Auswahlliste

Neuere Literatur aus England und Irland:

1. Julian Barnes      „Vom Ende einer Geschichte“     btb TB, 192 S., 9,00 €

Als Finn Adrian in die Klasse von Tony Webster kommt, schließen die beiden Jungen schnell Freundschaft und Tony hat das Gefühl, dass Adrian in allem etwas klüger ist als er. Auch später, nach der Schulzeit, bleiben die beiden in Kontakt. Bis die Freundschaft ein jähes Ende findet. Vierzig Jahre später, Tony hat eine Ehe, eine gütliche Trennung und eine Berufskarriere hinter sich, ist er mit sich im Reinen. Doch der Brief eines Anwalts, verbunden mit einer Erbschaft, erweckt plötzlich Zweifel an den vermeintlich sicheren Tatsachen der eigenen Biographie. Je mehr Tony erfährt, desto unsicherer scheint das Erlebte und desto unabsehbarer die Konsequenzen für seine Zukunft.

2. John Banville       „Die See“      KiWi TB, 240 S., 8,99 €

John Banvilles erfolgreichster Roman, ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize
Anna und der Kunsthistoriker Max sind glücklich verheiratet, als sie erfahren, dass Anna unheilbar an Krebs erkrankt ist und nicht mehr lange leben wird. Nach ihrem Tod flüchtet Max ans Meer, in den Ort, in dem er als Kind aufregende Sommer verlebte. Damals lernte er die unkonventionelle Familie Grace kennen mit ihrem Zwillingspaar Myles und Chloe. Mrs Grace zieht den jungen Max magisch an und erweckt eine große Sehnsucht in ihm. Indem sich Max fast manisch erinnert an seine glückliche Zeit mit Anna und ihre letzten Tage im Krankenhaus, versucht er, sich mit dem erlittenen Verlust zu versöhnen.

3. Jane Gardam     „Ein untadeliger Mann“      dtv TB, 352 S. , 12,90 €

Edward Feathers, einst Kronanwalt in Hongkong, vollendeter Gentleman, und selbst mit achtzig noch ein schöner Mann, scheint ein mühelos erfolgreiches Leben gehabt zu haben, doch wer kannte ihn schon wirklich? Nicht einmal seiner Frau Betty hat er je erzählt, woher das Stottern kommt, das ihn in Augenblicken großer Aufregung noch immer überwältigt. Als Betty stirbt, bewahrt Feathers wie gewohnt Contenance. Doch eines Morgens setzt er sich ans Steuer seines Wagens und fährt los, das eigene Leben zu erkunden.

4. Anne Enright       „Rosaleens Fest“     Penguin TB, 384 S., 10 €

Rosaleen ist eine Frau, die nichts tut und von den anderen alles erwartet. Sie ist Mitte siebzig, die Kinder gehen schon lange ihre eigenen Wege. Da entscheidet sie sich, Ardeevin, das Haus, in dem die vier groß geworden sind, das voller Erinnerungen an Glücksmomente und Verletzungen steckt, zu verkaufen – und lädt zu einem letzten Weihnachtsfest ein. Die Geschwister reisen mit diffuser Hoffnung auf Versöhnung an – und doch endet auch dieses Weihnachten, wie noch jedes geendet hat.

5. Hilary Mantel      „Falken“      DuMont TB, 480 S., 12 €

»Sieh meinen Sohn Thomas böse an, und er sticht dir ein Auge aus. Stell ihm ein Bein, und er schneidet es dir ab«, sagt sein Vater über den jungen Cromwell. 35 Jahre später hat Thomas Cromwell die bescheidenen Verhältnisse des Elternhauses hinter sich gelassen. Sein Aufstieg am Hofe von Henry VIII verläuft parallel mit dem von Anne Boleyn, Henrys zweiter Frau, deretwegen dieser mit Rom gebrochen und eine eigene Kirche gegründet hat. Doch Henrys Verhalten hat England ins Abseits manövriert, und Anne konnte ihm keinen Thronfolger gebären. In Wolf Hall verliebt sich der König in die stille Jane Seymour. Cromwell begreift, was auf dem Spiel steht: das Wohl der gesamten Nation.

