre Wildheit imponiert ihm, aber die Beziehung ist für ihn nur ein Spiel. Gemeinsam finden sie im Mitschüler Basini, der den Kameraden Geld getohlen hat, ein willkommenes Opfer, das sie unter ihre „Kuratel“ stellen, sexuell bedrängen und quälen. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der erwachenden Sexualität in der beginnenden Pubertät beim vierzehn jährigen Törleß, der das Treiben seiner Kameraden distanziert betrachtet und selbst nicht eingreift. Es ist dann Basini, der sich ihm sexuell nähert und im „eine neue Welt erschließt“ und der ihn um Hilfe gegen die Quälerei durch seine Kameraden bittet. Mit den vier Schülern hat Musil eine charakteristische Typologie geschaffen:

Törleß ist der Beobachter im Spiel, weich, sinnlich, schüchtern, depressiv, unsicher und zögerlich im Charakter, verändert er sich im Laufe seiner Pubertät immer mehr zu einem „jungen Mann von sehr feinem und empfindsamen Geiste“. Bereits früh kennzeichnet ihn die unablässige Suche nach einer tieferen, hinter der Fassade des Normalen und Augenscheinlichen angesiedelten Wirklichkeit. Immer wieder stellt er fest, dass er anders ist als die übrigen Zöglinge.

Beineberger ist der Mystiker, er ist schlank, hat schmale Hände und abstehende Ohren, ein stiller Denker und Okkultist, der vergeblich versucht Basini zu hypnotisieren. Er orientiert sein Denken und Handeln an den Erkenntnissen der indischen Religion und an deren Lehre vom Aufsteigen und Loslösen der Seele, womit er alle seine Experimente und Quälereien an Basini rechtfertigt.

Reiting ist der Tyrann. Er will zum Militär und Offizier werden. Ein machtbesessener Intrigant und Sadist, hinterhältig, gemein. Jeder, der sich ihm entgegenstellt, wird durch Drohungen, Züchtigungen oder öffentliche Erniedrigungen aus dem Weg geräumt. Basini stellt für ihn den Untergebenen dar, an dem er seine Wut auslassen und seine Macht ausüben kann.

Basini ist das Opfer. Er schuldet allen Geld, ist schwach, weich, weibisch, dumm, unterlegen und hilflos, aber freundlich. Ein Wichtigtuer. Basini wird zunächst als Sündenbock missbraucht, weil er gestohlen hat. Später wird er zu Törleß‘ wichtigster Komplementärfigur und akzeptiert zunächst bereitwillig seine masochistische Opferrolle.

Sprachlich bewegt sich Musil zwischen Heinrich Mann und Alfred Döblin, der heraufziehende Expressionismus ist bereits in Anklängen vorhanden. Heute erscheint der Text aber als ein emotional überfrachtetes, psychologisch-philosophisch unterlegtes Räsonieren und als romantische Gefühlsduselei. Permanente Gefühle von Ekel, Unlust, Übelkeit, Zweifel und Angst werden verbalisiert und Stimmungsschwankungen wortreich bebildert. Viele Satzgebilde mögen dem heutigen Leser pathetisch und inhaltsleer erscheinen.

In den Verwirrungen des Zöglings Törleß thematisiert Musil insbesondere die gesellschaftliche Moral und Prüderie gegenüber der erwachenden Sexualität in der Pubertät. Das Grundthema des Romans ist jedoch die Ichfindung , das Erwachen eines individuellen Selbstbewusstseins in einer autoritären Gesellschaft. Musil stellt in der Gestalt der Hauptfigur die Entwicklungskrise eines sensiblen Menschen dar, was zumindest teilweise auch sein eigenes Problem zum Zeitpunkt der Entstehung des Romans war. Durch die Erkenntnis seines eigenen Sexual- und Aggressionstriebs reift in Törleß schließlich ein ästhetisches Bewusstsein, das zwar von ihm noch nicht benannt werden kann, aber schon den späteren Künstler in ihm aufscheinen lässt: „diese Wortlosigkeit fühlte sich köstlich an, wie die Gewissheit eines befruchteten Leibes, der das leise Ziehen der Zukunft schon in seinem Blute fühlt“.  Im Gegensatz zum vorhergehenden Buch ist dies ein klassischer  Bildungsroman:

„Eine Entwicklung war abgeschlossen. Die Seele hatte einen neuen Jahresring angesetzt wie ein junger Baum – dieses noch wortlose, überwältigende Gefühl entschuldigte alles, was geschehen war.“

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Judith Schalansky       „Der Hals der Giraffe“Schalansky

 Suhrkamp TB, 222 Seiten, 9,99 Euro

Das Darwin Gymnasiums in der ehemaligen DDR soll mangels Schülern geschlossen und in eine „Heimvolkshochschule“ umgewandelt werden. Inge Lohmark, der langjährigen Biologie- und Sportlehrererin, die sich bereits “ in der rosa Beule der Alterspyramide“ befindet, droht nun die Versetzung. Das letzte Schuhljahr an ihrer Schule beginnt für sie mit dem Biologieunterricht in der neunten Klasse. Durch dreißig Jahre Schulerfahrung hat sie einen verbitterten, ernüchterten Blick auf ihre Schüler. Sie ist hart, streng, gerecht und autoritär. Keine Lieblinge, keine Ausnahmen ist ihr Prinzip, dem sie mit einer erotisch gefärbten stillen Zuneigung zu einer Schülerin dann selbst untreu wird. Sie ist nicht abgehauen, wie die anderen, sondern immer schön da geblieben und beklagt jetzt den Verlust der guten alten Zeit. Als IM hat sie ein paar Berichte über ihre Kollegen  geschrieben. Ihr Menschenbild ist von den Naturwissenschaften und von Lamarck und Lyssenko geprägt. Und ihre Schüler charakterisiert sie gerne mit Adjektiven aus der Tierzucht.

Der Gegenentwurf zu ihr ist „die Schwanneke“, die Kunstlehrerin aus dem Westen, die es wagt, das „sumpfige Geschmiere“ der Monet-Seerosen neben die Quallen von Ernst Haeckel zu hängen. Sie ist der Typ der mitfühlenden Lehrerin, die Verständnis für die Schüler aufbringt, jedem eine neue Chance gibt und sich mit allen duzt, während die Lohmark nur beißender Spott für die neue Generation Mädchen hat, die keine Kader mehr sind.

Zum einen lebt das Buch von dieser bewußt klischeehaften Darstellung der unterschiedlichen Schul- und Erziehungssysteme in  der DDR und BRD. Zu recht weist die Autorin in einem Interview darauf hin, dass auch wissenschaftliche Erkenntnisse immer ideologisch geprägt sind:

„In den DDR-Biologiebüchern kann man das schon daran erkennen, dass alle Entdeckungen von Sowjet-Wissenschaftlern gemacht worden sind. Heute sind es meist amerikanische. Da schreibt sich natürlich auch die Zeitgeschichte mit hinein.“

Anhand von drei Biologiestunden, für die der Lehrplan von Mecklenburg-Vorpommern als Vorlage diente, entwickelt Inge Lohmark nun vor der Klasse in drei, mit „Naturhaushalte, Vererbungsvorgänge, Entwicklungslehre“ überschriebenen Kapiteln ihre biologistische Weltsicht. Zugleich gewährt sie dem Leser aber Enblick in ihr gescheitertes Privatleben, auf Ehemann Wolfgang, der eine Straußenfarm betreibt, und der mehr Zeit mit den Tieren, als mit seiner Frau verbringt und auf Tochter Claudia, 35 Jahre alt, die seit 12 Jahren „Auslandserfahrung“ in den USA sammelt und gerade eine Mail mit „just married“ geschickt hat. Wobei sich das wirkliche Familiendrama erst am Ende des Buches offenbart, als ein Mädchen aus ihrer Klasse gemobbt und misshandelt wird, während sie über die Entwicklung des Giraffenhalses doziert. Eine Parallele zu einem Erlebnis mit ihrer eigenen Tochter, die sie als ihre Lehrerin zurück gewiesen hat, als sie misshandelt und schutzbedürftig zu ihr in die Klasse kam. Aber diese Mädchen interessierten und interessieren sie nicht. Sie gehören in der Evolution zu den Verliererinnen. Nur die Sieger sind, wie beim Völkerball,  die Fähigsten.

Was ist dies für ein Buch, ist es eine wissenschaftlich Abhandlung oder ein Roman? Ein Wenderoman, oder wie von der Autorin im Untertitel angegeben, ein Bildungsroman? Es hat von allem etwas und ist natürlich ein „negativer Bildungsroman“, denn es wird nicht die Entwicklung einer Person, sondern gerade die Verweigerung einer Entwicklung beschrieben. Wie Judith Schalansky selber sagt:

Nun, es steht ja Bildungsroman auf dem Buch aber es ist eine Negation des klassischen Bildungsromans. Wir haben alle Dinge umgekehrt, wir haben eine alte Heldin, nicht naiv sondern frustriert, nicht ahnungslos, sondern verbildet. Dieses Konzept von Entwicklung hat mich total gereizt, denn die Region entwickelt sich eben nicht mehr.

Formal, stilistisch und sprachlich ist dies ein gelungenes Buch. Die Autorin ist eine Formulierungskünstlerin, der es gelingt mit ihrem Text eine Verbindung von Literatur und Naturwissenschaft zu schaffen. Sprachlich werden biologische Begriffe wie Aufzucht, Frohwüchsigkeit oder Duldungstier im literarischen Kontext verwendet und die jeweils ungrade Seitenzahl ist mit einem dieser Begriffe überschrieben, was Assoziationen zu einem Lehrbuch der Biologie weckt. Nicht unerwähnt bleiben darf die Gestaltung des Buches, denn nicht umsonst hat die Autorin Kommunikationsdesign studiert und mit ihrem Erstlingswerk „Fraktur mon amaour“ eine Liebeserklärung an die Frakturschrift veröffentlicht. Vom Einband und dessen Gestaltung, bis hin zu den im Buch zahlreich enthaltenen Zeichnungen, ist alles vom Feinsten und von  der Autorin eigenhändig gestaltet. Es ist ein Genuß dieses Buch zur Hand zu nehmen. Judith Schalansky gehört zweifellos zu den interessantesten jungen deutschen Autorinnen.

In diesem Roman gelingt ihr ein furioser Beginn, der den Leser sofort fesselt und mitreißt. Leider geht der Schwung im Lauf des Romans etwas verloren und der Text gleitet zum Ende hin in ein (gewollt) pädagogisches Dozieren ab, was dem Leser einiges an Geduld und biologischen Interesse abverlangt. Trotzdem sehr lesenswert!

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Heinrich Mann        „Professor Unrat“Unrat

rororo TB, 240 Seiten, 7,99 Euro

Dieser 1905 erschienene Roman  Heinrich Manns war sein erster großer literarischer Erfolg und wurde durch die spätere Verfilmung als „Blauer Engel“  mit Marlene Dietrich und Emil Jannings weltberühmt. Von einem allwissenden Erzähler wird die Geschichte des Professors Raat, Gymnasiallehrer und  Mensch ohne „bürgerliches Laster“, der sich von allen Seiten von „Feinden“ bedroht sieht, die ihn mit seinem Spitznamen „Unrat“ rufen, erzählt. Sein Motto ist: „Das Wahre ist nur die Freundschaft und die Literatur“. Aber Freunde hat er keine und Literatur, das sind für ihn nur die alten Griechen. Er behandelt seine Schüler als Feinde, manche sogar als Erbfeinde und die Güte eines Schuljahres hängt davon ab, ob Unrat einen „fassen“ konnte, der seinen Spitznamen rief. Er ist ein Menschenfeind, der sich von Feinden umgeben sieht und sie erbarmunglos verfolgt.