6. Ian McEwan       „Kindeswohl“      Diogenes TB, 224 S., 12 €

Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls – das ist das Spezialgebiet der Richterin Fiona Maye. In ihrer eigenen, kinderlosen Ehe ist sie seit über dreißig Jahren glücklich. Bis zu dem Tag, als ihr Mann ihr einen schockierenden Vorschlag unterbreitet und ihr ein dringlicher Gerichtsfall vorgelegt wird, in dem es für einen 17-jährigen Jungen um Leben und Tod geht.

7. Muriel Spark      „Memento Mori“      Diogenes TB, 272 S., geb. 24 €

Vier uralte Freunde, die sich eigentlich einen geruhsamen Lebensabend gönnen könnten. Doch als bei ihnen reihum das Telefon klingelt und eine mysteriöse Stimme sagt: »Bedenke, dass du sterben musst!«, da heuern sie nicht nur einen ebenso uralten Detektiv an, um einige merkwürdige Todesfälle in ihrem Bekanntenkreis aufzuklären. Sie sind auch endlich alt genug, um das Leben hemmungslos auszukosten.

8. John Berger      „Auf dem Weg zur Hochzeit“     Fischer TB, 224 S., 15 €

Eine Hochzeit im italienischen Küstenort Gorino. Ninon, die Braut, weiß, daß sie nicht mehr lange zu leben hat – und trotzdem heiraten sie und ihr geliebter Gino. Der Vater der Braut reist mit dem Motorrad aus Frankreich an, die Mutter kommt aus Bratislava. Reisen, in denen sich Erinnerungen, Gegenwart und die nahende tragische Zukunft zu einem einfühlsamen poetischen Roman verbinden. Und eine Liebesgeschichte, die auf Ninons Hochzeitsfeier in ihrem ekstatischen Tanz mündet …

9. Stephen Fry      „Das Nilpferd“      Aufbau TB, 400 S., 9,99 €

Das fängt ja gut an: Ted Wallace, Hauptakteur und Erzähler dieser Geschichte, fängt sich nach einer besonders unverschämten Kritik für eine Zeitung über ein gefeiertes Theaterstück eine Kündigung ein. Kurz danach trifft er durch Zufall auf seine 26-jährige Patentochter Jane, die ihm erstmals eröffnet, dass sie an Leukämie leidet und nicht mehr lange zu leben hat. Sie verspricht ihm viel Geld, wenn er eine Mission für sie erfüllt: er soll eine Zeit lang bei der reichen Familie Logan auf dem Land verbringen und ihr heimlich alles übermitteln, was er an Interessantem und Merkwürdigem über die große Familie herausfinden kann. Nicht nur, dass Ted eh und je unbeliebt unter den Logans war, sondern auch sein anderes Patenkind und ein Sprössling der Logans, David, macht ihm Sorge. Diesem werden Heilkräfte nachgesagt, doch keiner konnte in Erfahrung bringen, wie er das anstellt. Genau dem geht Ted genauer nach…auch wenn er noch nicht weiss, worauf Jane mit ihrem Auftrag eigentlich hinaus will.

10. A.L.Kennedy      „Das blaue Buch“      dtv TB, 368 S. 11,90 €

Derek hat einen Verlobungsring im Reisegepäck, aber er wird nicht dazu kommen, ihn Beth auf der Kreuzfahrt zu überreichen. Denn es ist ein Mann mit an Bord, das Gegenteil von Derek und die Aussicht auf ein geregeltes und ehrbares Leben, und dieser Lebenskünstler, Hochstapler, philanthropische Blender wird in Beth die Schleier zerreißen, die sich ihr schonend über Herz und Erinnerung gelegt haben.
Ein scharfsinniger, sprachgewaltiger und intelligenter Roman über das, was das menschliche Herz gerade noch ertragen kann, bevor es bricht.

11. John Burnside     „Lügen über meinen Vater“      Penguin, 384 S., 10,00 €

Der Vater war ein Nichts. Als Säugling auf einer Türschwelle abgelegt. Zeitlebens erfindet sich John Burnsides Vater in unzähligen Lügen eine Herkunft, will Anerkennung und Bedeutung. Er ist brutal, ein Großmaul, ein schwerer Trinker, ein Tyrann. Seine Verachtung zerstört alles, die Mutter, die Familie, John. Dieser hat als junger Mann massive Suchtprobleme, landet in der Psychiatrie und erkennt schließlich in den eigenen Exzessen den Vater. Erst die Entdeckung der Welt der Literatur eröffnet ihm eine Perspektive. Nur einem Autor vom Kaliber John Burnsides kann es gelingen, eine solche, auch noch autobiographische Geschichte in Literatur zu überführen.

12. Emily Brontë      „Sturmhöhe“      Anaconda u.a., 398 S., 7,95 €

Auf einer Anhöhe inmitten der rauen Landschaft des englischen Yorkshire liegt das Anwesen »Wuthering Heights«, dem Wind schutzlos ausgesetzt, der hier strenger als anderswo weht. Sein Besitzer, der herzensgute Mr Earnshaw, nimmt den Findling Heathcliff zu sich, in den Earnshaws Tochter Cathy sich bald schon heftig verliebt. Doch ihre Liebe endet im Unglück, und ein Gespinst aus Verrat und Rache liegt fortan über dem Landgut. Emily Brontës einziger Roman, zuerst 1847 unter Pseudonym erschienen, gehört als eines der außergewöhnlichsten Werke des viktorianischen Zeitalters längst zum Kanon der Weltliteratur.

13. Adrian McKinty      „Der katholische Bulle“      Suhrkamp, 384 S., 10 €

Belfast befindet sich im Ausnahmezustand. Detective Sergeant Sean Duffy ist neu in der Stadt, und gleich bei seinem ersten Fall – der Suche nach einem Serienkiller – muss er sich ins Zentrum des Terrors begeben. Doch auch unter den Kollegen in Carrickfergus, einem Vorort von Belfast, wohin er nach seiner Beförderung gerade erst versetzt wurde, muss sich der junge Polizist sein Ansehen erkämpfen. Entlang der Frontlinien ermittelt Duffy in zwei Mordfällen, hinter denen ein Serienkiller zu stecken scheint. Eines der Opfer stand in Verbindung mit den höchsten IRA-Kreisen, wo Duffy auf eine Mauer des Schweigens trifft. Ein anspruchsvoller Politthriller kombiniert mit anspruchsvoller Literatur.

14. A.S. Byatt      „Besessen“       Insel TB, 631 S., 10,00 €

Der junge Literaturwissenschaftler Roland Michell stößt auf einen unbekannten Liebesbrief des berühmten Dichters Randolph Henry Ash – ein sensationeller Fund und die große Chance für den perspektivlosen Forscher. Mit der Hilfe seiner Kollegin Maud Bailey versucht er, Ashs Geheimnis zu enthüllen. Bei der Jagd nach beweiskräftigen Dokumenten stürzen sich Roland und Maud in eine leidenschaftliche Affäre – und verstricken sich immer tiefer in ein Netz aus ominösen Intrigen und gefährlichen Verwicklungen: Denn sie sind nicht allein auf der Suche nach der geheimnisvollen Adressatin …

15. Bruce Chatwin      „Auf dem schwarzen Berg“      Fischer TB, 327 S., 9,95 €

Eine atmosphärisch dichte Erzählung, über das scheinbar ereignislose Leben zweier Brüder aus Wales. Tief verwurzelt sind sie in ihrer Einsamkeit, in ihrer Zweisamkeit, aus denen es ihnen nicht gelingen will, auszubrechen. Kleine Dinge sind Ereignisse, wirkliche Ereignisse bedrohen nahezu die Welt, in der sie leben, die sie sich erarbeitet und aufgebaut haben. Chatwin als Architekt einer großen und anrührenden Familiengeschichte um zwei Zwillingsbrüder – von der Wiege bis ins letzte Lebensjahr. Ein schönes und poetisches Meisterwerk.

16. Graham Greene      „Dr stille Amerikaner“      dtv TB, 240 S. , 9,90 €

Der englische Journalist Thomas Fowler sieht den Kolonialkrieg der Franzosen in Vietnam mit kühler Distanz. Er interessiert sich mehr für seine vietnamesische Geliebte Phuong und die asiatische Lebensart als für Politik. Der Amerikaner Aldon Pyle dagegen arbeitet angeblich für eine Wirtschaftshilfe-Organisation und will, scheinbar naiv, sendungsbewußt und demokratiegläubig, etwas Gutes tun. Erstaunlicherweise benutzt er Plastikbomben dazu. Graham Greenes berühmter Vietnam-Roman ist auch ein Krimi, der den Leser in die Zeit der Wirren in Indochina – Vietnam – kurz nach dem zweiten Weltkrieg versetzt.