Seine Gegenspieler sind drei Schüler, von denen er insbesondere Lohmann als Feind ausgemacht hat, da er ihn nicht einmal mit seinem Spitznamen anredet. Dieser ist es auch, der ihn letztlich mit einem, in sein Aufsatzheft gekritzeltem Gedicht, gerichtet an die „hehre Künstlerin Rosa Fröhlich“, ins Verderben schickt. Denn Unrat begibt sich nun auf die Suche nach dieser „Künstlerin“, findet sie in einer Nachtbar und verfällt ihr. Die offene und einfache Herzlichkeit und Unbekümmertheit von ihr und den weiteren  zwei Künstlern trifft auf die unbedarfte Verklemmtheit Unrats, des „einsamen Allerweltfeinds“. Standesunterschiede sind aufgehoben und es entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit: Unrat nutzt die Beziehung zur Rache an seinen Schülern, Rosa für den gesellschaftlichen Aufstieg („Ich werd‘ sie doch nicht laufen lassen, Alterchen“). Es entsteht aber auch auf menschlicher Ebene eine Nähe zwischen den beiden einsamen Einzelgängern. Rosa, die bisher nur flüchtige Beziehungen mit wechselnden Partnern hatte aus denen eine Tochter stammt, spürt zum ersten Mal, dass jemand ernsthaft Verantwortung für sie übernimmt. Unrat, der verklemmte Menschenfeind, der einmal verheiratet war und ebenfalls ein Tochter hat, spürt vielleicht zum ersten Mal Zuneigung  und Nähe. Nach einem Prozeß, in dem Rosa ehrlich von einer Beziehung zu einem seiner Schüler spricht, ist Unrat tief enttäuscht von ihr und fühlt sich hintergangen. Und als er, als Folge des Prozesses um ein geschändetes Hühnengrab, im Kollegium und der Stadt geächtet wird und aus dem Gymnasium entlassen wird, bricht eine  Welt für ihn zusammen.

Leider hat Heinrich Mann es versäumt, den Roman an dieser Stelle, nach dem 11.Kapitel, enden zu lassen. Es wäre ein großartiger und logischer Schluß gewesen. Es folgen aber noch fünf weitere Kapitel eines sich in die Länge ziehenden „zweiten Teils“ in dem die Heirat mit der „Künstlerin Fröhlich“, ihr gemeinsamer zweifelhafter gesellschaftlicher Aufstieg, trotz permanenten Geldmangels, und letztlich die Verhaftung Unrats stehen. Sprachlich und inhaltlich vermag der Roman heute nicht mehr zu überzeugen, wenngleich die geschilderten Charaktere zeitlos sind.

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Wolfgang Herrndorf       „Tschick“Tschick

rororo TB, 256 Seiten, 8,99 Euro

Maik Klinkenberg, vierzehn Jahre, achte Klasse Hagecius Gymnasium Berlin, erzählt in diesem Buch die Geschichte einer gemeinsamen Reise mit seinem Klassenkameraden Tschick in die Walachei. Auf den ersten vierzig Seiten beschreibt Maik dann seine bisherige „Schulkarriere“, denn damit hat er ein Problem: er gilt in der Klasse als  ein Langweiler und er leidet unter einer platonische Liebe zu Tatjana Cosic, die ihn nicht zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen hat. Sein Leben ändert sich radikal, als Andrej Tschichatschoff, genannt Tschick in seine Klasse kommt, der mit Mongolengesicht und Alkoholfahne antritt und eine Plastiktüte als Schultasche trägt. Beide sind einsame Außenseiter in der Klasse, die sich nur zögerlich anfreunden und sich bei gemeinsamen Computerspielen langweilen. Bis Tschick mit einem gestohlenen klapprigen Lada Niva auftaucht und nach einhundert einleitenden Seiten die Reise beginnt: Sommerferien in der Walachei, was sich ohne Landkarte als schwierig erweist. Und die Polizei ist ihnen auch bald auf den Fersen. Mehr sei nicht verraten, man muss diesen großartige Stoff für ein Roadmovie selber gelesen haben!

Die einleitende Beschreibung der Schulzeit, die abenteuerliche Reise im gestohlenen Wagen und letztlich die Rückkehr ins Elternhaus gliedern das Buch grob in drei Teile. Die beiden Protagonisten Maik und Tschick, flankiert von den beiden sehr unterschiedlichen Mädchen Tatjana und Isa, sind nicht sehr differenziert gezeichnet. Sie entsprechen den Klischees des schüchternen, häuslich vernachlässigten, reichen Langweilers (Graf Koks von Klingenberg) und des asozialen Ausländers aus dem Vorstadt Ghetto, dem Hochhaus-Asi. Auch das Klischee vom ständig betrunkenen Russen und dem Elternhaus, in dem der Vater zur Sekretärin und die Mutter zum zum Alkohol greift, werden bedient.

Trotzdem gelingt es dem Autor den Leser sowohl mit der Handlung, als auch sprachlich zu fesseln. Verknappte Sätze in schnoddrig-flapsiger Sprache und Worte wie „endbescheuert“, „endgeil“, „endgestört“ sollen eine Jugendsprache suggerieren, die es als solche nicht gibt. Jugendsprache ist komplex, zeitlich begrenzt und szenetypisch vom Migrationshintergrund geprägt. Trotzdem gelingt es Herrndorf mit seiner Pseudo- Jugendsprache, zumindest den älteren Lesern glauben zu machen, dass Jugendliche so sprechen.