17. Zadie Smith      „London NW“      Goldmann TB, 432 S., 9,99 €

Leah und Natalie wachsen in einer Hochhaussiedlung auf – immer das Ziel vor Augen, ihr Zuhause eines Tages zu verlassen und etwas Größeres, Besseres aus ihrem Leben zu machen. Doch auch dreißig Jahre später sind sie nicht richtig weit gekommen. Beide sind blind für die Probleme der jeweils anderen, neiden einander das vermeintlich perfekte Leben. Bis eine Fremde an Leahs Tür klingelt, um sie um Hilfe zu bitten – und die Ereignisse sich überschlagen …

18. Virginia Woolfe      „Mrs. Dalloway“      Fischer TB, 208 S., 8,95€

Ein Junitag im Jahre 1923. Clarissa Dalloway, Gattin eines Parlamentsabgeordneten, trifft die Vorbereitungen für eine große Abendgesellschaft. Während dieser Verrichtungen ergeht sie sich in Erinnerungen, lotet ihr Leben aus und wird sich der Enge und Leere ihres Daseins schmerzlich bewußt. Mrs. Dalloways Reflexionen, wie überhaupt die inneren Monologe des Romans, bilden den eigentlichen Kern der Handlung, während die Darsteller puppengleich auf dem gesellschaftlichen Parkett agieren. Verfilmt mit Vanessa Redgrave.

19. Frank McCourt      „Die Asche meiner Mutter“      btb, 539 S., 11,00 €

„Schlimmer als die gewöhnliche unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit“, schreibt Frank McCourt in Die Asche meiner Mutter. „Schlimmer noch ist die unglückliche katholische irische Kindheit.“ Willkommen, also, zum Gipfel der unglücklichen katholischen irischen Kindheit. 1930 in Brooklyn als Kind der erst kurz zuvor eingewanderten Iren Malachy und Angela McCourt geboren, wuchs Frank in Limerick auf, nachdem seine Eltern wegen der schlechten Aussichten in Amerika nach Irland zurückgekehrt waren. Frank McCourts Erinnerungen an seine Jugend in den dreißiger und vierziger Jahren gehören zum Schrecklichsten und zugleich Schönsten, was je über Irland und die irische Seele geschrieben wurde.

20. Edmund de Waal      „Der Hase mit den Bernsteinaugen“      dtv, 352 S., 11,90 €

264 Netsuke, japanische Miniatur-Schnitzereien aus Holz und Elfenbein, liegen in der Vitrine des britischen Töpfers Edmund de Waal, Nachkomme der jüdischen Familie Ephrussi aus Odessa. Wie sie dorthin kamen, erzählt dieses Erinnerungsbuch. Eine Familienchronik, in der sich europäische Geschichte der letzten hundertfünfzig Jahre spiegelt, eine Wunderkammer, eine brillant geschriebene Erkundung über Besitz und Verlust, über das Leben der Dinge und die Fortdauer der Erinnerung.

21. Jeanette Winterson        „Warum glücklich statt einfach nur normal“

Fischer TB, 256 S., 10,99 €

Mit sechs Monaten wird die Autorin Jeanette Winterson als Waisenkind zu einem kinderlosen Ehepaar in ein nordenglisches Arbeiterstädtchen gegeben. Die Adoptivmutter, eine streng gläubige Pfingstlerin, lebt in ständiger Erwartung der Apokalypse und sperrt Jeanette in den Kohlenkeller. Jeanette flüchtet sich aus der Realität, in der sie leben muss, und stürzt sich in die Lektüre von Büchern. Mit 16 verliebt sie sich in eine Frau und zieht aus. Viele Jahre später trifft sie auf ihre leibliche Mutter und fragt sich, was aus ihr selbst geworden wäre ohne all die Strenge und Freudlosigkeit der Adoptivmutter. Mit bissigem Witz und kraftvoll poetischer Sprache erzählt Winterson ihre Lebensgeschichte. Bewegend, komisch, furchtlos, wahr.