Natürlich ist „Tschick“ nicht der Roman „…den wir auch in fünfzig Jahren noch lesen wollen…“, wie  Franziska von Lovenberg auf dem Buchumschlag apodiktisch erklärt. Was das Buch aber heute für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen lesenswert macht, ist die gelungene Balance zwischen Komik und Ernst, zwischen Lachen und Weinen. Szenen von großer Situationskomik, die dem Alltag genau abgeschaut sind, stehen sehr stille und nachdenkliche Passagen gegenüber, in denen altersentsprechende Probleme reflektiert werden und in denen eine große menschliche Nähe aufscheint, wenn die beiden Jungen sich vor dem absehbaren Ende gestehen, dass dies die tollste und aufregendste Woche ihres Lebens war. Es ist diese Kombination aus Situationskomik und Nachdenklichkeit, die das Buch zu einem wirklich guten und lesenswerten Roman macht.

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Siegfried Lenz     „Schweigeminute“

Schweigeminute

dtv TB, 128 Seiten, 7,90 Euro

Einer der großen deutschen Autoren der Nachkriegszeit hat dieses Buch 2008 mit 82 Jahren veröffentlicht, zwei Jahre nach dem Tod seiner langjährigen Ehefrau Liselotte und kurz nachdem er erneut geheiratet hatte. Man darf sicher davon ausgehen, dass dieser Text Teil der Bewältigung des Todes seiner ersten Frau war, der ihn schwer getroffen hatte.

Bereits auf der ersten Seite der kapitellosen Novelle erfährt der Leser, im Rahmen schulischen Abschiedsfeier für die verstorbene Lehrerin Stella, viel über den Inhalt der Novelle. Das mindert einerseits die Spannung, andererseits wird Neugier geweckt zu erfahren, wie es zum Tod der beliebten Lehrerin gekommen ist.

Das Geschehene wird von Christian, Schüler des Gymnasiums und Liebhaber von Stella, während der Schulfeier in Rückblenden erzählt. Immer wieder hält er mit Stella Zwiesprache und spricht sie auch direkt als Du in der zweiten Personen an. Die Handlung spielt in den siebziger Jahren und wechselt zwischen der Gegenwart der Abschiedsfeier und der Erinnerung an die gemeinsame kurze Vergangenheit.

Christians Vater ist „Steinfischer“ und er reparieren eine Mole, als Stella auftaucht zuschaut und aufs Boot kommt und dort ihren Schüler Christian trifft. Bei einem Strandfest in Hirtshafen kommen sie sich näher und es kommt zu einer gemeinsamen Nacht im Hotelzimmer. Bei einem Bootsausflug zur „Vogelinsel“ kommt es zu einer Liebesszene am Strand. Während Christian bereits pubertäre Zukunftspläne für sie beide macht, unternimmt Stella mit Freunden für einige Tage einen Segeltörn. Christian plant derweil die gemeinsame Zukunft. Ein Sturm kommt auf, Stelle kommt mit dem Segelboot zurück, es läuft im Sturm auf den Steinwall und kentert. Stella wir zwischen Bootswand und Steinwall eingeklemmt und schwer verletzt. Christian und andere Schüler besuchen sie im Krankenhaus. Stella stirbt an den erlittenen Kopfverletzungen und wird auf See bestattet. Soweit die überschaubare Handlung.

Es handelt sich um eine schlichte Handlung in ebensolcher Sprache.Lenz Sätze sind, zum Beispiel verglichen mit denen in der „Deutschstunde“, sehr einfach geworden, wirken gelegentlich unbeholfen und hölzern. Gelungen sind die beiden Liebesszenen des Buches, die sehr zart und keusch nur Angedeutungen geben und keine Detailschilderung. Andererseits erfährt der Leser erfährt nicht, wie, wann und vor allem warum Stella und Christian sich überhaupt ineinander verlieben. Welche Gründe sie hat, was der der Auslöser für ihre Zuneigung ist, bleibt ungesagt. Von den Empfindungen, den Bedenken Stellas, in der immerhin für sie sehr riskanten Beziehung, erfährt man nichts. Die Beziehung hätte auch in einer gesellschaftlichen Katastrophe enden können. Die Lehrerin-Schüler-Beziehung wird mit ihrem Risiko von Christian nicht erkannt. Dieser Aspekt bleibt unerwähnt, gehört vielleicht auch nicht in eine Novelle.

Es gibt in dem Buch keine Passage, die einen wirklich mitnimmt, ergreift oder berührt. Es entsteht keine Spannung, es weckt keine Neugier. Christian und Stella bleiben als Personen schwach und ihre Charaktere nicht fassbar. Die einzige Person, von der wir vielleicht ein Bild vor Augen haben, ist Stellas gebrechlicher Vater. Zudem werden die Seiten mit, für den Fortgang der Handlung unerheblichen Ereignissen gefüllt, wie einer Konferenz von Fischereiexperten oder einem festgefahrenen Kutter.

Dies ist eine „altmodische“ Erzählung in einfacher Sprache. Kein schlechtes Buch, aber eines mit vielen Mängeln. Siegfried Lenz hat das Buch im hohen Alter geschrieben, das weckt Bewunderung, man merkt es ihm aber auch an. Vielleicht ist es das Buch eines Seniors für Seniorinnen. Vielleicht aber auch eine Hommage des Verlages Hoffmann und Campe an einen großen Schriftsteller.

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Sibylle Lewitscharoff     „Apostoloff“         Apostoloff

Suhrkamp TB, 248 Seiten, 8,99 Euro

Eine „schwäbische Bulgarenclique“ reist in die alte Heimat, um die Überreste der Vorväter der heimischen Erde zu übergeben. Die Töchter eines der Überführten machen im Anschluss eine Rundreise durch das Land.

1945 sind zwanzig Bulgaren nach Stuttgart gekommen, der „Bulgarenverein“, um sich die „erstbesten Blondinen“ zu schnappen, darunter Vater Lewitscharoff und Alexander Iwailo Tabakoff.  Letzterer macht mit undurchsichtigen Geschäften viel Geld und wandert nach Amerika aus. Als fast alle der Clique gestorben sind, kommt er auf die Idee, ihre sterblichen Überreste  in einem Autokorso – „halb Staatsbesuch, halb Rosenmontagszug“ – von Stuttgart nach Sofia zu bringen um sie in der Heimat zu bestatten .

Die Icherzählerin, ihre  zwei Jahre ältere Schwester – Kinder dieser deutsch-bulgarischer Liaison –  sind gemeinsam mit dem Fahrer Rumen Apostoloff auf den Spuren ihres verstorbenen Vaters Kristo, gewesener Frauenarzt in Stuttgart, unterwegs, um zunächst die Überreste des Vaters, der Suizid beging, zu begleiten und im Anschluß auf einer Rundreise dessen Heimatland kennen zu lernen. Die ältere Schwester dient dabei als Projektionsfläche der Gedanken und Gefühle der Icherzählerin und kommt selbst nur in indirekter Rede zu Wort.

Erzählt wird dies mit viel Witz in einer miteinander verwobenen doppelten Reiseerzählung in zwei Zeitebenen. Zum einen begleitet der Leser die Vorbereitungen und die Durchführung des Leichenzugs bis nach Sofia und die anschließende einwöchige Rundreise des Trios durch Bulgarien, und zum anderen erfährt er im Rückblick von der Ankunft des „Bulgarenvereins“ 1945 in Stuttgart und den Erinnerungen an die eigene Jugend und die Eltern. Dabei bekommen alle reichlich Lewitscharoffsches Fett ab, die Eltern, Degerloch und vor allem Bulgarien.

Sibylle Lewitscharoff ist eine wortmächtige Autorin, der amüsant-skurrile Beschreibungen gelingen, so, wenn sie die Begegnung mit dem Adel oder ihren Vater im Himmel beschreibt. An den besten Stellen des Buches gelingen ihr wunderbar bildhafte Darstellungen von Landschaften oder Personen in einer hochpoetischen Sprache. Dann bedienst sie sich wieder einer gekünstelten Sprache mit eigenen Wortschöpfungen wie „leibgeniale Mutter, fiebernder Rotmund“, oder beschreibt einen „aufgetummelter Zustand, aufgezwickte Grillenmusik und weggedämmerte Zeiten“. Das wirkt alles ein wenig gewollt und zwanghaft, wie auch der gelegentlich eigenwillige und  sperrige Satzbau, der den Text zwar originell, aber nicht leicht lesbar macht.

Ein Buch, in das man sich einlesen muß, da man erst häppchenweise und mit Verzögerung den skurrilen Reisegrund erfährt, das man dann aber mit viel Freude und einem permanenten Schmunzeln um die Lippen liest, und in dem man nebenbei auch eine Menge über die Zustände im heutigen Bulgarien erfährt. Dafür vier „verschlierte Herzkammern“.

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Hans Joachim Schädlich     „Kokoschkins Reise“     Kokoschkin

rororo TB, 192 S., 8,99 Euro

Zwei ältere Herren verabschieden sich am 7.9.2005, am Ende einer gemeinsamen dreiwöchigen Reise. Der eine reist zurück nach Prag, der andere, Fjodor Kokoschkin, weiter nach London und Southampten, um dort die Queen Mary 2 zur Rückfahrt nach New York zu besteigen. Im Folgenden werden im Wechsel zwei Geschichten erzählt:

In der einen berichtet ein allwissender Erzähler in der Gegenwart vom Leben auf See, den Personen des „Sechsertisches“ im 1349 Plätze umfassenden „Britannia Restaurant“, der Zuneigung Kokoschkins zu Olga Noborra, einer mitreisenden Botanikerin (Spezialgebiet Dachbegrünungen). Im Mittelpunkt stehen die Restaurantbesuche, deren Speisefolgen minutiös dokumentiert werden. Ansonsten schlägt man auf dem „schwimmenden Seniorenheim“ die Zeit tot, streitet sich und beendet den Abend in der Karaoke Bar. Das alles wird unterhaltsam, ironisch-spöttisch bis zynisch beobachtet und beschrieben.

Die zweite Handlungsebene, die, so darf man vermuten, dem Autor eigentlich am Herzen liegt, berichtet von der stattgehabten Reise des jetzt über 90 jährigen Kokoschkin zurück an die Orte seiner Kindheit und Jugend. Begleitet wird er dabei von einem alten Freund, dem Bibliothekar Jakub Hlaváček aus Prag, der die Rolle des Fragenden und Stichwortgebers übernimmt. Die Reise beginnt mit dem Besuch von Petersburg, das Kokoschkin 1918 verlassen hat. Im Mariinskaja-Hospital wurde im Januar 1918 sein Vater, Mitglied der verfassunggebenden Versammlung, von den Bolschewiken ermordet. Die Mutter flieht mit ihm ins multikulturelle Odessa. Als die Bolschewiken auch diese Stadt besetzen, flieht die Familie nach Berlin. Er erinnert sich an seine Ankunft 1922 in Berlin als Zwölfjähriger in der Pension Crampe, zur damaligen Zeit eine Anlaufstelle für russische Emigranten. Hier treffen sie auch auf Iwan Bunin, Nina Berberowa und Wladislaw Chodassewitsch und man macht einen Besuch bei Maxim Gorki in Bad Saarow. Fjodor kommt als 13 jähriger in ein Internat, das Joachimsthalsche Gymnasium in Templin, in dem er eine „Freistelle“ bekommt und sechs Jahre bis zum Abitur bleibt. Anfang 1930 beginnt er ein Biologiestudium in Berlin. 1933, er ist im sechsten Semester, fühlt er sich zunehmend unwohl in Berlin und reist nach Prag.  Er stellt einen Antrag auf ein Stipendium in Amerika. Dieses wird dank der Stellungnahmen von Kerenski und Chodassowitsch bewilligt und er erhält ein Visum für Amerika. Im März 1934 sticht er von Cherbourgh aus in See, Richtung Amerika.

So werden im Buch die aktuelle Reiseerlebnisse  mit historischen Ereignissen verknüpft und wir haben eine Geschichte in der Geschichte. Geschildert wird ein typisches russisches Emigrantenschicksal um die Jahrhundertwende, wie es auch Nabokov (auch dessen Vater wurde erschossen, allerdings in Berlin) und andere erlebt haben. Der Zeitrahmen reicht von der russischen Oktoberrevolution bis zum Attentat auf das World Trade Center. Das Buch ist einfach zu lesen, da Schädlich stilistisch eher kurze und knappe Feststellungen als lange beschreibende Sätze verwendet, ein Reportagestil. Viele Erlebnisse und Gefühle werden nur angedeutet, etwa wenn Kokoschkin von Hlaváček nach seiner großen Jugendliebe Aline  gefragt wird:  „Haben sie Aline wiedergesehen?“ und er mit einem einfachen „Nein“ antwortet. Dies ist ein absolut lesenswertes Buch und gut geeignet zum Einstieg in die russische Literatur des 20. Jahrhunderts.

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Cees Noteboom      „Die folgende Geschichte“Nooteboom

Suhrkamp TB, 148 S., 7,99 €

Nooteboom hat mit dieser, durch Lobeshymnen des „Literarische Quartett“ im Oktober 1991 bekannt gewordenen Novelle, den Lesern zunächst Rätsel aufgegeben. Selbst M. Reich-Ranicki bekannte damals: „Ich habe das Buch nicht ganz verstanden, aber was ich verstanden habe, hat mich tief bewegt…“. Die Ursache für die anfänglichen Verständnisprobleme liegt in dem raffinierten Aufbau der Novelle. Sie besteht aus zwei Teilen und besitzt eine Ringstruktur, die erst am Ende vollständig zu überschauen ist. Der zweite Teil, in dem sich der Icherzähler Herman Mussert gemeinsam mit sechs weiteren Passagieren, darunter eine geheimnivolle Frau, auf eine Schiffsreise von Belém in Lissabon nach Belém in Brasilien (Ringstruktur!) begibt, um letztlich in den „Rio Negro“, den schwarzen Fluß, einzufahren, erweist sich als mythologisch unterfütterte Reise auf einem Totenschiff in Begleitung einer „Todesgöttin“. Jeder der Passagiere erzählt der Frau am Ende der Reise seine Geschichte, bei der er zu Tode kam und Hermann Mussert, der als Letzter der Reisenden an der Reihe ist. erzählt  „Die folgende Geschichte“, die den ersten Teil der Novelle bildet. Erst hier, am Ende des Buches wird deutlich welchem „Du“ er seine Geschichte erzählt.

Im ersten Teil, berichtet der vorzeitig von der Schule entlassene Altphilologe,  von seinen Schülern Sokrates genannte, und nun als Dr. Strabo Reiseführer schreibende Icherzähler Herman Mussert, der sich in Amsterdam, mit einem „Vanitasbild“ in der Hand, schlafen gelegt hat, um dann in einem Hotelzimmer in Lissabon zu erwachen, in dem sich zwanzig Jahre zuvor „eine der bedeutsamsten Episoden seines Lebens“ abgespielt hat, von diesem Ereignis, einer Liebesaffäre mit seiner Kollegin Maria Zeinstra, die tragisch endet. Auch, dass der Grund für diese Zeitreise der Tod des Erzählers in Amsterdam ist, begreift der Leser erst am Ende der Novelle. Es entstehen zwei in einander verwobene Zeitebenen, in denen nicht nur der Icherzähler immer wieder in die dritte Person wechselt, sondern auch die Erzählebenen wechseln, was zunächst verwirrend ist. Die „Geschichte“, die Mussert zu berichten hat ist ein klassisches Eifersuchtsdrama, das für eine der Beteiligten tödlich endet. In diesem Rahmen werden  aber ganz andere, Nooteboom am Herzen liegende Themen, bearbeitet. Es geht vor allem um den Tod und die Metamorphosen die der Mensch auf dem Weg dorthin durchläuft. Nooteboom hat sich selbst dazu in einem Interview geäußert:  „Jedem sei seine eigene Interpretation gestattet, für mich aber ist es eine Geschichte über den Tod, ganz einfach. Ein Mann stirbt in Amstersam und sieht sein ganzes Leben in wenigen Sekunden an sich vorüber ziehen.“ Im Text finden sich immer wieder Hinweise und Anspielungen auf dieses Thema, wie die Zerlegung und Verwandlung eines Rattenkadavers durch Totengräberkäfer im Biologieunterricht von Maria Zeinstra.

Es geht aber auch um den Gegensatz zwischen der Antike, die Hermann Mussert mit Vorträgen von Phaetons Himmelfahrt und Sokrates Tod vor der Klasse repräsentiert und der Moderne, für die die Biologielehrerin Maria Zeinstra steht. Es geht um die Liebe, die den Junggesellen Mussert zum ersten Mal in seinem Leben erfasst, während seine Partnerin nur Rache am untreuen Ehemann nimmt. Insgesamt eine stilistisch großartig erzählte, raffiniert aufgebaute und vielschichtig erzählte Novelle, die sich aber eher  für fortgeschrittene Leser eignet.

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Christoph Ransmayr      „Der fliegende Berg“Der fliegende Berg

Fischer TB, 368 S., 9,95 €

Das Buch erzählt die Geschichte zweier ungleicher Brüder. In Rückblenden wird ihre Kindheit in Irland erzählt und als Erwachsene begleiten wir sie  in Osttibet auf dem Weg zur Besteigung eines über 6.000 Meter hohen Gipfels. Der Ältere, der sein Leben wie ein Computerprogramm plant, und zielstrebig einen bisher unbestiegenen Himalayagipfel im Land Kham im Osten Tibets besteigen will, um dann wieder nach Irland, auf seinen einsamen, vor der Südwestküste auf einer Insel gelegenen Hof, und an seine Computer zurück zu kehren.  Der jüngere, namenlose, aus der Rückschau berichtende Icherzähler, der zur See fährt,  Zeit und Muße hat und  dem Drängen seines Bruders zur Reise nach Tibet nur widerwillig folgt. Er findet sein Ziel in der Liebe zu einer jungen Frau vom Clan der Khampas, ein Ziel, das sein homosexueller Bruder auch herbeisehnt, aber im konservativ-katholischen Irland nicht verwirklichen kann. Unterschiede im Charakter, die bereits in der Kindheit deutlich werden, wenn der Ältere mit seinem gewalttätigen, IRA begeisterten Vater in die Caha-Mountains zum „Manöver“ zieht, während der Jüngere sich mit Fluchtgedanken beschäftigt.

Die Besteigung des „Fliegenden Berges“ endet tödlich für einen von ihnen. Zwar wird der Gipfel gemeinsam erreicht, aber beim Abstieg verliert man sich im Schneesturm aus den Augen. Der Jüngere der Brüder ist so erschöpft, das er die Nacht in einer Schneehöhle verbringt und zu sterben glaubt. Das Buch beginnt dann auch mit seiner Nahtoderfahrung und der wundersamen Rettung durch seinen Bruder, der ihn findet und im Abstieg begleitet bei dem er dann selbst in einer Lawine umkommt. Es ist vielleicht folgerichtig, dass der entschiedenere, der entschlossenere, der zielstrebigere der beiden Brüder am Ende sein Leben lassen muss. Darin unterscheidet sich die Handlung auch vom Schicksal der beiden Messner-Brüder bei denen der jüngere Bruder Günther im Juni 1970 bei der Besteigung des Nanga Parbat über die Rupalwand ums Leben kam, ein bis heute nicht vollständig geklärtes tragisches Ereignis. Nun ist Christoph Ransmayr mit Reinhold Messner gut befreundet und sie haben viele gemeinsame Bergtouren, auch im Himalaya, unternommen und es liegt nahe, dass Ransmayr das Schicksal der Messner-Brüder als Vorlage für seinen Roman genutzt hat, zumal Details, wie der vorzeitige Aufbruch des älteren Bruders zur Gipfelbesteigung identisch sind. Ransmayr weist dies allerdings von sich und erklärt, eine allgemeingültige Tragödie über das Schicksal von Brüderpaaren geschrieben zu haben: „….die Entdeckungsgeschichte ist voller Tragödien von Brüdern, die zu irgendeinem Ziel, einem geographischen oder politisch utopischen Ziel, aufbrechen und nur einer von beiden kehrt lebend zurück.“

Die Besonderheit des Buches ist die „gebundene Rede im Flattersatz“, ein Schriftbild mit ungleich langen Zeilen, wie wir es nur noch von Gedichten gewohnt sind. Zu recht fragt Ransmayr: „Wo steht denn geschrieben, dass nur Lyrik im Flattersatz, also in Strophen aus verschieden langen Zeilen, erscheinen darf?“. So befremdlich uns das Schriftbild im ersten Moment erscheinen mag, erweist sich doch nach wenigen Seiten, dass der Lesefluß dadurch nicht gehemmt, sondern beflügelt wird. Der Leser gerät in einen meditativen Zustand, der das Lesen zur Lust werden läßt, auch wenn der Text weder Reim noch Versmaß hat. Da der Roman zunächst nur als gelesener Text, als Hörbuch, geplant war, ist das Versmaß der Atemrhythmus des vortragenden Autors. Ransmayr folgt mit dieser Erzählform dem Epos, das in der Antike zumeist mündlich vorgetragen wurde und häufig, wie die Odyssee, in Hexametern gesetzt war. Weitere Beispiele sind das „Niebelungenlied“ und „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach. Die Form des Langgedichtes in gebundener Rede ist zwar selten geworden, ist aber aus der Literatur der Neuzeit nicht verschwunden, wie das 2004 erschienene Versepos „Fredy Neptune“ des australischen Lyrikers Les Murray zeigt.

Ransmayrs Buch beschenkt uns nicht nur mit einem Bergsteigerepos, einem Bruderkonflikt und einer wunderbaren Liebesgeschichte, sondern verschafft uns auch einen ungewohnten Lesegenuß. Dafür gibt es fünf Herzen.

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Martin Mosebach     „Die Türkin“

Die Türkin

ISBN-139783423136747, dtv Verlag
Taschenbuch, 286 Seiten

Der Icherzähler; Mitte Dreißig, steht am Beginn einer viel versprechenden Karriere. Beim Besuch im Städel Museum trifft er mit dem berühmten amerikanischen Kunstsammler und Antiquar Hirsch zusammen, dessen Assistent und Nachfolger er werden soll. Er bereitet seine Abreise in die USA vor und kämpft derweil mit der türkischen Wäscherei, die wieder einmal seine Hemden nicht finden kann. Dort trifft er erstmals auf die Angestellte Jasmin/Pupuseh, beschimpft sie, hat darob ein schlechtes Gewissen und will sie vor seiner Abreise noch einmal sehen, um sich zu entschuldigen. Sie übermittelt ihm eine Botschaft durch Zeichen für ein Treffen. Ihre Cousine Zeynab, eine Friseuse, spielt die Vermittlerin, aber Pupuseh kommt nicht zum Stelldichein, sie wurde inzwischen in die Türkei gebracht. Eigentlich der richtige Zeitpunkt die Affäre zu beenden. Aber statt nach New York, fliegt der Protagonist in die Türkei, nach Antalya und versucht der „Wäschefrau“ in ihr kleines lykisches Dorf zu folgen. Soweit die Ausgangssituation.

Nach vielen archäologischen Wanderungen, Opferritualen und Erfahrungen des Erzählers mit dem türkische Dorfleben, taucht plötzlich ein Rivale um Pupusehs Gunst, der „Wäschetürke“ aus Frankfurt auf, und es kommt zum „showdown“ an einem lykischen Sarkophag, der einem shakespearschen Drama entnommen sein könnte, und bei dem der „Wäschetürke“ einem Herzinfarkt erliegt. Das Glück ist dem Helden dennoch nicht hold, denn Pupuseh ist längst einem türkischen Ingenieur versprochen. Ihm bleibt nur, nach deren Hochzeit nach Frankfurt zurück zu kehren und sich von der Friseuse Zeynab trösten zu lassen.

Ein Geschehen an zwei Orten also, zunächst in Frankfurt, dann in Lykien. Der Leser fragt sich allerdings schon früh, was einen jungen Mann mit vielversprechender internationaler Karriere dazu bringt, einer ihm nahezu unbekannten Türkin nach Lykien zu folgen. Ist er in sie verliebt? Vordergründig hat er nur ein schlechtes Gewissen. Von Liebe ist erstmals nach 200 Seiten die Rede und ein „Ich liebe Dich“ folgt erst am Ende des Buches und selbst das misslingt. Es geht in diesem Buch wohl nicht um Liebe, sondern eher um die Sehnsucht nach Liebe. Der wahre Grund der Reise bleibt dem Leser verschlossen, oder sollte sie dem Autor nur eine Plattform bieten, um seine profunden Kenntnisse der antiken archäologischen Funde in Lykien auszubreiten? Den Hang dazu belegen die ausführlichen Beschreibungen des Inneren indischer Paläste in “ Das Beben“ von ihm.

Sympathisch am Roman ist, dass die starken Persönlichkeiten der Handlung Frauen sind. Weniger Pupuseh selbst, die sich vom Geschehen mehr treiben lässt, als aktiv zu agieren. Aber ihre Cousine Zeynab und seine Gastgeberin Seliha bieten ein starkes Gegengewicht zum Dorfpatriarchen Muzafer.

Mosebach ist zweifellos einer der größten sprachlichen Ästheten in Deutschland – die Beschreibung eines herbstlichen Ahornblattes zu Beginn des Buches ist grandios – , aber sprachverliebt präsentiert er allzu häufig nur sein profundes Wissen. Der größte Mangel des Buches ist, dass man den Eindruck gewinnt, der Icherzähler sei mehr an antiken Stieren, lykischen Grabkammern und Ziegenopfern interessiert, als an der Beziehung des Erzählers zu Pupuseh.

Die Türkin ist sicher nicht das stärkste Buch von Martin Mosebach. Man lese besser „Der Mond und das Mädchen“ oder „Was davor geschah“

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 Wolfgang Büscher    „Berlin – Moskau: eine Reise zu Fuß“

rororo TB, 240 Seiten, ISBN-10: 349923677X, 8,99 €

Warum läuft jemand von Berlin nach Moskau, von Danzig nach Istanbul oder nach Santiago de Compostela? Zumindest Wolfgang Büscher vermiitelt in seinem Reisebericht glaubhaft, dass er dies nicht nur tut, um hinterher ein Buch darüber zu schreiben. Er ist auf seiner Wanderung offen für überraschende Begegnungen, er kann den Menschen ohne Vorurteile zuhören und er hat offene Augen für die kleinen Dinge am Wegesrand. Das alles beschreibt er mit feiner Ironie und genauer Beobachtungsgabe, so, wenn er sich über die Namensgebung bei Martin Walser mokiert, die Szenerie des polnischen Dorfplatzes in Ostorog oder die Suche nach sauberen Toiletten in Weißrussland beschreibt. Und Büscher ist ehrlich zu sich selbst und seinen Lesern: „Die Meter waren mein Rosenkranz. Ich habe viele vor mich hingemurmelt östlich von Minsk.“ Auch depressive Stimmungen und nicht enden wollende Wantertage im Regen haben ihren Platz.

Eine Reise gen Moskau ist auch immer eine Reise in die Vergangenheit, in unsere Geschichte. Man ist nie alleine unterwegs, immer begleiten Napoleon, die Heeresgruppe Mitte und die Landser den einsamen Wanderer. Sei es, dass er bis Küstrin auf der „Alle der Gehenkten“ unterwegs ist, die Liebe einer polnischen Gräfn zu einem deutschen Offizier beschreibt, in Katyn im Waldboden auf die Knochen ermorderter Polen stößt, oder das „radiologisch-ökologische Reservat“ von Tschernobyl besucht. Wolfgang Büscher ist mit neugierigem Blick und wachem Sinn unterwegs und der Leser ist ihm dankbar dafür, an seinen Begegnungen teilhaben zu dürfen, er ist aber auch froh, dies nur als „armchair traveller“ tun zu müssen.

Ein rundum empfehlenswertes Buch, aus dem wir viel lernen, nicht zuletzt, was uns das Reisen  abseits von Pauschaltourismus und Reiseführern zu bieten hat.

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